Köln - Michael Frontzeck hat in der Bundesliga bereits bei vier Vereinen gearbeitet und bei seinen Stationen in Aachen, Bielefeld, Mönchengladbach und Hannover auch extreme Erfahrungen im Abstiegskampf gesammelt. In Bielefeld und Hannover gelang ihm die Rettung, in Aachen nicht. Im Interview mit bundesliga.de sagt der 52-jährige frühere Meisterspieler des VfB Stuttgart, worauf es im Abstiegskampf ankommt.

bundesliga.de: Herr Frontzeck, ganz direkt gefragt: Worauf kommt es im Abstiegskampf vor allem an?

Michael Frontzeck: Ein Patentrezept gibt es nicht. Das hängt immer von der Mannschaft und dem Club ab. Mitentscheidend bei aller Unruhe und den Tumulten ist, dass man einen kühlen Kopf bewahrt und die Nerven behält. Ganz wichtig ist, dass das Umfeld, sprich die Zuschauer und der ganze Club, die Situation annimmt und hinter der Mannschaft steht. Paradebeispiel ist aktuell Werder Bremen am letzten Montag. Durch die Ergebnisse der anderen Vereine war Werder auf den Abstiegsplatz abgerutscht und hatte zuhause ein sehr unangenehmes Spiel gegen Stuttgart. Aber die Mannschaft wurde von einer Woge der Begeisterung getragen. Das ist der Idealzustand. Den hatten wir letztes Jahr auch in Hannover, als wir auch mit dem Rücken zur Wand standen und das Gefühl hatten, dass die ganze Stadt hinter uns stand. Dann hat man eine gute Chance, den Abstiegskampf erfolgreich zu bestreiten. Gute Nerven sind wichtig.

bundesliga.de: Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, neue Impulse in Form von Trainingslagern zu setzen?

Frontzeck: Entscheidend ist, ob man als Trainer und Club davon überzeugt ist, dass ein Trainingslager einem gut tut. Wir haben es in Hannover im letzten Jahr auch gemacht. Wir sind in die Klosterpforte gefahren, die etwa eine Stunde weg von Hannover liegt. Ich wusste, dass ich dort ideale Bedingungen vorfinde. Du hattest gute Trainingsbedingungen und zwei, drei Tage absolute Ruhe mit der Mannschaft. Es hatte weniger damit zu tun, ein paar Tage aus Hannover weg zu sein. Du hast die Jungs zwei Tage rund um die Uhr für dich und kannst in Ruhe arbeiten. Aber das alles haben wir auch nicht getan, um sagen zu können, dass wir alles versucht haben. Es muss aus der Überzeugung entstehen.

bundesliga.de: Wie löst man die Verkrampfung in einer Mannschaft? Ist viel Training gefragt, wenig Training oder vielleicht zur Ablenkung etwas ganz anderes wie ein Grillabend oder ein Kinobesuch?

Frontzeck: Jedem das Seine. Zum Ende einer Saison muss die Spannung in der Trainingsarbeit hochgehalten werden, auch wenn es nur relativ kurze Trainingseinheiten sind. Die Spieler haben nach der langen Saison schon einiges in den Knochen. Es geht darum, die Spannung und die Spritzigkeit auf den Platz zu bringen. Dementsprechend trainierst du auch.

"Alle Fußballer haben kleine Macken"

© imago / Nigel Treblin

bundesliga.de: Einige Trainer setzen im Abstiegskampf auf junge, unbekümmerte Spieler, andere auf erfahrene Haudegen. Wie nimmt man den Spielern die Angst? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Frontzeck: Das kommt auf das Bauchgefühl an. Ein Mix ist wichtig. Bei erfahrenen Spielern weißt du, dass sie schon einiges mitgemacht haben. Bei jungen Spielern ist es ein Vabanque-Spiel. Wirfst du ihn in dieser Drucksituation rein? Dafür muss man ein Gefühl entwickeln, man muss sich mit dem Jungen beschäftigen. Aber letztendlich können wir uns winden und wenden wie wir wollen. Alles entscheidend ist, ob man in der Bundesliga bleibt oder nicht. Wenn man den Klassenerhalt schafft, war alles richtig, wenn nicht war alles falsch.

bundesliga.de: Manche Vereine suchen im Abstiegskampf ihr Heil in der Defensive, manche attackieren. Was ist wichtiger: defensiv gut stehen oder selbst agieren?

Frontzeck: Man muss auch hier den richtigen Mix finden. Die Basis von allem ist, dass du als Mannschaft kompakt stehst, ganz egal ob du um die Deutsche Meisterschaft oder gegen den Abstieg spielst. Sobald du in der heutigen Zeit den Gegnern zu viele Räume lässt, siehst du ganz schnell alt aus. Die Defensive ist die Grundlage. Das heißt aber nicht, dass du dich eingraben musst. Du musst auch selbst aktiv werden und eine gute Mischung und Balance finden. Die große Kunst ist, beides auf den Platz zu bekommen.

bundesliga.de: Welche Rolle spielen Rituale, Glücksbringer oder der Aberglaube im Abstiegskampf? Ist das Hokuspokus oder auch nicht zu unterschätzen?

Frontzeck: Alle Fußballer haben kleine Macken. Das fängt beim Spaziergang vor dem Spiel damit an, wo du lang gegangen bist, als du das letzte Spiel gewonnen hast. Jeder Spieler hat da individuell seine kleineren Angewohnheiten. Aber die sollte man nicht überbewerten.

bundesliga.de: Abschlussfrage: Ist im Abstiegskampf Mentalität wichtiger als Qualität?

Frontzeck: Mentalität ist im Abstiegskampf enorm wichtig. Man braucht sicher eine gute Mentalität und Jungs, die wissen, auf was es ankommt: nicht jeder einzelne aber als Mannschaft. Das ist entscheidend. Es nützt dir nichts, wenn du nur einen solchen Spieler hast. Im Idealfall geht die Mannschaft mit einer guten Mentalität auf den Platz und ist in sich geschlossen. Das zahlt sich immer aus, egal ob du oben oder unten stehst.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski