Köln - Fällt das 50.000. Tor in der Geschichte der Bundesliga an diesem Wochenende? Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch. 268 Mal traf Stürmerlegende Klaus Fischer zwischen 1968 und 1988 für 1860 München, Schalke 04, den 1. FC Köln und den VfL Bochum. Damit belegt der heute 67-Jährige Platz 2 in der ewigen Torjägerliste der Bundesliga hinter Gerd Müller, der 365 Mal knipste. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Vizeweltmeister von 1982 über seine wichtigsten Tore und die besten Stürmer von damals und heute.

bundesliga.de: Herr Fischer, 23 Tore fehlen noch, dann ist die Marke von 50.000 Toren in der Bundesliga geknackt. Können Sie sich noch an das erste Tor erinnern?

Klaus Fischer: 1963 hatte unsere Familie zwar schon einen Fernseher, den wir uns zur Weltmeisterschaft 1962 angeschafft hatten. Aber an den 1. Spieltag der Bundesliga kann ich mich nicht im Detail erinnern. Ich weiß aber, dass Timo Konietzka das erste Tor erzielt hat.

bundesliga.de: Fünf Jahre später sind Sie dann selbst Profi bei 1860 München geworden.

Fischer: Genau. Und an mein erstes Tor kann ich mich noch gut erinnern. Das war in einem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg (am 6. Spieltag der Saison 1968/69 beim 2:0-Erfolg der Löwen, die Red.). Es war ein unbeschreibliches Gefühl für einen wie mich, der mit 18 Jahren aus der Bezirksliga kam und gerade Bundesliga-Spieler geworden war. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich es so schnell schaffen würde. Mein erstes Bundesliga-Tor ist mir unvergesslich geblieben.

"Gerd Müller war unnachahmlich"

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bundesliga.de: Welches war Ihr wichtigstes Tor, dass Sie in der Bundesliga geschossen haben?

Fischer: Schwer zu sagen, es waren so viele und schöne Tore dabei. Vielleicht war es ein Tor aus dem Jahr 1972, als wir mit Schalke 04 im letzten Heimspiel auf den VfB Stuttgart trafen. Wir bekamen in der 89. Minute einen Elfmeter. Wir mussten ihn verwandeln, damit es zu einem Endspiel um die Meisterschaft am letzten Spieltag beim FC Bayern München kommen konnte. Ich habe geschossen und getroffen. Wir gewannen das Spiel mit 2:1. Leider haben wir dann in München verloren und den Titel nicht geholt.

bundesliga.de: Sie haben etliche spektakuläre Fallrückziehertore erzielt. Heute sieht man das nur noch ganz selten. Ist der Fallrückzieher Ihr Alleinstellungsmerkmal unter den Torjägern gewesen?

Fischer: Ein paar Fallrückziehertore sieht man noch, wenn man die Spiele in ganz Europa verfolgt. Wenn die Möglichkeit da ist und ein Spieler das kann, sollte er es versuchen. So habe ich es immer gehalten. Vielen fehlt allerdings auch der Mut dazu. Den braucht man nämlich, weil man sich bei einem missglückten Versuch auch verletzen kann.

bundesliga.de: Wer ist aus Ihrer Sicht der größte Torjäger der Bundesliga-Geschichte?

Fischer: An Gerd Müller kommt man natürlich nicht vorbei, bei den vielen Toren, die er geschossen hat. Natürlich kam ihm auch zugute, dass er in einer der besten Mannschaften der Welt gespielt hat. Aber wie er die Tore teilweise gemacht hat, das kann man nicht lernen, das war unnachahmlich. Man hat diesen Torriecher und diese Qualität, oder man hat sie nicht. Gerd Müller hatte sie.

bundesliga.de: Wenn Sie die Stürmer in der laufenden Saison so anschauen. Wer ist für Sie aktuell der beste Stürmer der Bundesliga?

Fischer: Da würde ich zwei nennen. Pierre-Emerick Aubameyang und Robert Lewandowski. Das sind die beiden mit Abstand besten Stürmer, weil sie seit Jahren ihre Tore erzielen. Andere haben mal ein gutes Jahr und sind dann wieder verschwunden. Lewandowski ist der ideale Mittelstürmer. Er kann auf engstem Raum Tore machen. Da hat er Vorteile. Aber auch Aubameyang ist nicht von schlechten Eltern. Er ist besser im Konterspiel, weil er so unheimlich schnell ist.

"Burgstaller wächst in die Mannschaft hinein"

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bundesliga.de: Hat sich das Spiel des Mittelstürmers geändert oder ist es noch das Gleiche wie vor 30 oder 40 Jahren?

Fischer: Wenn einer schnell ist, beidfüßig und kopfballstark, dann macht der zu allen Zeiten seine Tore. Heute genauso wie damals. Veränderungen hat es sicher gegeben, die gab es auch zu unseren Zeiten. Zu meiner Zeit haben die Außenstürmer noch eine andere Rolle gespielt. Rüdiger Abramczyk hat mich mit Flanken versorgt und in Szene gesetzt. Das war seine Aufgabe. Wir haben mit zwei Spitzen gespielt und mussten auch beweglich sein. Die Tore fallen nicht an der Eckfahne, sondern im Zentrum, wo der Stürmer steht. Die Außenstürmer oder Vorbereiter von heute ziehen dagegen selbst nach innen - wie ein Arjen Robben oder Franck Ribery. Sie wollen auch selbst Tore schießen und nicht nur vorbereiten. Wenn man einen guten Mittelstürmer hat, der in der Lage ist, Tore zu machen, muss man das nutzen. In Deutschland gibt es aktuell leider keine Mittelstürmer von internationaler Klasse mehr.

bundesliga.de: Das 50.000. Tor der Bundesliga könnte theoretisch am Samstagabend im Topspiel zwischen Schalke 04 und Hertha BSC fallen. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht. Welchen Schalker Torschützen hätten Sie auf der Rechnung?

Fischer: Das kann man im Moment bei Schalke nicht so leicht vorhersagen. Wer hat denn bei Schalke die meisten Tore in dieser Saison geschossen?

bundesliga.de: Alessandro Schöpf und Eric Maxim Choupo-Moting haben jeweils drei Mal getroffen.

Fischer: Sehen Sie. Bei Bayern oder Dortmund kämen dafür einige Spieler in Frage, Lewandowski oder Aubameyang etwa.

bundesliga.de: Was halten Sie von Schalkes Winterverpflichtung Guido Burgstaller?

Fischer: Ich glaube schon, dass er in die Mannschaft hineinwächst. Er ist nicht langsam, viel in Bewegung, arbeitet gut. Ich hoffe, dass er sich durchsetzt und das bringt, was Schalke sich von ihm erhofft. Der Anfang war schon mal ganz gut. Vielleicht macht er das Tor? Oder es fällt nächste Woche? Lassen wir uns überraschen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski