Seine Gegenspieler in der Bundesliga kennen eine ganz andere Seite an ihm. Auf dem Platz marschiert Lucio voran, dirigiert, kommandiert und scheut keinen Zweikampf. Doch wer den Abwehrchef des FC Bayern München abseits des Fußballfeldes erlebt, kann kaum glauben, wie sanftmütig, zurückhaltend, ja fast schüchtern sich der brasilianische Weltmeister von 2002 gibt.

Im neuen Mediencenter an der Säbener Straße stellte er sich höflich den Fragen der Journalisten und musste dabei nicht einmal auf die Dienste seiner Dolmetscherin zurückgreifen. "Ich habe im Urlaub in Brasilien Deutschkurse belegt", scherzt der 30-Jährige gut gelaunt.

Im Interview spricht er über seine Ziele, ein mögliches Karriereende in München und über den Abgang von Kapitän und Führungsfigur Oliver Kahn. "Michael Rensing wird wie Oliver seinen Weg gehen", bekräftigt er gegenüber bundesliga.de

Frage: Sind Sie sauer, dass Sie auf eine Teilnahme an den olympischen Spielen in Peking verzichten müssen?

Lucio: Nein, ich bin nicht sauer. In der vergangenen Saison habe ich zwar den Wunsch geäußert, mit der brasilianischen Nationalmannschaft zu Olympia zu fahren, aber wenn der FC Bayern "Nein" sagt, dann habe ich damit kein Problem. Ich akzeptiere diese Entscheidung voll und ganz.

Frage: Hat Trainer Jürgen Klinsmann mit Ihnen schon über die Kapitänsbinde gesprochen?

Lucio: Nein, noch nicht. Aber das Amt des Kapitäns ist für mich auch nicht ein solch wichtiges Thema, dass ich darüber unbedingt sprechen müsste. Ich habe schon in der vergangenen Saison gesagt, dass die Binde für mich nicht entscheidend ist. Entscheidend ist vielmehr, dass ich mit dem FC Bayern Titel gewinnen und meine beste Leistung bringen möchte.

Frage: Welcher Titel interessiert Sie denn besonders?

Lucio: Alle Titel. Aber am liebsten wäre mir der Gewinn der Champions League.

Frage: In der vergangenen Spielzeit durften Sie kaum einmal die gegnerische Hälfte betreten und nach vorne stürmen. Ändert sich das nun unter Klinsmann?

Lucio: Nein. Ich weiß, dass ich kein Stürmer oder Mittelfeldspieler bin, sondern mich auf die Defensive konzentrieren muss, so wie in der vergangenen Saison, als wir einen neuen Rekord mit nur 21 Gegentoren aufgestellt haben. Wenn es der Mannschaft hilft, bleibe ich also hinten. Aber wenn ich im Spiel mal eine Chance bekomme und der Trainer mir erlaubt, ein bisschen weiter mit nach vorne zu gehen, dann freue ich mich auch.

Frage: Wie viel verändert sich für Sie als Innenverteidiger durch die Tatsache, dass Oliver Kahn nicht mehr hinter Ihnen zwischen den Pfosten steht?

Lucio: Nicht so viel, eventuell werde ich jetzt öfter mal einen Ball zurückspielen (lacht). Es ist natürlich nicht einfach, einen Oliver Kahn zu ersetzen. Aber Michael Rensing ist auch ein guter Torwart. Wir müssen viel miteinander sprechen und Vertrauen aufbauen. Der Druck ist natürlich sehr hoch für ihn, aber das ist beim FC Bayern eigentlich auf jeder Position so. Ich denke, er wird wie Oliver seinen Weg gehen.

Frage: Glauben Sie, dass der FC Bayern noch mehr Verstärkungen hätte holen müssen?

Lucio: Im Moment haben wir eine gute Mannschaft, fast alle sind Nationalspieler ihres jeweiligen Landes. Ich denke, wir sind stark genug für Europa, auch wenn natürlich die eine oder andere Neuverpflichtung uns noch stärker machen könnte.

Frage: Ist Martin Demichelis für Sie der perfekte Partner in der Innenverteidigung?

Lucio: Ja, das könnte man so sagen. Unser Zusammenspiel hat im vergangenen Jahr gut funktioniert. Er hat immer eine Superleistung gebracht, egal ob im Spiel oder im Training. Wir verstehen uns sehr gut.

Frage: Sie haben noch einen Vertrag über zwei Jahre beim FC Bayern. Könnten Sie sich vorstellen, hier auch Ihre Karriere zu beenden?

Lucio: Darüber wurde ja schon viel spekuliert. Man weiß nie, was noch passiert, aber warum nicht? Meine Familie fühlt sich hier sehr wohl und ist unglaublich zufrieden. Der FC Bayern ist ein großer Club, daher ist es schon möglich, dass ich hier bleibe.

Von der Säbener Straße berichtet Denis Huber