Zé Roberto ist einer der Superstars der bisherigen Bundesliga-Saison. Der brasilianische Nationalspieler des Hamburger SV verblüfft nicht nur auf dem Rasen, sondern auch im Interview - mit ehrgeizigen Zielen, Visionen und ganz persönlichen Zukunftsplänen.

bundesliga.de: Zé Roberto, wie überrascht sind Sie von der hervorragenden Rolle des Hamburger SV in der Bundesliga und von dem außergewöhnlichen Interesse rund um Ihre Person?

Zé Roberto: Es ist natürlich sehr erfreulich, mit einer personell doch ziemlich neu zusammengestellten Mannschaft von Saisonbeginn an gut in Schwung gekommen zu sein und mit zur Spitzengruppe der Bundesliga zu gehören. Und selbstverständlich bin ich auch sehr zufrieden damit, wenn meine Leistungen auf dem Fußballplatz zu diesem erfolgreichen Spiel beitragen und das in der Öffentlichkeit - vor allem von den Fans des HSV - positiv gesehen wird.

bundesliga.de: Sehen Sie Ihren dritten Club in der Bundesliga als eine spezielle Herausforderung?

Zé Roberto: Diese Motivation gibt es grundsätzlich bei jeder Aufgabe. Wobei die Entwicklung zu meinem Wechsel nach Hamburg schon ein wenig besonders war. In München hatte ich davon gehört, dass Bruno Labbadia angeblich über meine Verpflichtung nachdenken würde. Zu einem Zeitpunkt mit einer ganz anderen Situation für uns beide. Er war noch Trainer in Leverkusen, und ich war noch Spieler bei Bayern München. Umso erfreulicher, dass wir einige Monate später beim HSV zusammengekommen sind. Wobei die Herausforderung hier nun eine andere ist als in München.

bundesliga.de: In welcher Hinsicht?

Zé Roberto: Beim FC Bayern sind Meisterschaften und andere Erfolge eher die Normalität, obwohl man natürlich auch in München auf jeden Titel stolz sein darf. Aber dort wurden schon so viele gefeiert. Beim HSV hingegen liegen die ganz großen Erfolge schon ziemlich lange zurück, die letzte Deutsche Meisterschaft wurde 1983 gewonnen, also vor inzwischen 26 Jahren. Ein wesentliches Ziel wird es aber auch sein, den HSV so aufzustellen, dass dieser große Club über Jahre hinweg regelmäßig oben um die internationalen Plätze mitspielt.

bundesliga.de: Ein Titel in dieser Saison würde das sicherlich erleichtern.

Zé Roberto: Natürlich wartet der gesamte Club auf ein solches Ereignis, und vor allem die Fans fiebern dem Gewinn eines Titels entgegen. Auch unter diesem Eindruck träume ich von der Schale, zumal ich das tolle Gefühl, sie in den Händen zu halten, ja aus München gut kenne. Wobei ich an dieser Stelle auch noch einmal herausheben möchte, dass ich mich dort ebenfalls unheimlich wohl gefühlt habe, es keinerlei Ressentiments gibt und ich dem FC Bayern sehr viel zu verdanken habe. Gleiches gilt auch für meine Zeit bei Bayer 04 Leverkusen.

bundesliga.de: Leverkusen war vor elf Jahren Ihr Ausgangspunkt in der Bundesliga. Was wussten Sie damals über Deutschland und über seinen Fußball?

Zé Roberto: Ganz ehrlich: nicht wirklich viel. Natürlich wusste ich, dass Carlos Dunga, Jorginho, Paulo Sergio und Giovane Elber hier gespielt haben. Von den Clubs kannte ich aber eigentlich nur den FC Bayern München und Borussia Dortmund. Und ganz allgemein hatte ich vor allem gehört, dass es hier sehr kalt sein soll. Klar: Einige Dinge über Deutschland hatten wir in der Schule gelernt - über die frühere Teilung des Landes, über das vorherige politische System im Osten.

bundesliga.de: Und wie sehen Sie Deutschland heute, also elf Jahre später?

Zé Roberto: Vielleicht wird diese Frage am besten dadurch beantwortet, dass ich heute noch nicht weiß, wo ich später nach dem Ende meiner Karriere einmal leben werde - ob hier in Deutschland oder in Brasilien. Das ist im Moment noch schwierig zu sagen. Dass aber beide Möglichkeiten für mich in Frage kommen, zeigt doch sehr deutlich, wie wohl ich mich nach so vielen Jahren hier ebenso fühle wie meine Frau und unsere drei Kinder, die in Deutschland geboren sind. Es ist doch auch bezeichnend, dass ich nach zwischenzeitlich einem Jahr beim FC Santos noch einmal nach München zum FC Bayern zurückgekehrt bin.

bundesliga.de: Was macht für Sie und Ihre Familie Lebensqualität in Deutschland aus? Was schätzen Sie hier ganz besonders?

