Die Situation beim Hamburger SV und dem VfB Stuttgart, die am kommenden Samstag aufeinandertreffen (ab 18 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio), war im Sommer 2009 durchaus vergleichbar.

Beide Mannschaften beendeten die Saison erfolgreich: Die Norddeutschen qualifizierten sich nach einer insgesamt starken Spielzeit für die Europa League, die Schwaben schafften es mit einer bärenstarken Rückrunde sogar in die Champions League. Allerdings: Beide Mannschaften mussten auch jeweils äußerst treffsichere Stürmer zur Konkurrenz ziehen lassen.

Olic und Gomez jetzt beim FCB

Bei den "Rothosen" wanderte Ivica Olic von der Elbe an die Isar ab. Der Kroate war 2008/09 mit zehn Bundesligatoren einer der Erfolgsgaranten für das gute Abschneiden der Hamburger - nur Mladen Petric erzielte mehr Treffer (zwölf).

Den VfB traf es sogar noch härter. Mario Gomez, mit 24 Ligatoren Stuttgarts "Lebensversicherung", verließ den Verein - kurioserweise übrigens genau wie Olic - in Richtung Bayern München.

Die Trainer Bruno Labbadia und Markus Babbel, die Anfang der 90er-Jahre gemeinsam beim FC Bayern unter Vertrag standen, hatten in der Saisonvorbereitung also allerhand zu tun. Beide Fußballlehrer mussten in ihren Reihen einen Vollblutstürmer ersetzen.

"Das trifft uns hart"

Dem neuen HSV-Coach ist dies zum Saisonstart zunächst bestens gelungen. Paolo Guerrero sprang an den ersten vier Spieltagen eindrucksvoll in die Bresche und steht mit vier Treffern an der Spitze der Torjägerliste. Neben den Ligatreffern war er auch zwei Mal in der Qualifikation für die Europa League erfolgreich.

Ab sofort muss Labbadia selbiges "Kompensations-Kunststück" allerdings ein zweites Mal vollbringen, weil die Erfolgswelle des Peruaners am Mittwoch jäh zusammengebrochen ist. Im Länderspiel gegen Venezuela hat sich Guerrero wohl einen Kreuzbandriss zugezogen.

"Das trifft uns hart. Paolo hat am meisten Tore geschossen und ist auch abseits des Platzes immer weiter in die Führungsrolle getreten", sagte Labbadia. Nach Guerreros Rückkehr am Freitag folgt noch eine ausführliche Untersuchung.

Elia, Berg und Petric im Fokus

Nun stehen Marcus Berg, Eljero Elia und Mladen Petric, die in der Liga bislang alle jeweils ein Mal einnetzten, im Fokus. Der niederländische Nationalspieler Elia bestätigte seine gute Form unter der Woche mit dem Siegtreffer in der WM-Qualifikation gegen Schottland.

Die Hamburger Offensive lief bisher insgesamt rund: Zwölf Treffer bedeuten genau wie die Chancenverwertung von 18,5 Prozent den Ligahöchstwert. 2008/09 zappelten nur 13 Prozent der nicht geblockten Schüsse im Netz (unter dem Ligaschnitt). Zudem sind die Hanseaten abschlussfreudiger und gaben im Schnitt fast fünf Schüsse pro Spiel mehr ab (19,3) als in der Vorsaison (14,7).

Pogrebnyak macht Hoffnung

In Reihen der Schwaben ist die Kompensation von Gomez' Abgang noch nicht wirklich gelungen. Im Vorjahr war der Nationalstürmer für satte 38 Prozent der VfB-Tore direkt verantwortlich (24 von 63). Die einzigen beiden Stürmertore in dieser Spielzeit schossen Neuzugang Pavel Pogrebnyak und Youngster Julian Schieber (jeweils eines).

Genau diese beiden Spieler machen aber auch Hoffnung. Neuzugang Pogrebnyak ist nämlich sehr bemüht und brachte immerhin 80 Prozent seiner nicht geblockten Schüsse auf das Tor, Schieber hat eine Schussgenauigkeit 75 Prozent vorzuweisen. Einzig Cacau scheint seinen langjährigen Sturmpartner zu vermissen - der Nationalspieler traf lediglich im DFB-Pokal. Ciprian Marica gab sogar noch keinen einzigen Schuss ab.

Noch kein festes Sturmduo

Babbel, dessen Team mit einer Ausbeute von fünf Zählern nur auf Platz 9 rangiert, hat sein bevorzugtes neues Sturmduo noch nicht gefunden: In den vergangenen drei Pflichtspielen starteten zunächst Cacau und Pogrebnyak, dann Pogrebnyak und Marica sowie schließlich Cacau und Schieber.

Vielleicht wird es aber auch in Zukunft gar kein fixes Angreifer-Pärchen geben, denn der Trainer bevorzugt eine stetige Rotation. "Es ist wichtig, dass jeder Spieler seine Einsatzzeiten bekommt. In unserem Kader haben viele Spieler eine hohe Qualität", sagte der 37-Jährige kürzlich. Ein Manko der ersten Wochen sieht er vielmehr im mentalen Bereich: "Die Jungs müssen das Umschalten lernen zwischen dem Highlight Champions League und dem täglichen Brot Bundesliga."

Mit einem Sieg in der HSH Nordbank Arena könnten die Stuttgarter bis auf zwei Punkte an den HSV heranrücken, dann wären nach dem 5. Spieltag die Situationen fast wieder vergleichbar...

Tim Tonner