Trainerwechsel unterliegen im Sport einerseits den eigenen Gesetzen, andererseits aber immer auch einer eigenen Logik. Zunächst wirbt ein Club leidenschaftlich um die Gunst eines bestimmten Trainers. Wenn der dann partout nicht kommen mag, dann kommt eben ein anderer.

Und natürlich wird Plan B mit schelmischer Selbstverständlichkeit umgehend zum Wunschkandidaten erklärt. Es soll ja schließlich nicht etwa der Eindruck entstehen, man hätte zuvor schon mit Plan A gesprochen.

Es hat nur einen geben können

"Mit Jürgen Klopp hat der BVB seinen Wunschkandidaten verpflichten können", hatte somit auch Borussia Dortmund am 23. Mai auf seiner Vereinsseite verkündet. Und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte es eilig zu ergänzen: "Wir haben nur mit ihm gesprochen."

'Mit wem auch sonst?', lag dem interessierten Beobachter die Gegenfrage auf der Zunge, die eingleisige Trainersuche war in diesem speziellen Fall glaubwürdig. Schließlich hatte Jürgen Klopp durch sein charismatisches Auftreten, vor allem aber durch sein analytisches Talent und eine attraktive Offensivinterpretation des Fußballs reihum Begehrlichkeiten geweckt. Ein Kandidat auf vielen Wunschlisten.

Schlagfertiger Heilsbringer

"Jürgen passt mit seiner begeisternden Art gut zum BVB, zu Dortmund und zur Region, wo Fußball intensiver gelebt wird als anderswo", freute sich Michael Zorc über den gelungenen Coup. "Er steht für konstruktiven, attackierenden Fußball und hat in Mainz nachhaltig nachgewiesen, dass er eine Mannschaft weiterentwickeln und auch nach Rückschlägen zum Erfolg führen kann."

Und damit gewährte der Dortmunder Sportdirektor bewusst oder unbewusst intime Einblicke in die schwarz-gelbe Vereinsseele, wo die Sehnsüchte nach den Erfolgen vergangener Tage mit den Rückschlägen der Gegenwart hadern. Mit "Kloppo" zurück in die Zukunft!

Über 550 Einträge verzeichnet das Gästebuch auf der Webseite von Jürgen Klopp allein an diesem 23. Mai 2008, als Dortmunds Verlobter der Borussia auch endlich sein offizielles Ja-Wort gab. Der 41-Jährige soll der neue Hitzfeld werden und dabei aber unbedingt der alte Mainzer "Sprüche-Klopper" bleiben. "Ich war 18 Jahre bei diesem Club", blickt der Schwabe auf seine Ära bei den 05ern zurück, "sollten mir jemals negative Worte über die Lippen kommen, bitte ich darum, dass man mir mit einer Eisenstange gegen das Schienbein schlägt."

Ein kleiner Schritt nach Dortmund, aber ein großer Schritt für Klopp

"Ich freue mich sehr, dass ich hier bin. Es ist mir eine Ehre", erklärte Klopp bei der offiziellen Vorstellung und spuckte voller Tatendrang in die Hände: "Nun möchte ich helfen, dass der Verein wieder richtig in die Spur kommt."

Knapp 250 Kilometer sind es vom einstigen Trainerbiotop am Bruchweg bis in die Höhle des westfälischen Revier-Riesen. Keine nennenswerte Distanz, dennoch trennen beide Arbeitsplätze Welten. "Man muss sich das mal vorstellen: Gegenüber Mainz vervierfacht sich die Zuschauerzahl", staunt Klopp über die neuen Dimensionen.

Schritt für Schritt

Da sich diese Dimensionen nicht allein auf die Größe der Anhängerschaft beschränken, gibt es einige, die ihm diese Umstellung noch nicht ganz zutrauen möchten. Anspielungen an die branchenübliche Schnelllebigkeit kontert Klopp aber gewohnt gewitzt: "Ich bin der 39. Trainer, und ich hoffe, dass diese Zahl länger als zwei Jahre Bestand haben wird."

Nebenbei sollten die Anhänger des Traditionsclubs nicht erwarten, dass ihr neuer "Messias" trockenen Fußes über die Emscher wandeln wird. "Ich weiß, dass Borussia Dortmund wieder da hinkommen will, wo der Club mal war. Aber die Schrittlänge auf dem Weg dorthin muss passen."

Erfolg durch Leidenschaft

Den Zweiflern setzt der gebürtige Stuttgarter zudem die kreative Kraft beruflicher Leidenschaft entgegen: "Dieser Verein passt gut zu mir. Die Leidenschaft für Fußball, die in mir tobt, ist bei den Menschen hier ähnlich. In dieser Stadt sind Begeisterung und Fußball-Sachverstand vorhanden."

Und auf diesem Fundament will man gemeinsam erfolgreich nach oben bauen. Der Architekt hat dafür konkrete Pläne, das Ergebnis soll attraktiv aussehen. Jürgen Klopp wird dabei aber sicherlich niemals einen Gedanken an ein zukünftiges "Gelbes Ballett" verschwendet haben. Sein Ziel, Fußball mit "Wiedererkennungswert", klingt verständlicher, bescheidener, klingt sympathischer.

"Moderner Fußball besteht darin, ballorientiert zu verteidigen, Pressing mit schnellen Leuten zu betreiben, den Gegner ständig unter Druck zu setzen und blitzschnell umzuschalten von Defensive auf Offensive." Der BVB-Fan lauscht aufmerksam, nickt mit offenem Mund und freut sich auf goldene Zeiten mit Plan A, seinem einzigen Wunschkandidaten.

Michael Wollny