Zusammenfassung

  • Ginter trifft mit den Fohlen auf seinen Ex-Club Borussia Dortmund

  • Der Weltmeister will mit Gladbach noch viel erreichen

  • "Ich glaube, dass ich jetzt auf dem Platz präsenter bin", so Ginter

Mönchengladbach - So recht weiß man nicht, was man halten soll von den Leistungen von Borussia Mönchengladbach in dieser Saison. Spielerisch zwar meist überzeugend, lässt man konsequenten, erfolgreichen Auftritten immer wieder auch unkonzentrierte Leistungen folgen. Matthias Ginter, im vergangenen Sommer als Führungsspieler geholt, ist einer der ganz wenigen Borussen, die bisher durchweg überzeugen konnten. Im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Nationalspieler über seine eigene Entwicklung, über fehlende Konsequenz vor dem eigenen und dem gegnerischen Tor und über seinen Ex-Club, Borussia Dortmund.

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bundesliga.de: Herr Ginter, seit etwas mehr als einem halben Jahr sind Sie nun in Mönchengladbach. Haben sich die Erwartungen erfüllt, die Sie im vergangenen Sommer veranlassten, von der Dortmunder zur Gladbacher Borussia zu wechseln?

Matthias Ginter: Auf jeden Fall. Die beiden wichtigsten Gründe für meinen Wechsel waren, dass ich endlich eine feste Position spielen und mehr Verantwortung übernehmen wollte. Beides ist eingetreten und hat mir geholfen die nächsten Schritte in meiner Entwicklung zu machen

bundesliga.de: Was versteht ein Fußball-Profi darunter, wenn er sagt, dass er den nächsten Schritt in seiner Entwicklung gemacht habe?

Ginter: Ich glaube, dass ich auf dem Platz präsenter bin als es noch vor einem halben Jahr der Fall war. Ich bin sicherlich kein Lautsprecher, der in der Kabine große Motivationsreden hält. Das ist aber kein Problem, denn nach meinem Selbstverständnis zeichnet sich ein Führungsspieler dadurch aus, dass er auf dem Platz Leistung bringt und gerade dann vorangeht, wenn es einmal eng wird in einem Spiel. Zudem hat sich grundsätzlich mein Blickwinkel auf die Dinge geändert. Während ich in Freiburg einer der jüngsten Spieler und anfangs auch in Dortmund noch einer der jüngeren war, bin ich mittlerweile bei Borussia einer der sehr erfahrenen Spieler.

"Überall auf dem Platz sehr präsent zu sein, das ist mein Anspruch an mich selbst" Matthias Ginter (Borussia M'gladbach)

bundesliga.de: Sind Sie grundsätzlich selbstbewusster geworden in diesem halben Jahr?

Ginter: Es gibt dir auf jeden Fall ein gutes Gefühl zu spüren, dass die Mannschaft und die Verantwortlichen auf dich bauen, dass du für sie ein wichtiger Ansprechpartner bist. Ja, ich denke schon, dass dieses Gefühl mein Selbstbewusstsein noch einmal gestärkt hat. Das ist im Fußball nicht anders als in anderen Jobs. Wenn der Chef dir sagt, dass du gebraucht wirst, gehst du einfach mit einem besseren Gefühl an deine Aufgabe heran.

bundesliga.de: Kam der Sieg gegen Augsburg am 19. Spieltag, als Sie den 2:0-Erfolg mit einem Treffer einleiteten und der beste Spieler auf dem Feld waren, dem sehr nahe, was Sie von sich erwarten?

Ginter: Ich bin sehr selbstkritisch und weiß, dass auch in diesem Spiel nicht alles perfekt war. Ich möchte immer an beiden Enden des Platzes, in der Defensive und in der Offensive, so gute Leistungen bringen wie es mir nur eben möglich ist. Überall auf dem Platz sehr präsent zu sein, das ist mein Anspruch an mich selbst.

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bundesliga.de: Was war Ihrer Meinung nach in diesem Spiel nicht perfekt?

Ginter: Wir haben in der zweiten Halbzeit zu tief gestanden, waren nicht mehr so dominant und haben uns nicht mehr Chancen in der Häufigkeit herausgearbeitet wie in der ersten Halbzeit. Allerdings ist das wahrscheinlich Meckern auf hohem Niveau, wenn man 2:0 gewonnen hat.

bundesliga.de: Sie haben in diesem Spiel mit einem Treffer und einer Vorlage gerade auch offensiv überzeugt und haben in dieser Bundesliga-Saison schon vier Mal getroffen...

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Ginter: Das ist auch so ein Punkt, an dem ich arbeiten will. In der vergangenen Saison konnte ich keinen einzigen Treffer erzielen und habe mir vorgenommen, gerade auch bei Standards mehr Torgefahr zu entwickeln. Wie gesagt, ich möchte nicht nur an dem einen Ende des Feldes überzeugen, sondern mich überall kontinuierlich verbessern.

"Ich glaube, dass der Typ Stefan Effenberg heute ein Stück weit ausgestorben ist" Matthias Ginter (Borussia M'gladbach)

bundesliga.de: Gerade haben wir über Ihre Erwartungen gesprochen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie auch die Erwartungen des Vereins an Ihre Verpflichtung bisher erfüllen?

Ginter: Am Anfang waren meine Leistungen nicht konstant genug. Man kann das wohl mit der Eingangsphase erklären, die man einfach braucht, wenn man neu zu einer Mannschaft stößt, die vielleicht selbst damit zu kämpfen hat, dass die Saison bisweilen einer Berg- und Talfahrt ähnelt. Aber ich arbeite viel an mir, bin mit dem Trainer in ständigem Austausch und habe von ihm positive Rückmeldungen bekommen. Ich denke, dass es bereits seit einigen Monaten in die Richtung läuft, die wir alle uns vorstellen.

bundesliga.de: Stichwort Berg- und Talfahrt: Tatsächlich scheint es, dass die Mannschaft Schwierigkeiten hat, die Chancen zu ergreifen, die sich ihr bieten. Und das im ganz wörtlichen Sinn, wenn zum Beispiel klare Torchancen vertan werden, wie auch im übertragenen Sinn, etwa, weil man mehrfach die Chance verpasst hat, sich oben in der Tabelle festzusetzen...

Ginter: Es hat sicherlich sehr enge Spiele gegeben, die wir schließlich verloren haben. Aber es gibt auch Gegenbeispiele, wie die Partien in Bremen und in Berlin und gegen die Bayern zu Hause. Alle drei haben wir gewonnen und die Chance genutzt, an den Teams ganz oben in der Tabelle dran zu bleiben. Fakt ist, dass wir uns bisher noch immer in die Situation bringen konnten, den Anschluss wiederherzustellen.

"Wir sind sicher nicht die typischen Schwiegersöhne" Matthias Ginter (Borussia M'gladbach)

bundesliga.de: Nach der Winterpause wurden allerdings vier von fünf Spielen verloren, und die Tendenz geht eher in Richtung Mittelfeld als in Richtung erstes Tabellendrittel...

Ginter: Ja. Das müssen wir uns eingestehen. Wir haben zuletzt Spiele aus der Hand gegeben, in denen wir mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar besser waren als der Gegner. In Köln war das zum Beispiel der Fall. Uns fehlt dann die Konsequenz sowohl vor dem gegnerischen als auch vor dem eigenen Tor. Wahrscheinlich wäre es noch schlimmer, wenn wir schlecht spielen würden und deutlich unterlegen wären. Letztendlich ist Fußball aber nun mal ein Ergebnissport, und es geht darum ein Tor mehr zu schießen als der Gegner.

bundesliga.de: Fehlt der Mannschaft vielleicht doch der Typ Spieler, der in solchen Momenten ein Zeichen setzt, vielleicht durch ein bewusstes Foul oder durch besondere Lautstärke in der Halbzeitpause...

Ginter: Ich denke schon, dass wir Charaktere in der Mannschaft haben, die auch mal dazwischenhauen können. Jedenfalls sind wir sicher nicht die typischen Schwiegersöhne. Allerdings glaube ich auch, dass der Typ Stefan Effenberg heute ein Stück weit ausgestorben ist.

Im Dauereinsatz für Gladbach: Matthias Ginter © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Lukas Schulze / Getty Images

bundesliga.de: ...oder steht dieses Bild eher für ein naives Verständnis davon, was einen Führungsspieler ausmacht?

Ginter: Das will ich nicht sagen. Wir setzen auch schon mal auf ein taktisches Foul, oder einer von uns legt sich mit dem Schiedsrichter an, um die anderen wachzurütteln und zu zeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Die Frage ist nur, ob uns das taktische Foul aus der 50. Minute wirklich etwas bringt, wenn einer von uns in der 80. Minute alleine auf den gegnerischen Torwart zuläuft?! Ich wage das jedenfalls zu bezweifeln.

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bundesliga.de: Wie empfindet die Mannschaft selbst die aktuelle Situation?

Ginter: Für mich sind es Kleinigkeiten, die den Unterschied zwischen Niederlage und Sieg ausmachen. Zudem hatten wir bisweilen Pech mit der einen oder anderen Schiedsrichterentscheidung. Eine Ausrede darf das aber nicht sein. Letztlich läuft es immer wieder auf die von mir schon genannte fehlende Konsequenz in bestimmten Situationen hinaus.

bundesliga.de: Lässt sich Konsequenz lernen?

Ginter: Ich denke schon. Wir haben ja bewiesen, dass wir es können. Bloß zeigen wir diese Konsequenz bisher nicht kontinuierlich. Gerade auswärts bei tatsächlich oder vielleicht auch nur vermeintlich schwächeren Teams müssen wir mehr aus unseren Möglichkeiten machen, die wir uns ja immer wieder herausarbeiten.

bundesliga.de: Ihr Ex-Club, Borussia Dortmund, ist sicherlich nicht zu diesen Teams zu zählen. Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Partie gegen den BVB?

Ginter: Keine Frage, das ist ein besonderes Spiel für mich. Ich hatte in Dortmund drei gute Jahre, habe viele Spiele absolviert und dabei eine Menge gelernt. Ich habe auch noch Kontakt zu zwei, drei BVB-Spielern. Warum auch nicht?! Es wäre doch komisch, wenn man nach einer so intensiven Zeit alle Brücken abbrechen würde. Trotzdem versuche ich mich hundertprozentig auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren und alles andere für diese 90 Minuten beiseitezulegen.

bundesliga.de: Sind Sie überrascht, dass der BVB, der Gladbach in der Hinrunde noch mit 6:1 abfertigen konnte, nun in der Tabelle nur wenig besser dasteht?

Ginter: Das kann man schon so sagen. Zu Beginn der Saison lief es ja sehr gut beim BVB. Umso überraschender kam der deutliche Einbruch, der schließlich den Trainerwechsel nach sich gezogen hat. Trotzdem steht für mich außer Frage, dass diese Mannschaft eine große Qualität hat und sich in der Rückrunde ein Stück weit absetzen kann. Allerdings hoffe ich, dass das nicht schon gegen uns geschieht.

"Der Confed-Cup und auch die Länderspiele danach haben meinen WM-Chancen gutgetan“ Matthias Ginter (Borussia M'gladbach)

bundesliga.de: Ist das 1:6 aus dem Hinspiel eine besondere Motivation, oder wäre das der falsche Ansatz?

Ginter: Keine Frage, wir haben etwas gutzumachen. Wenn man aber erst einmal auf dem Platz steht, denkt man nicht mehr an das Hinspiel. Dann konzentriert man sich mit aller Macht darauf, die aktuelle Aufgabe gut zu erledigen. Im Übrigen kann man sagen, dass diese Niederlage zwar sehr schmerzhaft war, dass wir daraus aber auch einiges lernen konnten. Ich hoffe, wir können das nun auch zeigen.

>>> Spielbericht: BVB-Gala gegen Gladbach

bundesliga.de: Lassen Sie uns noch ein wenig in die Zukunft schauen. Sie sind bereits Weltmeister, Olympia-Silbermedaillen- und Confed-Cup-Gewinner. Kommen in diesem Sommer ein weiteres Turnier und ein weiterer Titel dazu?

Ginter: Ich hoffe das natürlich! Es ist mein großes Ziel zur WM zu fahren. Ich glaube, dass der Confed-Cup im vergangenen Sommer und auch die Länderspiele danach meinen Chancen gutgetan haben. Was den Titel betrifft: Die deutsche Mannschaft zählt immer zum Favoritenkreis bei einer WM oder EM.

bundesliga.de: Auch einige Ihrer Team-Kollegen, etwa Yann Sommer oder Thorgan Hazard, dürften in Russland dabei sein. Spricht man im Mannschaftskreis bereits über die WM?

Ginter: Nein. Dafür ist es noch zu früh. Vor allem aber stehen noch viele wichtige Aufgaben mit Borussia an. Deshalb war Russland selbst anlässlich der Auslosung der WM-Gruppen noch kaum ein Thema. Vielleicht auch deshalb nicht, weil wir alle wissen, dass bis zum Sommer noch viel passieren kann.

Das Gespräch führte Andreas Kötter