Köln - Der VfL Wolfsburg hat eine hervorragende Saison gespielt und zum Abschluss der Spielzeit noch die Chance auf den Gewinn des DFB-Pokals. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Geschäftsführer Sport Klaus Allofs, der gerade seinen Vertrag bis 2019 verlängert hat, über die Gründe für die rasante Entwicklung des Clubs, über das zukünftige Potenzial und über die Zusammenarbeit mit Trainer Dieter Hecking.

bundesliga.de: Herr Allofs, wie fühlt es sich an, wenn man zweieinhalb Jahre kontinuierlich an einem Projekt arbeitet und sich schließlich der erhoffte Erfolg einstellt?

Klaus Allofs: Es ist nicht so, als würde sich ein Gefühl der Zufriedenheit erst jetzt, mit dem Erreichen der Champions League und des Pokalfinales einstellen. Schon in vielen Monaten zuvor konnte man erkennen, dass wir mit dem, was wir uns vorgenommen haben, kontinuierlich vorankommen. Im Übrigen ist es grundsätzlich ein sehr gutes Gefühl beim VfL Wolfsburg zu arbeiten. Ein Gefühl, das ich von Anfang an hatte, ich sehe mich hier am richtigen Ort. Ich glaube, dass das für alle gilt, die beim VfL arbeiten - egal ob es die Aktiven sind oder die Trainer oder die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle.

"Diese Entwicklung war so nicht zu erwarten"

bundesliga.de: Ging die Entwicklung vom Abstiegskampf in der Saison 2012/13 bis in die Champions League schneller als erwartet?

Allofs: Dass man damals mit dem Blick in die Zukunft davon gesprochen hat, irgendwann wieder Champions League spielen zu wollen, war unsere grundsätzliche Ausrichtung. Aber wir haben nicht unablässig daran gedacht, dass das in zwei Spielzeiten möglich sein würde. Das vordringlichste Ziel vor dieser Saison war, die gute Platzierung der vergangenen Spielzeit, den fünften Platz, zumindest zu bestätigen. Schon damals hat uns nur ein Punkt gefehlt, um die Champions League-Qualifikation zu erreichen. Aber uns war stets bewusst, dass in diesen Regionen die Luft dünner wird. Deshalb war es durchaus eine positive Überraschung, in welchem Tempo wir uns weiter entwickelt und  eine sehr gute Bundesliga-Saison gespielt haben, darüber hinaus im Pokalfinale stehen und zudem einen guten internationalen Auftritt hatten. Das war so nicht zu erwarten.

bundesliga.de: Dieses Projekt muss längst nicht abgeschlossen sein. Will man nun den Angriff auf die Bayern ins Auge fassen?

Allofs: Nein, keineswegs. Es stimmt zwar, dass unsere Aufgabe noch nicht beendet ist. Aber wir sagen sicher nicht, dass wir die Bayern angreifen wollen. Vor drei Jahren waren es die Borussen aus Dortmund, die ganz oben waren. Und in Zukunft könnte es jemand ganz anders sein. Man kann nicht nach nur einer Saison sagen, dass man sich unter den ersten vier Teams der Tabelle etabliert hätte. Uns geht es vielmehr darum, dass wir sportlich eine feste Größe in der Bundesliga werden, und dass die Schwankungen, denen man immer einmal ausgesetzt sein kann, deutlich geringer ausfallen. Natürlich wäre es schön, wenn man dabei in die große Lücke hinein stoßen könnte, die sich hinter den Bayern aufgetan hat. Aber da bekommt man es mit anderen Vereinen zu tun, die ähnliche Ziele verfolgen.

"Sagen nicht, dass wir Bayern angreifen wollen"

bundesliga.de: Wären aber nicht die nächsten ein, zwei Saisons geradezu prädestiniert für einen Angriff auf den FC Bayern, weil dort wohl ein Umbruch bevorsteht?

Allofs: Das wird sich erst noch herausstellen müssen. Wenn wir sagen, dass wir keinen Angriff auf die Bayern starten wollen, heißt das nicht, dass wir nicht gerne den Meistertitel gewinnen würden. Aber man muss das große Ganze sehen, etwa dass die Bayern mit einem Umsatz um 400 Millionen Euro oder gar mehr agieren. Dortmund hat zweimal den Titel gewonnen, Wolfsburg 2009 auch, ohne aber in der Gesamtbetrachtung mit den Bayern in einem Atemzug genannt werden zu können. Trotzdem werden wir uns sportlich keine Limits setzen, wollen uns noch weiter verbessern und die kommende Saison vielleicht spannender machen, als es diesmal der Fall war.

bundesliga.de: Wichtigste Zutat zum Erfolgsrezept des VfL ist sicherlich die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Dieter Hecking; das erinnert an das Duo Allofs/Schaaf bei Werder Bremen...

Allofs: Sicherlich gibt es Parallelen. Dieter Hecking gehört in dieselbe Kategorie Trainer, was die Fähigkeiten, das Engagement und die Identifikation mit ihrem Klub betrifft, wie Thomas Schaaf. Meine Arbeitsweise basiert ohnehin immer auf vertrauensvoller, enger Zusammenarbeit. Beides zusammen sind die Voraussetzungen, um am Standort Wolfsburg erfolgreich zu sein.

bundesliga.de: Bedeutet das, dass diese Zusammenarbeit durchaus noch sehr lange gegeben ist?

Allofs: Das kann man im Fußball nie wissen. Wenn man erfolgreich ist und alle zufrieden sind, kann das durchaus der Fall sein. Dieter Hecking hat noch bis 2016 Vertrag, und aktuell gibt es überhaupt keine Gründe, warum dieser Vertrag nicht verlängert werden sollte.

"Benötigen großen Konkurrenzkampf"

bundesliga.de: Dass Sie beide längst an die kommende Saison denken, hat die frühzeitige Bekanntgabe des Wechsels von Max Kruse gezeigt. Damit hat der VfL einen weiteren Topstürmer im Kader. Die, die schon da sind, gelten aber nicht unbedingt als diplomatisch...

Allofs: Wir brauchen auch keine Mitarbeiter fürs diplomatische Corps (lacht). Vielmehr brauchen wir Spieler, die ehrgeizig sind, spielen und sich weiterentwickeln wollen. Wir haben sehr großes Vertrauen in unsere Spieler, aber sie müssen wissen, dass wir einen großen Konkurrenzkampf benötigen, wenn wir dauerhaft erfolgreich und gewappnet sein wollen für die kommenden Herausforderungen. Das geht nur, wenn wir den Kader qualitativ immer weiter verbessern. Im Übrigen glaube ich, dass es für die Entwicklung eines Spielers nicht gut wäre, wenn er sich einrichten und davon überzeugt sein könnte, dass er immer spielt. Selbstverständlich werden wir aber auch darauf achten, dass es keine nötige Unruhe gibt – wozu es zum Beispiel kommen könnte, wenn man für eine Position gleich fünf Spieler hätte.

bundesliga.de: "Gewappnet für kommende Herausforderungen" - bedeutet das, dass Kruse längst nicht der einzige Neue sein wird?

Allofs: Diese Frage lässt sich jetzt noch nicht beantworten. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir die Augen immer offen halten müssen, welche Möglichkeiten sich ergeben könnten. Mit Nicklas Bendtner und Bas Dost haben wir bisher zwei Stürmer, die einen ähnlichen Spielertyp verkörpern. Max Kruse gibt dem Trainer nun weitere Möglichkeiten, so dass wir im Sturm durchaus besser aufgestellt sein sollten. Auch für die Abwehr, für das Mittelfeld und sogar fürs Tor muss das gelten, wo wir schon vor längerer Zeit die Verpflichtung von Koen Casteels bekannt gegeben haben. Das muss zu einer Selbstverständlichkeit werden und darf nicht als mangelndes Vertrauen zu den Spielern verstanden werden, die bereits da sind.

"Haben kein Interesse daran, De Bruyne abzugeben"

bundesliga.de: Keine Konkurrenz zu fürchten hat Kevin de Bruyne. Wie sehr belastet es, wenn für ihn fast im 24-Sunden-Takt Angebote von Top-Klubs kolportiert werden?

Allofs: Seine Leistungen zeigen, dass das für ihn keine Belastung ist. Für uns ist die Sache klar: Wir haben überhaupt kein Interesse daran, Kevin abzugeben. Und auch von Seiten des Spielers gibt es keine Anzeichen, dass er sich hier nicht wohl fühlen würde. Darüber hinaus existieren ohnehin keine hochoffiziellen Anfragen. Warum sollten wir also tiefer in diese Thematik einsteigen?! Wie das dann im nächsten Jahr aussehen wird, kann ich jetzt natürlich nicht sagen. Können wir aber noch einmal einen Schritt nach vorne machen, gäbe es wohl nicht mehr allzu viele Gründe, den VfL zu verlassen.

bundesliga.de: Einer der wenigen wäre vielleicht der Standort. Wirkt Wolfsburg bei Vertragsgesprächen bisweilen als Standortnachteil?

Allofs: Nein. Nicht in den Gesprächen, in denen man sich ernsthaft mit der Stadt auseinandersetzt. Die meisten, die die Lebensqualität in Wolfsburg infrage stellen, kennen Wolfsburg überhaupt nicht. Wir erwarten von einem Spieler, der sich mit uns beschäftigt, dass er sich im Vorfeld informiert. Geschieht das, erkennt er, dass Wolfsburg keinen Standortnachteil hat. Ich sehe es sogar umgekehrt, weil man optimale Bedingungen vorfindet. Die Infrastruktur ist hervorragend, will man sich sportlich, also beruflich weiterentwickeln. Und das sollte bei der Wahl des Arbeitgebers ohnehin im Vordergrund stehen. Aber auch, was die Freizeitaktivitäten betrifft ist es nun wirklich nicht so, als wären wir fünf Stunden weg von jeglicher Zivilisation (lacht). In einer Stunde ist man in Berlin oder in Hannover.

"Pokalfinale verfestigt die positive Wahrnehmung"

bundesliga.de: Und in Berlin könnte der VfL die ohnehin tolle Saison noch mit einem Titel veredeln. Was würde der Pokal-Sieg neben einem umfangreicheren Briefkopf noch bedeuten?

Allofs: Schon die bloße Teilnahme am Finale erhöht die große Aufmerksamkeit, die wir in dieser Saison ohnehin bereits genossen haben: Wir durften die Spielzeit und damit auch die Rückrunde unter großer nationaler und internationaler Wahrnehmung eröffnen und haben auch in der Europa League sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Ein Pokalfinale verfestigt jetzt die positive Wahrnehmung des Clubs. Dass der Gewinn des Pokals dies noch einmal toppen und den VfL ins Interesse einer noch breiteren Öffentlichkeit rücken würde, versteht sich von selbst.

Das Interview führte Andreas Kötter