
Niklas Süle, der etwas andere Fußballprofi macht Schluss
Mit 30 Jahren ist im Sommer Schluss. Das hat Niklas Süle von Borussia Dortmund beschlossen. bundesliga.de blickt zurück auf eine bewegte Karriere, die deutsche Meisterschaften und Pokale, internationale Höhepunkte aber auch immer wieder Diskussionen um seine Person beinhaltete.
"Ich möchte bekanntgeben, dass ich meine Karriere im Sommer beenden werde", sagte Niklas Süle im Podcast "Spielmacher". Es klang nicht nach großem Pathos, sondern eher nach der nüchternen Gelassenheit eines Spielers, der den Fußball immer etwas anders gelebt hat als viele seiner Kollegen. Süle war nie der geschniegelt auftretende Musterprofi, nie der athletische Instagram-Körperkult-Kicker.
Stattdessen begleiteten ihn über Jahre Diskussionen über Gewicht, Fitness und Professionalität. Immer wieder wurde über "ein paar Kilo zu viel" gesprochen – sogar die Nicht-Nominierung für die EM 2024 soll damit zusammengehangen haben. Und doch war da gleichzeitig dieser außergewöhnliche Verteidiger: 1,95 Meter groß, technisch stark, überraschend schnell und mit einer Karriere, von der die meisten Profis nur träumen können.

2022 ablösefrei zum BVB
Alles begann in Sinsheim bei der TSG Hoffenheim. Als 14-Jähriger wechselte Süle Anfang 2010 von Darmstadt zur TSG, bei der er zum Bundesliga-Profi reifte. Seine ersten 108 Bundesliga-Spiele absolvierte er für die Kraichgauer, ehe 2017 der Schritt zum FC Bayern München folgte.
Dort entwickelte sich seine noch junge Karriere zu einer echten Erfolgsgeschichte: fünf deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege und 2020 sogar das Triple. Insgesamt absolvierte Süle 114 Bundesliga-Spiele für die Münchner. 2022 wechselte er ablösefrei zu Borussia Dortmund, wo seine Karriere nun nach vier Jahren endet.
Sportlich hinterlässt Süle beeindruckende Zahlen: Aktuell steht er bei 299 Bundesliga-Spielen, 16 Toren und 13 Vorlagen. Besonders bemerkenswert: Trotz seiner robusten Spielweise war Süle in seiner gesamten Bundesliga-Karriere nie gesperrt. Auch seine Zweikampfwerte konnten sich stets sehen lassen – über die gesamte Laufbahn gewann er starke 64,6 Prozent seiner Duelle.
Süle überzeugt mit überraschend viel Tempo
Selbst in seiner verletzungsgeprägten letzten Saison lag seine Quote noch bei ordentlichen 58,6 Prozent. Dazu kamen für einen Innenverteidiger außergewöhnliche Fähigkeiten im Spielaufbau: 90,5 Prozent erfolgreiche Pässe aus dem Spiel sprechen eine klare Sprache.
Überhaupt war Süle immer ein Spieler der Extreme. Einerseits die Diskussionen um seine körperliche Verfassung, andererseits Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 35 km/h – Werte, die eher an Außenstürmer als an einen 1,95-Meter-Innenverteidiger erinnern.
Dazu kamen große internationale Momente: 49 Länderspiele zwischen 2016 und 2023, Teilnahmen an zwei Weltmeisterschaften und einer Europameisterschaft. In Erinnerung bleiben aber auch die schwierigen Phasen. Gleich zweimal erlitt Süle einen Kreuzbandriss im linken Knie – 2014 und 2019 jeweils mit monatelangen Pausen. Dass er sich davon zurückkämpfte, passte zu seiner Karriere: selten glamourös, oft unterschätzt, aber immer widerstandsfähig.

Süles Angst vor einem dritten Kreuzbandriss
Vor dem Hintergrund seiner beiden Kreuzbandrisse schildert Süle im Podcast "Spielmacher" die emotionalen Szenen nach seiner jüngsten Knieverletzung: "Was ich empfunden habe, als unser Doc in der Kabine in Hoffenheim den Schubladentest gemacht hat, den Physio anschaute und den Kopf schüttelte, der Physio es ebenfalls gemacht hat und auch keinen Anschlag gemerkt hat, da bin ich in die Dusche und habe zehn Minuten geweint. In der Situation dachte ich wirklich: ‚Das ist gerissen‘". Ein späteres MRT gab Entwarnung.
Zu den größten Szenen seiner Laufbahn zählen ausgerechnet jene Momente, die nicht in klassischen Highlight-Clips auftauchen. Im Champions-League-Finale 2020 gegen Paris Saint-Germain wurde Süle nach nur 25 Minuten für den verletzten Jérôme Boateng eingewechselt – ohne viel Spielpraxis nach seinem Kreuzbandriss. Trotzdem verteidigte er abgeklärt und half den Bayern beim 1:0-Sieg.
Legendär blieb auch seine Rettungstat im Champions-League-Halbfinale mit Dortmund gegen PSG, als er eine Großchance von Kylian Mbappé vereitelte. Szenen wie diese zeigten, warum Trainer trotz aller Diskussionen immer wieder auf ihn setzten.
Süle hofft auf Einsatz 300 zum Abschluss
Und so schließt sich der Kreis ausgerechnet dort, wo es begann: in Hoffenheim. Am 30. Spieltag verletzte sich Süle bei der Partie gegen seinen Ex-Klub, verursachte zuvor noch per Handspiel einen Elfmeter – eine bittere voerst letzte Amtshandlung eines Spielers, dessen Karriere selten geradlinig verlief.
Noch besteht Hoffnung, dass er in der laufenden Saison zumindest einmal eingesetzt wird und sein 300. Bundesliga-Spiel erreicht. Nach seiner Knieverletzung, die zunächst Schlimmeres vermuten ließ, sich dann aber als nicht drastisch herausstellte, besteht die Chance auf einen Kaderplatz in einem der letzten Spiele.
Es wäre ein passender Abschluss für einen Profi, der nie perfekt wirkte, aber genau deshalb vielen im Gedächtnis bleiben dürfte: als etwas anderer Fußballer in einer zunehmend durchoptimierten Fußballwelt.










