Gelsenkirchen - Mit 43 Jahren, sechs Monaten und zwei Tagen bei seinem letzten Einsatz steht Klaus Fichtel seit 26 Jahren in den Geschichtsbüchern der Bundesliga als ältester Spieler aller Zeiten (siehe auch Video). Jetzt wird "Tanne" 70.

Als Profi hörte Klaus Fichtel mit 43,5 Jahren auf, doch auf dem Fußball-Platz steht der einstige Kapitän des FC Schalke 04 noch heute. Denn mit der Traditionself seiner Knappen kickt der WM-Dritte von 1970 noch heute regelmäßig. "Wer rastet, der rostet", sagt der Rekordspieler und ergänzte im kicker: "Ich hatte ziemliches Glück, war nicht so häufig verletzt. Solange die Beine noch mitmachen, bleibe ich am Ball. Eine Halbzeit geht noch."

"Der Wald stirbt - die Tanne steht"

Schon als Bundesliga-Profi spielte der Abwehrchef länger als jeder andere. 43 Jahre, sechs Monate und zwei Tage war Fichtel alt, als er am 21. Mai 1988 mit der Partie seiner Schalker gegen Werder Bremen von der großen Bühne abtrat. Die Fans huldigten dem Rekordspieler mit dem legendären Transparent: "Der Wald stirbt - die Tanne steht!"

Die "Tanne", wie der Libero auf Schalke genannt wurde, war ein echter Knappe, als er zu den Königsblauen kam. Fichtel arbeitete als Bergmann, als ihn 1965 der damalige S04-Trainer Fritz Langner bei Arminia Ickern entdeckte und für 1200 Mark Grundgehalt nach Schalke lockte. "Der Fußball war das Ticket für ein besseres Leben", sagt Fichtel.

Rekord für die Ewigkeit

Was folgte, ist bis heute einmalig. 552 Bundesligaspiele, davon 477 für Schalke, bestritt Fichtel - nur Karl-Heinz Körbel, Manfred Kaltz und Oliver Kahn brachten es auf mehr. Im August 1986 war eigentlich schon alles zu Ende, doch das Abschiedsspiel mit Johan Cruyff und Uwe Seeler war verfrüht. Es folgte das Comeback und der Rekord für die Ewigkeit. Denn als mehrere Spieler der Königsblauen verletzt waren, sprang Co-Trainer Fichtel noch einmal ein und machte in der Rückrunde der Saison 1987/88 noch weitere elf Spiele für Schalke. "Ich habe als Assistenztrainer regelmäßig bei den Trainingspielen mitgemacht. Insofern stand ich gut im Saft und konnte noch mithalten", erinnert er sich.

"Ich war einer von den Typen, die nie verletzt sind", sagt Fichtel. Er habe auch deshalb so lange wie möglich weitergespielt, weil er "nicht zurück in die Zeche" wollte. Dass er nur auf 23 Länderspiele kam, lag an Franz Beckenbauer. "Den hatte er vor der Nase", merkte der ehemalige Schalker Präsident Günter Siebert an, "der war in Deutschland als Libero die uneingeschränkte Nummer eins."

"Hier baut die Arminia"

Doch die Rekordkarriere hatte auch Schattenseiten. In den Bundesliga-Skandal war Fichtel ebenso verwickelt wie die meisten seiner Teamkollegen. "Es war grauenvoll", erinnerte er sich an das verschobene 0:1 am 17. April 1971 gegen Arminia Bielefeld und sprach von der "Dummheit meines Lebens". Die Sperre, im Januar 1974 vorzeitig aufgehoben, kostete ihn weitere Bundesliga-Spiele.

Als er in dieser Zeit sein Haus in Waltrop baute, pinselten wütende Fans auf das Bauschild den Zusatz: "Hier baut Arminia Bielefeld". Es lag nicht zuletzt am Bundesliga-Skandal, dass sein größter Traum nicht in Erfüllung ging. Die Deutsche Meisterschaft blieb für den Abwehrchef unerreicht. Die junge Schalker Mannschaft um Torjäger Klaus Fischer, Kapitän Stan Libuda und die Kremers-Zwillinge, 1972 Vizemeister und Pokalsieger, wurde auseinandergerissen. Während der FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach den deutschen Fußball dominierten, verloren die Gelsenkirchener den Anschluss.

Mit Werder Bremen fehlten Fichtel 1983 lediglich acht Tore zum Titel, der punktgleiche Hamburger SV schnappte sich die Schale. Nach seiner Rückkehr 1984 war für Schalke die Meisterschaft unerreichbar. Als die "Tanne" beim 1:4 gegen Bremen zum letzten Mal auf dem Bundesliga-Platz stand, war sein S04 als Tabellenletzter längst abgestiegen.

sid