Köln - Nach einem Jahr Pause stehen sich beim Duell FC Bayern München gegen Borussia Dortmund am kommenden Sonntagabend wieder die beiden besten Mannschaften Deutschlands gegenüber. Der Erste spielt gegen den Zweiten. Im Interview mit bundesliga.de spricht Weltmeister und Bayern-Ikone Klaus Augenthaler (sieben Mal Meister mit den Münchenern) über das Topspiel und analysiert die beiden Kontrahenten.

bundesliga.de: Herr Augenthaler, am Sonntag treffen der FC Bayern München und Borussia Dortmund im Topspiel des 8. Spieltags der Bundesliga aufeinander. Ist es aus Ihrer Sicht bereits wieder ein Duell auf Augenhöhe?

Klaus Augenthaler: Nach den letzten beiden Ergebnissen von Dortmund müsste man sagen: Nein, so weit ist der BVB noch nicht, auch wenn sie vorher die ersten elf Pflichtspiele gewonnen haben. Aber es wird auf jeden Fall wieder ein interessantes Spiel. Dortmund ist schon in der Lage, dem FC Bayern Paroli zu bieten. Das hat Wolfsburg ja auch über 45 Minuten geschafft. Lewandowski wird nicht noch einmal in kurzer Zeit fünf Tore schießen.

bundesliga.de: Bayern gegen BVB war in den letzten Jahren das Topspiel schlechthin, bevor die Borussia im Vorjahr etwas schwächelte. Hat sich Dortmund in diesem Jahr wieder in der Spitze zurückgemeldet?

Augenthaler: Absolut. Sie spielen wieder annährend so gut wie in der besten Phase unter Jürgen Klopp.

bundesliga.de: Dortmund hat den Bayern in den letzten Jahren oft das Leben schwergemacht, selbst in der letzten Saison im DFB-Pokal im Halbfinale in München gewonnen.

Augenthaler: In dem Spiel hätte Bayern das 2:0 machen müssen, dann wäre alles klar gewesen. Danach haben sie im Elfmeterschießen verloren. Dortmund war die glücklichere Mannschaft. Ich sage trotzdem: Der FC Bayern ist das Nonplusultra. Dann kommen Dortmund, Wolfsburg und vielleicht noch Schalke und Leverkusen. Aber ich glaube nicht, dass Dortmund über die gesamte Saison gesehen schon auf Augenhöhe ist.

"Der FC Bayern hat die richtigen Spieler geholt"

bundesliga.de: Besteht beim FC Bayern die größte Leistung darin, dass die Mannschaft auch nach drei Meisterschaften in Folge nicht satt ist, jedes Spiel ernst nimmt und seriös spielt?

Augenthaler: Ja, absolut. Vor allem, wenn man noch bedenkt, wer beim FC Bayern alles fehlt oder gefehlt hat. Der FC Bayern hat die richtigen Spieler geholt, die für einen Arjen Robben oder Franck Ribery einspringen. Bastian Schweinsteiger ist nicht mehr dabei. Nicht nur die Ergebnisse zeigen, dass die richtigen Transfers getätigt wurden.

bundesliga.de: Im Bayern-Sturm treffen erst Thomas Müller und nun Robert Lewandowski wie sie wollen. Die Rotation schadet ihnen nicht. Woran liegt das?

Augenthaler: Die Bayern sind in der Offensive sehr variabel, die Stürmer austauschbar. Sie haben ja auch noch einen Mario Götze. Es macht den FC Bayern aus, dass er auch Spieler von der Bank bringen kann, die nicht sauer sind und Gas geben.

bundesliga.de: Droht der Bundesliga im Falle eines Bayern-Sieges und dann sieben Punkten Vorsprung auf den BVB eine kleine Vorentscheidung im Meisterschaftskampf?

Augenthaler: Das glaube ich nicht, das wäre ein bisschen sehr früh. Es ist dann noch nicht so, dass die Bayern Meister werden und die anderen Vereine nur noch um die Champions-League-Plätze spielen. Es wäre allerdings schon eine Kluft zwischen den Bayern und dem Rest, bei dem man abwarten muss, ob Schalke so konstant weiterpunktet.

"Thomas Tuchel hat ein neues Feuer entfacht"

bundesliga.de: Kommen wir auf Borussia Dortmund zu sprechen. Die Mannschaft von Thomas Tuchel konnte sich zu Beginn der Saison gegen international eher zweitklassige Gegner einspielen und ist dann ins Rollen gekommen. Was macht der BVB besser als in der letzten Saison?

Augenthaler: Ich glaube, das ist gar nicht so viel. Sie spielen ähnlich wie zu besten Zeiten von Jürgen Klopp. Jetzt ist ein neuer Trainer gekommen mit neuen Impulsen und neuen Ideen. Jetzt müssen wir abwarten, wie die Mannschaft die beiden zuletzt nicht so berauschenden Ergebnisse verkraftet. Sie haben zweimal unentschieden gespielt. Darmstadt müssen sie zuhause schlagen, in Hoffenheim hätten sie auch drei Punkte holen können. Jetzt kommt es auf das Bayern-Spiel an und darauf, wie sie sich dort verkaufen. Wenn sie da 0:4 verlieren, dann ist die Kluft doch noch sehr groß, was mich bestätigen würde.

bundesliga.de: Beim BVB blühen einige Spieler richtig auf, beispielsweise Henrikh Mikhitaryan, der gut mit Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang harmoniert. Sind die drei schon auf einem Niveau wie Thomas Müller und Robert Lewandowski?

Augenthaler: Ich glaube, dass der Dortmunder Sturm mit dem der Bayern mithalten kann. Bei den Spielern hat Thomas Tuchel ein neues Feuer entfacht. Aber Aubameyang war schon unter Klopp in einer sehr guten Verfassung. Die mannschaftliche Geschlossenheit des BVB und seine Offensivkraft könnten den Bayern Probleme bereiten. Das Spiel in München wird nun die ultimative Reifeprüfung für Borussia Dortmund.

bundesliga.de: Wie geht das Spiel aus?

Augenthaler: Ich bin ein schlechter Tipper, aber ich sage 3:1 für die Bayern.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski