Zusammenfassung

  • Domenico Tedesco coacht Schalke mit Ruhe und einem goldenen Händchen zum 4:4 gegen Dortmund

  • Seine frühen Einwechslungen Goretzka und Harit sind die Garanten, die das 0:4 noch in ein Remis drehen

  • Der Schalke-Trainer glaubte zur Pause selbst nicht mehr an einen Punkt, behielt aber die Ruhe

Dortmund - Nach der schlimmsten Viertelstunde seiner jungen Trainerkarriere hatte Domenico Tedesco schon den vorzeitigen Schlusspfiff herbeigesehnt. "Ich habe den vierten Offiziellen gefragt, ob wir heute nur 70 Minuten spielen dürfen", berichtete der Coach vom FC Schalke 04 nach dem spektakulären 4:4 (0:4) im 173. Revierderby bei Borussia Dortmund. Am Ende wurden es 97 Fußball-Minuten für die Ewigkeit - und dem Bundesliga-Novizen schallten "Derbysieger, Derbysieger"-Rufe aus der Kabine entgegen.

"Man kann im Leben Briefmarken oder sonstige Sachen sammeln. Ich glaube, dass es das Wichtigste ist, Momente zu sammeln", sagte Tedesco nach dem verrücktesten Duell in der 92-jährigen Geschichte des Ruhrpottklassikers sichtlich bewegt: "Ich habe tolle Momente auf Schalke." Der 32-Jährige hatte seinen Teil zu diesem unvergesslichen Samstagnachmittag beigetragen: Statt in der Halbzeitpause nach vier Gegentoren in 14 Minuten auf seine völlig niedergeschlagenen Spieler auch noch verbal einzudreschen, versuchte er, sie aufzurichten - mit einem kleinen, realistischen Ziel.

"Noch 4:4 zu spielen, das wäre nicht realistisch gewesen"

"Er hat gesagt, wir sollen die erste Halbzeit vergessen und wenigstens die zweite gewinnen", erzählte Kapitän Ralf Fährmann. Es wäre "nicht gerade realistisch gewesen, wenn ich gesagt hätte: Wir wollen hier noch 4:4 spielen", meinte Tedesco. Was als Vermeiden einer der größten Derby-Blamagen gedacht war, führte zum größten Wunder: Mit jedem Tor wuchs die Schalker Zuversicht, "der Glaube ist zurückgekommen", wie Leon Goretzka es formulierte: "Der Rest ist Geschichte."

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Nach dem Ausgleichstreffer von Naldo in der Nachspielzeit (90.+4) feierten die Königsblauen ausgelassener als nach den meisten ihrer 67 Erfolge im Nachbarschaftsduell. "Wir haben gewonnen, äh, unentschieden gespielt", sagte Goretzka bezeichnenderweise direkt nach dem Abpfiff. Wenig später boten die Gelsenkirchener auf ihrer Homepage "Derbysieger"-Shirts an.

Die Joker Goretzka und Harit bringen die Wende

Tedesco hatte in seinem ersten Revierderby schon vor seiner Halbzeitansprache einen Grundstein für die historische Aufholjagd gelegt: Er hatte Mittelfeldmotor Goretzka und den pfeilschnellen Dribbler Amine Harit eingewechselt. Zu spät, dachten zu diesem Zeitpunkt die meisten der 80.179 Zuschauer im ausverkauften Dortmunder Stadion - und Tedesco selbst wahrscheinlich auch.

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Doch mit Goretzkas Dynamik und Führungsstärke ("Ich hatte keine Stimme mehr auf dem Platz") und Harits Tempo und Offensivdrang kippte das Spiel. Nach dem 1:4 durch Guido Burgstaller (61.) riss der Marokkaner mit seinem ersten Bundesligator (65.) die Schalker endgültig aus der Schockstarre. Nach Gelb-Rot für Pierre-Emerick Aubameyang (72.) vollbrachten Daniel Caligiuri (86.) und Naldo das Wunder.

"Wenn es noch fünf Minuten länger gegangen wäre, hätten wir auch noch die Chance auf das fünfte Tor gehabt", meinte Goretzka. Und Tedesco war am Ende froh, dass der Schiedsrichter nicht nach 70 Minuten abgepfiffen hatte.

SID