Wolfsburg - Die Tragödie um Junior Malanda hat nicht nur für den VfL Wolfsburg die Winterpause überschattet. Vor dem Rückrundenstart gegen den FC Bayern München erzählt Klaus Allofs, Geschäftsführer Sport und Kommunikation, im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de, wie man in den vergangenen Wochen bei den "Wölfen" mit Trauer und Verlust umgegangen ist, dennoch aber versucht hat sich adäquat auf die wichtige Rückrunde vorzubereiten.

bundesliga.de: Herr Allofs, die DFL hat allen Clubs empfohlen, am Wochenende eine Schweigeminute zum Gedenken an den verstorbenen Junior Malanda abzuhalten. Das ist ohne Frage sehr begrüßenswert, könnte solch ein Moment dennoch gerade heilende Wunden wieder aufreißen lassen?

Klaus Allofs: Wir begrüßen diese Empfehlung der DFL. Das ist eine sehr schöne Geste, die alle Reaktionen aus Fußball-Kreisen, nicht nur aus der Bundesliga, sondern aus ganz Europa widerspiegelt. Reaktionen, die uns in den vergangenen Wochen großen Trost gespendet haben. Wir sind uns bewusst, dass es weiterhin sehr schwierige Momente geben wird, und dass Trauer nichts ist, mit dem man von einem Moment auf den nächsten abschließen könnte. Darauf sind wir aber gut vorbereitet.

"Rücksicht aufeinander ist jetzt wichtig"

bundesliga.de: Brauchen besonders die jungen Spieler in dieser Situation jemanden, der ihnen zur Seite steht?

Allofs: Wir sprechen von einer Berufsgruppe, die im Schnitt Menschen zwischen 18 und 34 umfasst. In diesem Alter wird man normalerweise noch nicht so häufig mit dem Tod konfrontiert. Ich glaube deshalb, dass bei der Verarbeitung das Alter kaum eine Rolle spielt. Viel wichtiger scheint mir, dass man noch mehr Rücksicht aufeinander nimmt. Was das betrifft, bin ich sehr hoffnungsvoll. Diese Mannschaft ist eine Gemeinschaft, die in schwierigen Zeiten bisher schon sehr gut miteinander umgegangen ist. Das hat sich in den vergangenen Tagen noch einmal bestätigt und hat großen Anteil daran, dass wir die Zeit im gegebenen Rahmen doch gut nutzen konnten. In der fußballerischen Entwicklung mag uns das nicht zwingend weiterbringen, sehr wohl aber in unserer gesamten Entwicklung.

bundesliga.de: Ist die Mannschaft bereit für den in jeder Hinsicht schwierigen Start in die Rückrunde am Freitag gegen die Bayern?

Allofs: Wir hatten im Trainingslager in Südafrika gute Bedingungen, und die Mannschaft hat sehr konzentriert gearbeitet. Unsere drei Testspiele konnten wir gewinnen. Teilweise haben wir es sehr gut gemacht, nur in ganz wenigen Phasen lief nicht alles rund. Grundsätzlich hat man den Eindruck, dass jeder einzelne sich der Verantwortung, die ihm der Augenblick auferlegt, bewusst ist. Wir sind guter Dinge. Und ich glaube, dass wir gut vorbereitet sind, nicht nur auf das Bayern-Spiel. Denn unsere Vorbereitung gilt nicht allein diesem Spiel, sondern der gesamten Rückrunde.

"Auch wenn wir gewinnen, werden die Bayern Deutscher Meister"

bundesliga.de: In diesem Spiel treffen die beiden besten Teams der Hinrunde aufeinander; erwarten Sie schon einen Fingerzeig für den weiteren Verlauf, oder muss ein Spiel gegen die Bayern immer gesondert betrachtet werden?

Allofs: Das Bayern-Spiel bleibt nur eine von 17 Partien. Obwohl wir zum Saisonauftakt in München verloren haben, konnten wir doch als Zweiter in die Winterpause gehen. Dass ein Erfolg ein Ausrufezeichen wäre, das positive Signale in alle Richtungen sendet, steht außer Frage. Trotzdem qualifiziert uns ein Sieg allein nicht bereits für die Champions League - ebenso wie eine Niederlage nicht bedeuten würde, dass wir unsere Ziele nicht erreichen können. Wir wissen, dass uns ein Teil der Liga den Sieg wohl gönnen würde, damit die Dominanz des FC Bayern nicht allzu groß wird. Und vielleicht können wir einen kleinen Teil zur Spannung beitragen, obwohl ich glaube, dass die Bayern selbst dann Deutscher Meister werden. Sie haben ihre Aufgaben in der Vorrunde viel zu gut erledigt. Und es ist nicht abzusehen, warum das jetzt anders laufen sollte.

bundesliga.de: Hat Ihre Mannschaft mittelfristig das Zeug den FC Bayern dauerhaft herauszufordern?

Allofs: Unser Abstand zu den Bayern ist sicherlich größer als der Abstand zwischen uns und unseren Verfolgern. Trotzdem wollen wir zeigen, dass wir in der Lage sind dagegenzuhalten. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, aus welcher Situation wir kommen: Vor zwei Jahren mussten wir uns durchaus Sorgen machen, noch in den Abstiegsstrudel zu geraten. In der vergangenen Saison haben wir uns als Fünfter für die Europa League qualifiziert, und in dieser Spielzeit sind wir zur Halbzeit Zweiter. Da gibt es zunächst einmal näher liegende Ziele als zu sagen "Jetzt wollen wir die Bayern angreifen!"

"Platz zwei ist eine Momentaufnahme"

bundesliga.de: Vor dieser Saison lautete die Zielstellung, mittelfristig die Champions League zu erreichen...

Allofs: Das stimmt. Wir wollen unser Projekt auf eine solide Basis stellen und uns Schritt für Schritt unter den ersten Mannschaften in der Bundesliga etablieren. Das Ziel Champions League haben wir jetzt aber vorgezogen. Wenn man die Hinrunde als Zweiter abschließt, macht es wenig Sinn etwas anderes zu formulieren. Was in der Zukunft geschieht, wird von einer Menge Faktoren abhängig sein. Dass die Ambitionen in unserem Umfeld da sind, um Titel zu spielen, steht außer Frage. Aber man muss auch respektieren, dass die Bayern eine Mannschaft haben, die sportlich wenig Fehler macht, und eine Vereinsführung, die kaum Fehler bei Personalentscheidungen macht. Unser zweiter Platz ist nur eine Momentaufnahme. Erst wenn man das über einen längeren Zeitraum hinbekommt, sollte man sich darüber Gedanken machen, ob der nächste Schritt möglich ist.

bundesliga.de: Aktuell kämpfen neben dem VfL auch Leverkusen, Gladbach und Schalke um die begehrten Champions-League-Plätze; befürchten Sie, dass in diesem Reigen noch ein Überraschungsgast aus den Niederungen der aktuellen Tabelle auftauchen könnte?

Allofs: Sie meinen Dortmund?! Ich kann mich an eine Saison erinnern, in der Werder Bremen mal 16 Punkte auf Bayer Leverkusen aufgeholt hat. So etwas ist theoretisch also möglich. Aber auch wenn ich davon überzeugt bin, dass Dortmund nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben wird, so scheint es mir doch sehr schwierig, noch in das Rennen um die Champions League-Plätze einzugreifen. Das würde bedeuten, dass man selbst alles richtig macht, die anderen aber möglichst viel falsch machen müssen. Und das ist eine Rechenaufgabe, die wahrscheinlich nicht aufgehen kann.

"Ivica ist auf der Zielgeraden seiner Karriere"

bundesliga.de: In dieser tollen Ausgangslage drängt Ivica Olic auf einen Wechsel zum HSV. Ein herber Verlust für den VfL?

Allofs: Man kann nicht sagen, dass Ivica auf einen Wechsel gedrängt hat. Er hat uns lediglich darüber informiert, dass die Möglichkeit bestünde, zurück zum HSV zu gehen. Ich sehe seinen Wunsch nicht als Zeichen, dass er sich beim VfL nicht mehr wohl gefühlt hat. Vielmehr spielen persönliche Gründe hier eine Rolle. Man darf nicht vergessen, dass Ivica ein Spieler auf der Ziellinie seiner Karriere ist. Da kann sich die Betrachtungsweise schon einmal ändern.

bundesliga.de: Planen Sie bis zum Transferschluss sonst noch eine Veränderung im Kader?

Allofs: Die Winterpause kann durchaus eine gute Gelegenheit sein, um noch einmal einige Dinge zu korrigieren oder um bereits etwas im Vorgriff auf die kommende Saison zu machen. Zu korrigieren gibt es bei uns aktuell aber nichts. Ein kleines Fragezeichen bleibt im Fußballgeschäft allerdings immer.

Das Gespräch führte Andreas Kötter