Köln - Längst ist Jonas Hector nicht nur beim 1. FC Köln, sondern auch in der Deutschen Nationalmannschaft ein nahezu unverzichtbarer Aktivposten. Vor dem rheinischen Derby gegen Bayer 04 Leverkusen spricht der 25-jährige im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über seinen bisherigen Werdegang, über die Bedeutung des Derbys für die Fans und über die Weiterentwicklung des FC im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg.

bundesliga.de: Herr Hector, das Derby gegen Bayer Leverkusen steht an, für die Fans beider Clubs eines der absoluten Highlights der Saison. Wie aber nimmt das ein Spieler wahr?

Jonas Hector: Man muss nicht gebürtiger Kölner sein, um zu verstehen, was diese Partie unseren Fans bedeutet. Die besondere Atmosphäre, die diese Spiele auszeichnet, spürt man schon Tage vor dem eigentlichen Spiel. Nicht zuletzt, weil auch die Medien bereits Tage zuvor ausführlich darüber berichten.

bundesliga.de: Möglicherweise kommt es zum direkten Duell mit Ihrem Nationalmannschaftskollegen Karim Bellarabi. Haben Sie kürzlich, im Kreis der Nationalmannschaft, bereits über das Derby gesprochen?

Hector: Nein. Das war kein Gesprächsthema. Weder mit Karim noch mit den anderen Spielern aus Leverkusen.

bundesliga.de: Sind Sie vor einem Derby angespannter als vor anderen Partien?

Hector: Wie gesagt, ich weiß sehr genau, was dieses Spiel den Fans bedeutet. Der 2:1-Sieg im Hinspiel in Leverkusen war für unsere Anhänger ein, wenn nicht das bisherige Highlight dieser Saison. Ich persönlich gehe aber jedes Spiel gleich konzentriert an. Das wird gegen Leverkusen nicht anders sein als gegen jede andere Mannschaft.

bundesliga.de: Und mit dieser Einstellung fahren Sie hervorragend: Mit dem 1. FC Köln haben Sie sich in der Bundesliga etabliert, und für die EM dürften Sie als linker Außenverteidiger erste Wahl sein bei Bundestrainer Joachim Löw...

Jonas Hector:Das sollte man erst einmal abwarten. Ich finde auch, dass wir zuletzt nicht ganz so zufrieden sein können. Zum einen haben wir zuletzt mit dem FC in Hoffenheim unglücklich zwei Punkte liegen gelassen. Dort war sicher mehr für uns drin. Und zum anderen, was die Nationalmannschaft betrifft: Da gab es nach dem 2:3 gegen England durchaus ebenfalls einiges zu kritisieren an unserer Leistung.

bundesliga.de: Beides darf man aber unter "Momentaufnahme" verbuchen. Die DFB-Elf hat sich gegen Italien umgehend rehabilitiert, und der FC spielt auch im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg eine sehr stabile Saison. Lediglich in der Rückrunde hat man das Gefühl, dass noch mehr drin gewesen wäre...

Hector: Das sehe ich ähnlich. Wir haben uns in der Rückrunde einige Male für gute Leistungen nicht mit Punkten belohnt. Ich glaube zwar, dass wir durchaus umgesetzt haben, was wir uns vor der Saison vorgenommen hatten. So haben wir uns gerade auch spielerisch weiterentwickelt und erarbeiten uns mehr Torchancen als das im vergangenen Jahr der Fall war. In der Defensive aber haben wir bisweilen nicht so konsequent agiert wie in der Vorsaison. Und konsequenter werden müssen wir sicherlich auch im Ausnutzen der Torchancen, die wir uns erarbeiten. Unter dem Strich haben wir Punkte liegen gelassen.

bundesliga.de: Fußballerisch scheint die Mannschaft in der Tat deutlich weiter als in der Vorsaison. Lassen vergebene Torchancen eher auf ein Kopfproblem schließen?

Hector: Selbstverständlich kann und muss man an den Automatismen kontinuierlich arbeiten. Allerdings lassen sich bestimmte Situationen nur sehr schwer im Training darstellen. Die Atmosphäre eines mit 50.000 Zuschauern gefüllten Stadions, in dem der Spieler wenige Minuten vor Schluss die große Chance zum Siegtreffer bekommt, ist im Training so nun einmal nicht zu reproduzieren. Das braucht schlichtweg Zeit und ist ein dauerhafter Lernprozess.

bundesliga.de: Apropos Lernprozess: Sie haben sich selbst kürzlich als Spätstarter bezeichnet, weil Sie u. a. nicht die U-Nationalmannschaften des DFB durchlaufen haben. Geschadet hat Ihnen das aber nicht...

Hector: Ich habe in der Tat weder U-Länderspiele absolviert noch eine Ausbildung in einem der Nachwuchsleistungszentren vorzuweisen. Dennoch bin ich nun, mit 25, Spieler in der Bundesliga beim 1. FC Köln und in der deutschen Nationalmannschaft. Das ist so schlecht nicht und ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht habe.

bundesliga.de: Wann war Ihnen zum ersten Mal klar, dass es für mehr reichen könnte als "nur" für eine gute Amateurliga-Karriere?

Hector: Das erste Mal in diese Richtung gedacht habe ich, als erstmals ein Profi-Verein Interesse an mir gezeigt hat. Das war 2009 der VfL Bochum.

bundesliga.de: Hat Ihnen das neben Freude auch ein wenig Angst gemacht, weil diese Erkenntnis eine Entscheidung von Ihnen verlangt hat?

Hector: Nein. Es war sehr schön zu spüren, dass es dieses Interesse gibt. Trotzdem war ich damals noch nicht bereit, mein Zuhause und meine Freunde zu verlassen. Ich habe aber darauf gehofft, dass man sich auch in Zukunft noch für mich interessieren würde – immer vorausgesetzt, dass meine Leistungen im Amateurbereich (Hector spielte damals für den SV Auersmacher in der Oberliga Südwest, der heutigen Oberliga Rheinland Pfalz/Saar; d. Red.) weiter stimmen würden. Und so ist es ein Jahr später auch gekommen, als sich der 1. FC Köln gemeldet hat.

bundesliga.de: In der Nationalmannschaft sind Sie der Hoffnungsträger für die Position des linken Außenverteidigers, beim FC tauchen Sie auch schon mal im Mittelfeld auf. Mussten Sie sich erst anfreunden mit den Ideen von Trainer Peter Stöger?

Hector: Nein. Ich hatte damit kein Problem. Selbstverständlich bedarf es aber einer gewissen Eingewöhnungsphase, bis man sich auf der neuen Position ebenso gut zurechtfindet wie auf der angestammten. Ich denke aber, dass ich es mittlerweile ganz gut im Griff habe, wenn ich beim FC auch mal im Mittelfeld zum Einsatz komme und der Mannschaft so zu größerer Flexibilität verhelfen kann.

bundesliga.de: Wir befinden uns im Endspurt der Saison. Würden Sie bitte ein spätes Zwischenfazit beziehungsweise ein vorzeitiges Fazit ziehen?

Hector: Über unsere spielerische Weiterentwicklung habe ich bereits gesprochen. Und ich denke, dass wir auch im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg eine sehr ordentliche Saison spielen. Das ausgegebene Ziel war, möglichst mehr Punkte zu sammeln als in der Vorsaison. Damals waren es vierzig Punkte. Damit fehlen uns bei aktuell 34 also noch sieben Zähler, um das Ergebnis von 2014/15 zu toppen. Bei noch sechs ausstehenden Spielen ist das machbar.

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Das Gespräch führte Andreas Kötter