Dortmund - Gehofft, gebangt - und am Ende doch raus ohne Applaus. Nach der 2:3-Niederlage gegen Marseille ist der BVB in Europa nur noch Zuschauer. Und um eine ernüchternde Erkenntnis reicher. "Insgesamt war das Spiel ein Spiegelbild des gesamten Champions-League-Jahres. Wir haben viel, viel Lehrgeld bezahlt", stellte Michael Zorc fest.

Borussia Sportdirektor merkte man nach dem Spiel an, dass auch bei ihm die Enttäuschung tief sitzt. Nicht, weil man sich als Deutscher Meister unter Europas Besten hoffnungslos unterlegen präsentiert hätte. Im Gegenteil: Der BVB agierte in einigen Partien spielerisch überlegen, in anderen zumindest gleichwertig. Aber unter dem Strich sprang dabei kaum Zählbares heraus. Aufwand und Ertrag standen zumeist in einem krassen Missverhältnis. "Super Ansätze, richtig gute Phasen, aber am Ende haben wir dafür fast nichts bekommen", heißt das bei Jürgen Klopp.

"Eine Halbzeit lang war es ein Riesenspiel"

So wie auch im sechsten und letzten Spiel der Gruppenphase gegen Marseille. "Wir haben unglaublich viel investiert, aber dem Gegner hat trotzdem wenig gereicht", musste Klopp bilanzieren, "eine Halbzeit lang war es ein Riesenspiel, bei dem jeder an das Wunder glauben konnte". Da agierte der Deutsche Meister bei seiner Jagd nach vier Toren konzentriert und entschlossen, kontrolliert und zugleich mit gewohnt unwiderstehlichem Offensivdrang. Auch für den Torschützen Mats Hummels konnte es keinen Zweifel geben, "dass wir dieses Spiel zumindest hätten gewinnen müssen."

Der BVB aber tat es nicht, weil man sich nicht zum ersten Mal alle Trümpfe ebenso unnötig wie deutlich aus der Hand nehmen ließ. Zielstrebigkeit und Selbstbewusstsein blieben auf der Strecke. Stattdessen kassierte Dortmund unnötige Gegentreffer und baute den Gegner so wieder auf. "Wir haben ein Torverhältnis von minus sechs, das ist jenseits von dem, was wir für uns als akzeptabel empfinden", legte Klopp den Finger in die Wunde.

"Ein bisschen blöd angestellt"

Bleibt die Frage, warum der Deutsche Meister in der Bundesliga auch in diesem Jahr mit einer starken Defensivleistung überzeugt (10 Gegentore in 15 Partien), in der Champions League aber regelmäßig ein anderes Gesicht offenbarte (12 Gegentreffer in 6 Partien). Nur ein Sieg in sechs Spielen und der letzte Tabellenplatz in der Gruppe können kein Zufall sein.

Tatsache ist: Immer wieder waren es vor allem naive und individuelle Fehler, die brutal bestraft wurden – wie auch gegen Marseille. "Vielleicht haben wir uns in der einen oder anderen Situation einfach ein bisschen blöd angestellt", gestand Mario Götze ganz offenherzig im Interview ein.

"Solche Fehler werden auch in der Bundesliga sofort bestraft"

Von mangelnder Erfahrung wollte Götze nichts hören – und das gilt auch für seinen Trainer. "Die Fehler bei den Gegentoren waren völlig inakzeptabel, solche Fehler haben nichts mit fehlender internationaler Erfahrung zu tun. Die werden auch in der Bundesliga sofort bestraft" meint Jürgen Klopp. Einziger Unterschied: "Wir machen diese Fehler, zum Beispiel nach Standardsituationen, in der Bundesliga nicht", stellt Kevin Großkreutz fest.

Ein zweites Problem hingegen ist Borussia Dortmund auch aus der Liga nur allzu bekannt - die mangelnde Chancenverwertung. Auch gegen Marseille war dies wieder offensichtlich, als Mario Götze schon in der ersten Halbzeit zwei hochkarätige Möglichkeiten leichtfertig liegen ließ.

Blick nach vorne gerichtet

Folgt man Mats Hummels, geht es für Borussia Dortmund jetzt darum, aus den Erlebnissen dieser Europapokal-Runde einiges mitzunehmen, auch wenn es nicht Siege und Ruhm sind. "Wir müssen lernen und uns weiterentwickeln. In der Bundesliga waren wir auch erst Sechster und Fünfter - und dann Meister", meint der Nationalspieler. Felipe Santana sieht das ähnlich: "Das Leben ist ein Schulbuch. Du musst aus Erfahrungen lernen."

Die Gedanken gehen schon jetzt voraus und der Blick in die Zukunft ist bei Hummels zugleich auch eine Kampfansage an die Konkurrenz in der Bundesliga: "Wenn wir uns nächstes Jahr wieder für die Champions League qualifizieren, dann wollen wir dort ein anderes Gesicht zeigen!"

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte