Köln - Am Tag danach stand bei Dieter Müller das Telefon nicht still. Denn nach dem sensationellen Fünferpack von Robert Lewandowski beim 5:1-Sieg der Bayern gegen den VfL Wolfsburg wollte alle Welt mit dem Bundesliga-Rekordhalter sprechen. Der heute 61-Jährige erzielte vor 38 Jahren beim 7:2-Erfolg des 1. FC Köln gegen Werder Bremen sogar sechs Tore in einem Bundesliga-Spiel.

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Diese Bestmarke wackelte bedenklich, blieb aber letztlich doch bestehen. Für bundesliga.de nahm sich der mit 177 Toren für Köln, Stuttgart und Saarbrücken siebstbeste Torjäger der Bundesliga-Historie die Zeit, um über seinen Rekord und Robert Lewandowski zu sprechen.

bundesliga.de: Herr Müller, mit welchen Gefühlen haben Sie gestern das Spiel der Bayern gegen den VfL Wolfsburg und den irren Fünferpack von Robert Lewandowski verfolgt?

Dieter Müller: Ich habe das Spiel im Fernsehen geschaut und nach dem fünften Tor gedacht, dass der Rekord jetzt eingestellt wird. Ich sage immer: Im Leben ist alles vorbestimmt. Insofern habe ich mir keine Sorgen gemacht. Mir war klar, dass es eigentlich nur ein Spieler des FC Bayern sein kann, der den Rekord einmal einstellen könnte.

"Das Gefühl kenne ich selbst"

bundesliga.de: Warum?

Müller: Die Bayern haben die beste Mannschaft und kreieren die meisten Torchancen. Und vorne haben sie mit Robert Lewandowski oder auch Thomas Müller super Spieler. Ein Stürmer von Darmstadt oder Köln - bei allem Respekt vor diesen Clubs - wird nicht so viele Chancen bekommen, wie einer von Bayern München. Die Bayern haben eine Truppe, die einem Stürmer auch so viele Tore auflegen und einen Gegner abschießen kann. Gestern war Robert Lewandowski wie im Rausch. Das Gefühl kenne ich ja selbst. Mit jedem Tor steigt das Selbstvertrauen. Das fünfte Tor macht er nicht, wenn er nicht schon viermal vorher getroffen hat. Fast hätte er noch das sechste Tor gemacht, aber da hat noch ein Wolfsburger auf der Linie gerettet.

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bundesliga.de: Was bedeutet Ihnen Ihr Rekord?

Müller: Ich freue mich schon, dass er noch Bestand hat. Ich glaube, die Bayern wussten, dass Lewandowski den Rekord einstellen konnte. Sie haben ihm ja jeden Ball aufgelegt.

"Er ist ein super Stürmer"

bundesliga.de: Wäre Lewandowski ein würdiger Rekordhalter?

Müller: Absolut. Er ist ein super Stürmer. Er schießt links und rechts, ist ein sehr guter Kopfballspieler. Seine Schusstechnik ist toll. Lewandowski hat auch diese Bessenheit, Tore erzielen zu wollen. Er ist durchtrainiert und selten verletzt. Und mir gefällt, dass er immer bescheiden auftritt.

bundesliga.de: Lassen Sie uns auf Ihren Rekord zu sprechen kommen. Im August 1977 haben Sie beim 7:2-Sieg des 1. FC Köln gegen Werder Bremen sechs Tore erzielt. Hätten Sie gedacht, dass Sie 38 Jahre später immer noch darauf angesprochen werden?

Müller: Nein, ich habe das damals gar nicht so empfunden, dass es ein Rekord ist, der so lange bestehen könnte. Der Fußball hat sich ja sehr verändert und ist athletischer geworden, ganz anders als früher. Ich habe damals in einer guten Mannschaft gespielt. Meine Mitspieler wie Heinz Flohe oder Herbert Neumann haben mich mit Vorlagen gefüttert. Und mein Gegenspieler Horst-Dieter Höttges hatte auch nicht seinen besten Tag erwischt. Ich war wie im Rausch und habe es gar nicht so richtig begriffen. Am nächsten Tag haben meine Mitspieler etwas geflachst. Aber mehr auch nicht. Die mediale Aufmerksamkeit war bei weitem nicht so groß wie heute. Das kann man ja mit heute gar nicht mehr vergleichen.

"Wolfsburger sind kein Kanonenfutter"

bundesliga.de: Sie haben Ihren Gegenspieler Höttges angesprochen. Der war Welt- und Europameister. Im Werder-Tor stand zudem Nationalkeeper Dieter Burdenski. Die Bremer hatten auch keine schlechte Truppe.

Müller: Genau. Und die Wolfsburger sind auch kein Kanonenfutter, sondern Vizemeister und eine Spitzenmannschaft. Das passiert im Fußball. Es ist dann bitter, wenn der Gegner und der Torjäger so einen Lauf hat. Dass jemand in neun Minuten fünf Tore macht wird es auch vermutlich nicht mehr geben. Das war der Wahnsinn.

bundesliga.de: Ihr Rekord von 1977 hatte vier Jahre später schon einmal gewackelt, als Manfred Burgsmüller für Dortmund fünf Tore gegen Bielefeld schoss, dann aber kurz vor Schluss darauf verzichtete, einen Elfmeter zu schießen.

Müller: Das weiß ich auch noch. Aber wie ich eben schon sagte: Meine Lebensphilosophie ist, dass alles im Leben vorbestimmt ist. Wenn morgen jemand meinen Rekord einstellt, ist es halt so. Davon geht die Welt auch nicht unter.

 

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski