
Marotten eines Machers: WM-Bühne frei für Michael Olise!
In zwei rekordbrecherischen Jahren in München hat sich Michael Olise zu einem der besten Spieler der Welt entwickelt. Nach dem Double mit dem Rekordsieger betritt er mit Dauer-Finalist Frankreich erstmals die WM-Bühne.
Ausgetretene Pfade sind nichts für Michael Olise. Kein Auftritt des 24-Jährigen ohne Hingucker, Aufhorcher und mitunter auch Kopfschüttler. Wenn "schnelle Brillen" inzwischen zu den Standard-Insignien jeder Siegerehrung zwischen Bolzplatz und Finalstadion gehören, waren die "Grillz", ein glitzernder Zahnschmuck, den Olise sich nach Abpfiff am 34. Spieltag einsetzte, mal wieder ein kleiner Gruß aus der Stil-Küche von Bayerns Rechtsaußen.
Wenn jeder einzelne Teamkollege die Meisterschale nach gelerntem Rhythmus und Bewegungsablauf mehrmals in die Höhe stemmt, belässt der Mann mit den Zöpfen es beim einmaligen, auch eher angetäuschten Hochrecken, ehe er die Trophäe ungerührt weiterreicht.
Wer diese Szenen sieht, mag aus Olise nicht ganz schlau werden. Seine medial gefeierte Nonchalance kann gar als Mangel an Respekt oder Ernsthaftigkeit aufgefasst werden. Wer Bayerns Nummer 17 jedoch spielen sieht, muss diesen Gedanken schnell verwerfen, denn Olises Leistung und Zahlen lassen nur einen Schluss: Accessoires und Auftreten sind die sportlich unbedenklichen Marotten eines Machers.

Zahlen eines Zauberers
19 Assists machen ihn, nach 15 in der Vorsaison, zum zweiten Mal in Folge zum besten Vorbereiter der Bundesliga. Auch die Torausbeute aus seiner Premieren-Spielzeit in Deutschland schraubte er von zwölf auf 15. Beeindruckende Zahlen, die kombiniert allerdings nicht an die von Teamkollege Harry Kane heranreichen, der allein 36 Mal traf und sieben Tore auflegte.
Dass trotzdem Olise - letztes Jahr bereits "Rookie of the Season" - und nicht Kane zum "Player of the Season" gewählt wurde, unterstreicht, dass der Franzose noch weit mehr bietet als nur Torbeteiligungen.
Für jedermann ersichtlich: seine piekfeine Ballbehandlung, Streichler, Flair und Finten inklusive. Notiert sind für ihn aber auch tüchtig-tugendhafte 628 Sprints und 2.144 intensiven Läufe - beides Bestwerte unter allen Bayern-Spielern in der abgelaufenen Bundesliga-Saison. Und nicht Kane, nicht Joshua Kimmich oder Luis Díaz, einzig Olise brachte es auf wettbewerbsübergreifend 52 Einsätze. Die zur Schau gestellte Lässigkeit steht vorbildlicher Arbeitsmoral also nicht im Weg: Dieser Magier kann malochen.
Mbappé schwärmt
Die Kombination aus Talent und Arbeit, in deren Verinnerlichen durch Franck Ribéry und Arjen Robben viele den Schlüssel zum Bayern-Triple 2013 sehen, macht Olise gar zu einem heißen Kandidaten für die Weltfußballer-Wahlen in diesem Jahr. Nach dem Halbfinal-K.o. in der Champions League braucht er für eine überzeugende Bewerbung eine außergewöhnliche WM, idealerweise gekrönt vom Titelgewinn.
Der scheint - wie so ziemlich alles, was man in diesem Sport erreichen kann - für Olise durchaus realistisch. Auch im Kader der Nation, deren schier unerschöpflicher Talentpool sie bei den letzten Weltmeisterschaften jeweils ins Finale trug, ist Olise längst Stammspieler und Leistungsträger. Kylian Mbappé schwärmt in höchsten Tönen vom Linksfuß aus London: "Bei Bayern spielt er eher rechts, bei uns hat er zentral etwas mehr Freiheiten. Es ist mir eine Freude, an seiner Seite zu spielen."

Vibe schlägt Konvention
Keinen Geringeren als Kapitän Mbappé, immerhin Torschützenkönig in Spanien, stach Olise jüngst bei der Wahl zum besten französischen Spieler im Ausland aus. Die Ehrung brachte ihn, der so viel lieber mit Taten spricht, in doppelte Verlegenheit. Nicht nur musste er ein paar Worte an das Publikum richten, sondern dies auch noch auf Französisch - sehr zur wohlgesonnenen Erheiterung der Zuschauer.
Die offensichtlige Frage, warum der Linksfuß aus London, geboren und aufgewachsen in der britischen Hauptstadt, nicht für England aufläuft, beantwortet Olise auf Olise-Art: "Ich hatte schon immer eine Verbindung zur französischen Nationalmannschaft" - Vibe schlägt Konvention.
Dank der Wurzeln seiner Eltern hätte er auch für Algerien oder Nigeria spielen können. Doch die Anziehungskraft der Ball-Ästheten Zinédine Zidane und Thierry Henry muss seinerzeit übermächtig gewirkt haben, auf den gleichgesinnten Teenager.
Henry war sein Trainer in Frankreichs U18, Zidane könnte es nach der WM bei der A-Auswahl werden, als Nachfolger des scheidenden Didier Deschamps. Möglich, dass die Fußballwelt bis dahin auch die Kombination aus silbernen Grillz und goldenem WM-Pokal kennt.










