Köln - Der 1. FC Köln ist hervorragend in die Saison gestartet und noch unbesiegt. Vor dem Gastspiel beim FC Bayern München spricht Rechtsaußen Marcel Risse über die Gründe für das sehr gute bisherige Abschneiden, darüber, was diese Renaissance des FC für den gebürtigen Kölner bedeutet, und über die Gemütslage, mit der man zum deutschen Rekordmeister reist.

bundesliga.de: Herr Risse, Sie sind vor drei Wochen zum ersten Mal Vater geworden, herzlichen Glückwunsch!...

Marcel Risse: Vielen Dank!

bundesliga.de: ...und auch sonst läuft es für den "Kalker Jung", wie die Fans Sie nennen, ziemlich gut...

Risse: Ich glaube, wir können uns alle im Moment nicht beschweren. Die Leistung stimmt, die Punktausbeute stimmt und privat stimmt bei mir auch alles.

bundesliga.de: Nach fünf Spieltagen ist der FC als Tabellendritter noch ungeschlagen. Sind Sie überrascht, oder ist die bisherige Leistung die logische Konsequenz aus den vergangenen drei Jahren?

Risse: Ich glaube, so etwas wie eine "logische Konsequenz" gibt es im Fußball nicht allzu oft. Nichtsdestotrotz spricht einiges dafür, dass wir in den vergangenen Jahren vieles richtig gut gemacht und uns stetig weiterentwickelt haben. Und dass nun auch die Punkte stimmen, das darf man auch einmal genießen.

bundesliga.de: Auf der Mitgliederversammlung zu Wochenbeginn war die Stimmung aufgrund der sportlichen und wirtschaftlichen Ergebnisse hervorragend. Das Team wurde dort so herzlich begrüßt wie schon lange keine FC-Mannschaft mehr. Was macht das mit dem gebürtigen Kölner?

Risse: Ganz ehrlich, in dieser Form kam es etwas überraschend, wie toll wir empfangen worden sind. Das war ein unglaublich schönes Gefühl. Denn ich weiß selbst gut, wie es in der Vergangenheit einige Jahre lang hier ausgesehen hat. Damals habe ich als gebürtiger Kölner vieles von außen beobachten können, jetzt aber stecke ich mittendrin. Und es ist einfach schön, dass die Menschen heute durchweg positiv über den FC sprechen.

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bundesliga.de: Haben Sie das Gefühl, dass dieser Empfang auch diejenigen Mitspieler berührt hat, die dem FC nicht in der Weise verbunden sind wie Sie?

Risse: Das kann ich nur schwer beurteilen. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass wir viele Spieler im Kader haben, die wie ich schon mehrere Jahre dabei sind. Gerade das ist ein Merkmal bei uns, dass nicht jede Saison zehn Leute gehen und zehn neue kommen. Mittlerweile haben wir sogar acht gebürtige Kölner in den eigenen Reihen, und die empfinden das sicher genauso wie ich.

bundesliga.de: Sie sind in der Tat den gesamten Weg von der 2. Liga bis nun in die Spitzengruppe der Bundesliga mitgegangen. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Peter Stöger und Jörg Schmadtke offensichtlich einen sehr durchdachten Plan verfolgen?

Risse: Schon in der Zweitliga-Saison konnte man spüren, dass an vielen Schrauben richtig gedreht worden ist. Sonst wären wir kaum mit der damaligen Punkteausbeute aufgestiegen und hätten zudem nicht mit nur 20 Gegentreffern die niedrigste Gegentorquote der Zweitliga-Historie erreicht. Da hat man schon gemerkt, dass es in die richtige Richtung geht.

bundesliga.de: Wohin führt dieser Plan den FC in der Zukunft?

Risse: Wir wollen uns jedes Jahr weiterentwickeln. In diesem Jahr haben wir uns als Ziel vorgenommen, den neunten Platz, der in der vergangenen Saison schon außergewöhnlich für den FC war, zu bestätigen und, wenn möglich, sogar zu verbessern.

bundesliga.de: Macht gerade auch dieses Augenmaß den neuen FC aus?

Risse: Wir sind durchaus in der Lage, unsere Situation realistisch einzuschätzen. In der Bundesliga gibt es mindestens fünf oder sechs große Clubs, die einen internationalen Wettbewerb zu hundert Prozent als Ziel ausgegeben haben. Diese Clubs haben aber einen deutlich größeren Etat und damit ganz andere Möglichkeiten als wir. Für sie wäre es demnach eine Enttäuschung, wenn sie in der kommenden Saison nicht international spielen würden. Aber wir wissen wir auch, dass es immer wieder einmal einem der Kleineren gelingt in diese Phalanx einzubrechen. Und das möchten wir in Zukunft irgendwann auch einmal schaffen.

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bundesliga.de: Wo sehen Sie die rein sportlichen Gründe dafür, dass die Mannschaft so gefestigt wirkt und bisher immer eine Antwort findet?

Risse: Wir stehen defensiv bisher erneut sehr gut. Und nach vorne sind wir deutlich effektiver als in den Jahren zuvor. Dabei bin ich nicht einmal sicher, ob wir jetzt mehr Torchancen herausarbeiten. Die, die wir haben, nutzen wir nun aber konsequenter.

bundesliga.de: Zudem scheint der schnelle Wechsel von Dreier- auf Viererkette überhaupt keine Probleme zu bereiten...

Risse: Damit, dass wir auch während eines Spiels schon einmal von einer auf Vierer- auf einer Dreierkette oder anders herum umstellen können, haben wir in der vergangenen Saison bereits begonnen. Und in dieser Spielzeit funktioniert bisher das mindestens ebenso gut - was sicher daran liegt, dass die Automatismen nun immer besser greifen.

bundesliga.de: Trainer Peter Stöger betont immer wieder auch den Teamgedanken. Der scheint beim FC tatsächlich sehr ausgeprägt...

Risse: Ich kann das definitiv bestätigen. Das liegt eben auch daran, dass viele von uns schon eine ganze Reihe von Jahren zusammen für den FC spielen. Und die Neuen werden vom ersten Tag an hervorragend integriert.  Das funktioniert wunderbar.

bundesliga.de: Wie haben die Mitspieler die Entscheidung von Jonas Hector aufgenommen, seinen Vertrag zu verlängern?

Risse: Ist doch klar, dass uns als Mitspieler das enorm gefreut hat. Für uns ist es super, dass wir Jonas mit seinen menschlichen wie sportlichen Qualitäten weiterhin in unseren Reihen haben. Zudem hat man gesehen, dass auch Anthony Modeste und Leonardo Bittencourt verlängert haben und dass auch Timo Horn nicht gegangen ist. Daran zeigt sich für mich, dass das, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist, immer noch wächst.

bundesliga.de: Wie aber hält der Trainer die, wie er selbst sagt "zehn Unzufriedenen" bei Laune, die samstags außen vor bleiben?

Risse: Ich glaube, entscheidend ist, dass der Trainer gerecht ist mit jedem einzelnen spricht. Bei anderen Trainer habe ich in der Vergangenheit durchaus auch schon einmal erlebt, dass nur mit den ersten Elf gesprochen wird, so dass die anderen sich vielleicht ein wenig allein gelassen vorkommen, in einer Situation, in der man ohnehin bereits negativ gestimmt ist. Herr Stöger aber handhabt das anders. Und ich glaube, man spürt, dass jeder, der von der Bank ins Spiel kommt, sich voll reinhaut. Unsere Qualität fällt mit einem Wechsel jedenfalls nicht ab.

bundesliga.de: Bleibt höchstens noch hinter der Erwartungshaltung der Fans, die Sie mal als "nur schwarz oder weiß" bezeichnet haben, ein Fragezeichen...

Risse: Ich glaube, das habe ich während meines ersten Jahres beim FC, in der Zweitliga-Saison gesagt. Damals gab es tatsächlich für die Fans nur schwarz oder weiß. Seit dem Aufstieg habe ich aber das Gefühl, dass die Ziele der Fans parallel zu den Zielen des Vereins realistischer geworden sind. In den ersten beiden Jahren zählte ohnehin nur der Klassenerhalt.  Und mittlerweile scheint es so, dass die meisten den Weg genauso mitgehen wollen, wie der Verein das lebt und kommuniziert. 

bundesliga.de: Also braucht dem FC auch vor dem Gang zum FC Bayern am Samstag in keiner Hinsicht bange sein...

Risse: Stimmt. Uns ist auch nicht bange. (lacht) Wir nehmen uns auf jeden Fall einiges vor und hoffe, dass wir in München sehr mutig auftreten werden – auch wenn wir wissen, dass wir schon einen außergewöhnlichen Tag erwischen müssen, um in München zu bestehen.

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bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie?

Risse: Eins der schwersten jeder Saison. Wahrscheinlich werden wir weit weniger Ballbesitz als in vielen anderen Spielen haben. Denn ich glaube kaum, dass die Bayern gegen uns auf Konter spielen werden. (lacht)

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Video: Der Höhenflug des 1. FC Köln