Frankfurt - Peter Fischer ist keiner, der seine Gefühle versteckt. Am Samstag stand der groß gewachsene Präsident von Eintracht Frankfurt mit knallroten Schuhen in den Katakomben der Arena und kriegte sich nach dem 1:0 gegen den hochüberlegenen Tabellenzweiten Borussia Dortmund kaum mehr ein. "Was machen die mit uns? Das hältst du auf der Tribüne nicht aus", sagte Fischer und übertrieb: "Die Leute sind reihenweise umgefallen, das kann kein Mensch erklären. Das ist Frankfurt, das gibt es nur in Frankfurt."

Bei allem Überschwang: Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das die Mannschaft ihren Fans in dieser Saison zumutet. Vor drei Wochen noch schien die Eintracht fast ausweglos dem Abstieg entgegen zu taumeln. Doch dann gewann die SGE drei Mal hintereinander und kann den Klassenerhalt nun aus eigener Kraft schaffen.

Frankfurt hat es in der eigenen Hand, mit einem Remis am Samstag die Relegation zu vermeiden (15.30 Uhr / Liveticker bei bundesliga.de). Es ist ein Endspiel um den 15. Platz, das sich die Eintracht mit dem SV Werder Bremen liefert. Am letzten Spieltag! Mehr Spannung geht nicht! Bremen hat 35 Punkte, Frankfurt 36.

Abstieg zum Abschied? "Unwahrscheinlich!"

Einen direkten Abstieg zu seinem Abschied hält selbst Heribert Bruchhagen, der nach zwölfeinhalb Jahren als Vorstandsvorsitzender nach dieser Saison in Rente geht, bei drei Punkten Vorsprung auf den Tabellenvorletzten VfB Stuttgart und dem besseren Torverhältnis nun für "nicht mehr sehr wahrscheinlich. Wir haben mehr erreicht, als wir vor Wochen zu hoffen gewagt haben".

Vor drei Wochen hatte der 67-Jährige daran nur in seinen kühnsten Träumen geglaubt. Die Saison und seine Amtszeit schienen mit einem Alptraum zu enden. Aber dann gewann die Elf die beiden Derbys gegen den 1. FSV Mainz 05 (2:1) und beim SV Darmstadt (2:1); nun auch noch gegen den BVB - und plötzlich glauben alle wieder an diese Mannschaft, auch Peter Fischer: "Wenn man die letzten drei Spiele gesehen hat, dann kann man davon ausgehen, dass sich nächsten Samstag um 17.20 Uhr die Liga darauf freuen kann, die geilste Mannschaft ein weiteres Jahr in der ersten Klasse zu haben."

Aufatmen überall

Eintracht-Vorstand Heribert Bruchhagen ist optimistisch © gettyimages / Simon Hofmann

Die Erleichterung war überall zu spüren nach dem überraschenden Erfolg gegen den BVB - nicht nur beim Präsidenten. Die Fans feierten die Elf, als sei der Abstieg schon vermieden. Das ist er aber noch nicht, die Relegationsspiele gegen den Dritten der 2. Bundesliga wären bei einer Niederlage in Bremen wohl Realität (hier geht's zum Tabellenrechner).

Einer, der sich dessen durchaus bewusst ist, ist Niko Kovac. Der Trainer hat nach der Entlassung Armin Vehs zwölf Punkte in acht Spielen gesammelt und der Mannschaft wieder den Glauben, eine klare Struktur und viel Leidenschaft eingeimpfelt. "Wir haben uns das Herz herausgekämpft", sagte ein jubelnder Torwart Lukas Hradecky nach dem Sieg gegen hochüberlegene Dortmunder (76 Prozent Ballbesitz) mit viel Pathos. "Das Allerwichtigste war der Sieg gegen Mainz. Da haben wir gespürt, da geht noch was."

Wiederholt sich Geschichte?

Auch ohne ihren Torjäger Alexander Meier gewinnt diese Elf ihre entscheidenden Spiele in der entscheidenden Saisonphase. So wie im Sommer 1999, als die Eintracht den sicher geglaubten Abstieg durch vier Siege in den vier abschließenden Spielen noch verhinderte. Wiederholt sich nun die Geschichte? Kovac beschwört: "Wir wandeln auf den Spuren der 99er." Jüngst zeigte er seinen Profis noch einmal die Bilder dieser Aufholjagd im Eintracht-Museum.

Nun ist der Geist dieser Phase wieder da: "So eine Situation führt zu Solidarität", sagt Vorstand Bruchhagen. Die Stimmung im mit 51.500 Zuschauern ausverkauften Stadion am Samstag war großartig. Doch der Trainer, der Kompaktheit, Stabilität und Organisation lehrt, warnt: "Wir haben noch nichts erreicht", und verspricht: "Wir lassen kein halbes Prozent nach." Das ist auch nötig, denn Werder wird sicher versuchen, der Eintracht Platz 15 noch streitig zu machen. Was für ein Saisonfinale!

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Aus Frankfurt berichtet Tobias Schächter