Gelsenkirchen - Den finalen Weckruf hatten die Derbyverlierer des FC Schalke 04 unmittelbar vor dem Anpfiff kassiert, als die Nordkurve lautstark skandierte "Wir wollen euch kämpfen sehen!". 90 Minuten später feierte das Stadion glückselig Versöhnung. Teil eins der Wiedergutmachung ist mit dem Sieg über Hoffenheim dank einer anderen Einstellung und einer anderen Aufstellung geglückt. Mit Mut und Meyer sozusagen.

Viel war in den letzten Tagen nach der schmachvollen Derbypleite darüber gerätselt worden, ob die Schalker Mauertaktik mit Fünfer-Abwehrreihe noch eine Zukunft haben kann. Roberto Di Matteo selbst hatte diese Diskussion ins Rollen gebracht, dann aber an der eigenen Überzeugung festgehalten – zumindest theoretisch. Zwar blieb das taktische Korsett auch gegen Hoffenheim bestehen, doch die Interpretation war eine ganz andere. Schalke griff deutlich weiter vor dem eigenen Tor an als zuletzt, die beiden Außenspieler in der Kette standen ungewohnt hoch.

Meyer befeuert Schalkes Offensivspiel

Das Ergebnis: Der Spielaufbau der Hoffenheimer wurde früh gestört und Schalke selbst verbreitete so etwas wie Offensivgeist. Mutiger war die Ausrichtung insgesamt und damit auch das Auftreten der Gastgeber. Di Matteo erlaubte entgegen der letzten, blutleeren Auftritte für seine Verhältnisse sogar ein bisschen Risiko und zumindest einen kontrollierten Drang nach vorne. Und der hatte einen Namen: Max Meyer.

Mit dem 19-Jährigen, der unter Di Matteo bislang häufig auf der Bank schmoren musste, kam die erwartete Belebung ins Spiel. Meyer, das war klar zu sehen, tut dem Schalker Spiel schlicht gut. Er ist trotz aller taktischen Vorgaben frech, traut sich ins Dribbling, zieht das Tempo an und bringt Spielwitz mit. Er verkörpert jene Unbekümmertheit und Leidenschaft, die Kevin-Prince Boateng zuletzt vermissen ließ. Auch deshalb blieb dem Ghanaer gegen Hoffenheim nur ein Platz auf der Bank.

Von einer Wachablösung will Roberto Di Matteo zwar noch nichts wissen. Doch auch der Trainer kam nicht umhin, seinen neuen Schlüsselspieler explizit zu loben. Überragend sei sein Auftritt gegen Hoffenheim gewesen: "Er hat ein extrem gutes Spiel gemacht" (Die Stimmen zum Spiel). Und fügte hinzu: "Max war immer in meinen Plänen. Ich erwarte von ihm, dass er Spiele entscheidet."

"Die Fans wollen und sollen Spektakel sehen"

Eine Bürde für den Youngster, die dieser aber gerne trägt. Max Meyer verkörpert zur Zeit den Mut und auch das Selbstbewusstsein eines offensiver auftretenden Schalke. So ließ der 19-Jährige auch keinen Zweifel, dass er an der neuen Ausrichtung nur allzu gerne festhalten möchte – personell und taktisch: "Ich denke, man hat gesehen, wie sehr unser Spiel alle begeistert hat, vor allem in der ersten Halbzeit. Die Fans wollen und sollen Spektakel sehen. Das konnten wir zumindest vor der Pause ganz gut liefern", sagte Meyer im Interview nach dem Spiel.

Auch nach der frühen Führung hatte Schalke weiter nach vorne gespielt und auf das zweite Tor gedrängt, statt defensiv den Vorsprung zu verteidigen. Das Ergebnis waren am Ende drei Treffer – in den vier Pflichtspielen zuvor hatte es insgesamt nur ein Tor gegeben.

Allerdings waren es gegen Hoffenheim nicht nur die taktischen und personellen Korrekturen des Trainers, die Schalke besser und erfolgreicher Fußball spielen ließen. Jeder einzelne Spieler legte eine andere Körpersprache und Einstellung an den Tag als noch in Dortmund. Bissiger, aggressiver und leidenschaftlicher war das Auftreten der Profis. "Wir wollten zeigen, dass wir aus der Derby-Niederlage unsere Schlüsse gezogen haben. Da konnte man auch absolut nichts schön reden, das war einfach schlecht", stellte Christian Fuchs klar, der selbst mit gutem Beispiel voran ging.

Nagelprobe in Madrid und Berlin

Auf die Probe gestellt wird das neue Schalke schon am Dienstag in der Champions League bei Real Madrid und am Samstag bei der abstiegsbedrohten Hertha in Berlin. Dann muss sich auch zeigen, wie stabil die neue Grundordnung ist – und wie groß die dauerhafte Bereitschaft, sie engagiert mit Leben zu füllen. Das harmlose Hoffenheim jedenfalls taugte nicht wirklich als Maßstab, da man Schalke im Vorwärtsgang zu viele Freiheiten einräumte und selbst die Lücken in der Deckung nicht konsequent nutzte.

Vielleicht schaute Defensivspezialist Robert Di Matteo auch deshalb trotz des ersten Dreiers nach drei sieglosen Liga-Spielen und einem kleinen Offensivfeuerwerk immer noch etwas skeptisch. Allzu viel Spektakel, das Max Meyer so liebt, muss es für den Trainer dann wohl doch nicht werden.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte