Köln - Ein Aufsteiger, der aus den ersten drei Spielen sechs Punkte und die noch dazu auswärts holt, das hat es seit Einführung der Drei-Punkteregel noch nie und überhaupt erst einmal in der Bundesliga gegeben. Selbst die größten Optimisten hätten dem FC Ingolstadt das wohl nicht zugetraut. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Mannschaftskapitän der "Schanzer", Marvin Matip, über die Gründe für diesen großartigen Start, über seine eigene Entwicklung und darüber, was einen Führungsspieler ausmacht.

bundesliga.de: Herr Matip, drei Spiele und sechs Punkte bei zwei Auswärtspartien - hätten Sie das noch vor einigen Wochen für möglich gehalten?

Marvin Matip: Eine gewisse Hoffnung hat es im Unterbewusstsein gegeben, realistisch für möglich gehalten aber habe ich dieses Resultat eigentlich nicht. Mit den sechs Punkten sind wir mehr als zufrieden. Das ist eine tolle Ausbeute, ändert aber nichts daran, dass wir noch immer 34 Punkte brauchen, wenn wir die Klasse halten wollen. Wir sind in der Bundesliga angekommen, aber es ist noch ein weiter Weg bis zum Ziel.

"Jedes Spiel ist ein Bonus"

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bundesliga.de: Ist es Zufall, dass die beiden Siege auswärts gelangen, oder kommen Auswärtsspiele einem Aufsteiger entgegen?

Matip: Man muss berücksichtigen, dass unser bisher einziges Heimspiel gegen Borussia Dortmund alles andere als eine dankbare Aufgabe war. Dortmund war durch die Europa League-Qualifikation schon im Rhythmus und präsentiert sich in dieser Saison ohnehin ganz anders als in der vergangenen. Das erinnert wieder an Borussias Champions-League-Niveau - wenn die Mannschaft nicht sogar das Zeug hat, um den Titel zu spielen. Ich glaube, dass es viele Teams auch zu Hause sehr schwer gegen diesen BVB haben werden. Fakt ist, dass wir in den Auswärtsspielen auf Augenhöhe waren, auch wenn es kurze Phasen gab, in denen etwas Glück nötig war. Aber das in Anspruch zu nehmen ist legitim für einen Aufsteiger. Und ich denke, dass wir gegen diese Gegner auch zu Hause eine Chance haben etwas mitzunehmen.

bundesliga.de: Besteht zuhause für einen Aufsteiger keine Gefahr, sich von der Euphorie des Publikums zu einer unvorsichtigen Spielweise animieren zu lassen?

Matip: Eigentlich nicht. Denn in dieser Saison ist für uns jedes Spiel eine Art Bonus-Spiel, ob nun auswärts oder zuhause. Unserer Mannschaft ist bewusst mit welcher Spielweise wir auftreten müssen, wenn wir eine Chance haben wollen, Punkte mitzunehmen. Und ich glaube nicht, dass wir uns verleiten lassen zuhause zu offensiv zu spielen, und so dem Gegner in die Karten spielen. Wir wissen, dass wir nur dann eine Chance haben, wenn bei uns immer ein Rädchen ins andere greift.

"Wir haben auch einen Plan B"

bundesliga.de: Der FCI gilt als unangenehmer, weil besonders kampf- und laufstarker Gegner. Ist das durchzuhalten über eine komplette Bundesliga-Saison?

Matip: Das hoffe ich doch sehr! Hundertprozentig wird aber erst die Zeit diese Frage beantworten können. Mittlerweile haben wir allerdings einen Plan B und laufen den Gegner schon mal erst an der Mittellinie statt bereits an dessen Strafraum an. Das lässt ein etwas kräfteschonenderes Spiel zu. Letztlich wissen wir aber, dass immer mindestens hundert Prozent notwendig sind, wenn wir eine Chance haben wollen. Sollte gegen Ende der Hinrunde wirklich einmal ein Spiel dabei sein, in dem der Akku leer ist, so ist das einkalkuliert. Der Trainer wird die Belastung unter der Woche dann so anpassen, dass wir am folgenden Spieltag wieder topfit sind.

bundesliga.de: Beim 1:0-Sieg in Augsburg stand beim FCI nur ein einziger Neueinkauf in der ersten Elf. Dieses Vertrauen dürfte enorm zusammen schweißen...

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Matip: In der Tat nimmt die Mannschaft das sehr dankbar auf. Es ist heute nicht der Normalfall, dass ein Aufsteiger so verfährt. Meist versucht man den Kader mit bundesligaerfahrenen Spielern zu verstärken. Der FCI geht aber einen anderen Weg. Unmittelbar nach dem Aufstieg wurde gesagt, dass man versuchen will, die Mannschaft möglichst komplett zusammenzuhalten. Es tut sehr gut zu sehen, dass der Verein sich daran gehalten hat, auch wenn der Kader punktuell und sinnvoll verstärkt wurde. Die Mannschaft versucht diesem Vertrauen gerecht zu werden. Wir waren in der vergangenen Saison ein verschworener Haufen, und wir werden es diesmal sein. Geschäftsführung, sportliche Leitung und Trainer wissen zwar, dass auch negative Phasen kommen können. Aber ich bin überzeugt, dass selbst dann niemand die Nerven verlieren wird.

"Alles, was man mir 2010 aufgezeigt hat, ist eingetreten"

bundesliga.de: Sie selbst  stehen im sechsten Jahr beim FCI unter Vertrag, der noch bis 2017 läuft. Haben Sie Ihr ganz persönliches Fußball-Paradies gefunden?

Matip: Ich habe die bisher besten Leistungen meiner Karriere in Ingolstadt gebracht, hatte aber auch in Köln, beim FC, schöne Jahre. Als ich 2010 nach Ingolstadt gekommen bin, hat man mir aufgezeigt, was und wie man es erreichen möchte. All das ist mittlerweile eingetreten und es ist wunderbar, ein Teil dieser Entwicklung gewesen zu sein bzw. weiterhin sein zu dürfen. Die Bedingungen beim FCI sind absolut bundesligatauglich. Zudem haben wir das Glück, dass die Presselandschaft hier weniger aufgeregt ist als etwa in Köln, Hamburg, München oder Berlin. Man hat uns immer die Zeit zur Weiterentwicklung gegeben, selbst als wir in der 2. Bundesliga gegen den Abstieg kämpfen mussten.

bundesliga.de: Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie länger gebraucht haben, eine Mannschaft führen zu können. Wie muss ein Führungsspieler gestrickt sein?

Matip: Ich glaube nicht, dass es eine allgemein gültige Definition gibt, die besagt, welche Eigenschaften notwendig sind. Es gibt unterschiedliche Führungsstile. Manche Spieler gehen auf dem Platz immer vorne weg, geben Gas, werden vielleicht auch mal laut. Andere setzen auf die soziale Komponente, darauf auch abseits des Platzes viel mit den Mitspielern zu reden und sie immer wieder zu bestärken.

"In Köln war noch ich nicht stabil genug"

bundesliga.de: Welcher Typ sind Sie?

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Matip: Ich glaube, dass ich ein Typ bin, der versucht sportlich immer an seine Grenzen zu gehen, um den Jungs ein Vorbild zu sein und ihnen so zu helfen. Zudem möchte ich die Erfahrung, die ich bisher sammeln konnte, weitergeben. Letztlich aber steht und fällt alles mit der Leistung auf dem Spielfeld. Und die war während meiner Zeit in Köln nicht stabil genug, um sich dauerhaft den Respekt der Mitspieler zu erarbeiten. Das ist mir erst in Ingolstadt gelungen, und das mag in der Nachbetrachtung für mich vielleicht etwas schade sein. Aber ich trauere dem nicht nach, sondern freue mich, dass ich der Mannschaft Woche für Woche helfen kann. Das darf gerne noch einige Jahre so weitergehen (lacht).

bundesliga.de: Sie gelten als bester Innenverteidiger der 2. Bundesliga, sind Mannschaftskapitän und Führungsspieler. Die Interessenten müssen doch Schlange stehen?

Matip: Vielleicht (lacht). Aber ich weiß auch, wem ich meinen aktuellen Status zu verdanken habe. Die Verpflichtung von Ralph Hasenhüttl, der sich alles zunächst drei, vier Monate angeschaut, mir dann sein Vertrauen geschenkt und mich zum Kapitän gemacht hat, hat mir einen enormen Schub gegeben. Der Trainer hat mir gesagt, dass eine kurze Schwächephase kein Problem ist, solange ich immer bereit bin, an meine an meine Grenzen zu gehen und vorneweg zu marschieren. Deshalb sehe ich meine nähere Zukunft in Ingolstadt. Ich möchte weiter Teil dieser großartigen Erfolgsgeschichte sein und auch in der kommenden Saison mit dem FCI in der Bundesliga spielen. Alles andere ist ganz, ganz weit weg.

"Joels Ambitionen gehen in eine andere Richtung"

bundesliga.de: In der Jugend haben Sie mit Ihrem Bruder Joel beim VfL Bochum gespielt. Gibt es den Traum irgendwann noch mal für denselben Club aufzulaufen?

Matip: Im Profibereich haben wir leider erst ein einziges Mal gemeinsam auf dem Platz gestanden, 2013 für Kamerun, bei meinem bisher einzigen Länderspiel. Gerne mehr davon, in der Nationalmannschaft oder auch im Verein. Ich befürchte allerdings, dass es im Verein kaum möglich sein wird, weil Joels Ambitionen in eine etwas andere Richtung gehen als meine. Sollte es aber doch einmal passieren, würden wir beide uns sehr, sehr freuen. Erst einmal steht aber im Oktober das Match gegeneinander an, wenn Ingolstadt zum FC Schalke muss. Auch darauf freuen wir beide uns schon riesig. Mal sehen, wer wen dann ein wenig mehr ärgern kann (lacht)?

Das Gespräch führte Andreas Kötter