Zé Roberto: Ganz oben steht ganz bestimmt der Aspekt Sicherheit, dass Dinge in Deutschland recht zuverlässig funktionieren, dass es Gewalt nicht in diesem Maße gibt wie zum Beispiel auch in Brasilien. Das gibt uns einfach ein sehr gutes Gefühl. Natürlich muss jeder durch eigenes Verhalten dazu aber auch seinen Teil beitragen, sich auf die Gegebenheiten einstellen, die man in diesem anderen Land vorfindet.

bundesliga.de: Sind Ihr Trainingsfleiß, Ihre Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit auch wesentlich für Ihre Topform im reifen Fußball- Alter von 35 Jahren?

Zé Roberto: Solche Tugenden wie Disziplin, Pünktlichkeit, Selbstbeherrschung habe ich schon als kleiner Junge verinnerlicht, mir damals eigentlich selbst aneignen müssen. Unser Vater hat die Familie früh verlassen, meine Mutter musste an zwei Arbeitsstellen auf einmal tätig sein. Deshalb war ich doch sehr auf mich allein gestellt und habe dadurch aber auch meinen Weg im Leben gefunden. Das Leben hat mir beigebracht, wie man sich auch alleine durchschlägt. Deshalb hatten Aspekte wie Pünktlichkeit oder Fitness von klein auf für mich Priorität. Dass ich aber jetzt mit 35 Jahren noch so gut und auf diesem Niveau spielen kann, ist von Gott gegeben - als ein Talent, das mir mit auf meinen Lebensweg gegeben worden ist.

bundesliga.de: Was werden Sie in zehn Jahren machen?

Zé Roberto: Es ist natürlich sehr, sehr schwer, zehn Jahre vorauszuschauen. Abgesehen von meiner Person bietet sich Brasilien in den kommenden Jahren durch die beiden Großereignisse im eigenen Land, die Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio, eine wirklich große Chance: vielfältige Probleme des Landes zu überwinden, der Welt hoffentlich auch zeigen zu können, dass Brasilien nicht nur Fußball und Samba zu bieten hat. Dieser Eindruck wird manchmal auch hier im Fernsehen vermittelt. Dabei ist Brasilien auch ein sehr schönes Land, in dem es viele Fortschritte gibt. Mich selbst sehe ich in der Zukunft schon sehr deutlich in meinen sozialen Projekten.

bundesliga.de: Nicht alle Fußballer aus Südamerika fassen in Europa und in der Bundesliga so perfekt Fuß wie Sie - aus verschiedenen Gründen. Ist es für Sie auch vorstellbar, solche Spieler zu unterstützen?

Zé Roberto: Diese wirklich gute Idee ist mir selbst auch schon in den Sinn gekommen. Denn es gibt tatsächlich sehr talentierte Spieler, die Probleme mit der Sprache, der Integration oder der Mentalität haben. Eine Möglichkeit wäre auch eine Art Austausch zwischen Deutschland und Brasilien für junge Spieler, die mit der notwendigen Unterstützung jeweils im anderen Land Fußball spielen, aber auch eine andere Mentalität kennen lernen. Es ist durchaus möglich, dass schon in absehbarer Zeit ein solches Projekt gestartet wird, in das ich mich dann auch einbringen könnte.

bundesliga.de: Was wäre aus Ihrer Erfahrung die wichtigste Botschaft an junge Spieler?

Zé Roberto: Das Wichtigste überhaupt ist das Erlernen der jeweiligen Landessprache. Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg. Nicht unbedingt zum Erfolg auf dem Fußballplatz, aber um sich allgemein integrieren zu können und wohl zu fühlen. Dass man es schafft, sich mit den Menschen in diesem Land auseinanderzusetzen, sie zu verstehen, mit ihnen kommunizieren zu können. Für mich selbst war und ist das sehr wesentlich, auch wenn ich große Interviews immer noch gerne in meiner Heimatsprache gebe, weil gewisse Formulierungen mir dann leichter fallen. Wenn ich meine Erfahrungen zusammennehme und sie betrachte, bleibt für mich unter dem Strich schon jetzt, dass die Bundesliga mein Leben bereichert hat.

bundesliga.de: Welche Stichworte zur Bundesliga würden Sie einem brasilianischen Landsmann in Ihrer Heimat vor allem nennen?

Zé Roberto: Spannung in der Meisterschaft, hervorragende Organisation, tolle Stadien, viele Zuschauer. Die Bundesliga hat große Qualität, ist konkurrenzfähig im Vergleich zu den anderen europäischen Topligen, hat dazu aber den großen Vorteil, dass der Titel fast immer sehr umkämpft ist. Beispielsweise im Vergleich zu Spanien, wo in aller Regel der FC Barcelona und Real Madrid den Titel unter sich ausmachen. Hier in Deutschland spielen hingegen pro Saison vier, fünf Mannschaften um den 1. Platz. Das ist nicht nur attraktiv für die vielen Fans, sondern auch spannend für uns Spieler. Darüber hinaus ist der Terminplan ebenso wie das Drumherum bei den Spielen einfach sehr gut geregelt. Deshalb macht es sehr viel Spaß, als Spieler ein Teil dieser Bundesliga sein zu können.