München - Vor zehn Jahren erlebte Johan Micoud die Sternstunde seiner Vereinskarriere. Im Münchner Olympiastadion wurde der ehemalige französische Nationalspieler Deutscher Meister mit Werder Bremen, ehe dem SVW dann auch noch der Pokalsieg glückte.

Zwischen 2002 und 2006 war der Mittelfeldregisseur an der Weser der Mann für die magischen Momente. Seit einem Jahr ist der mittlerweile 40-Jährige beim Sport-Sender "l'équipe 21" als Experte tätig. Für bundesliga.de zieht er eine erste Bilanz der Weltmeisterschaft in Brasilien und lobt vor allem die Spieler, die in der Bundesliga unter Vertrag stehen.

bundesliga.de: Monsieur Micoud, wie gefällt Ihnen bisher diese WM?

Johan Micoud: Ich glaube, dass wir uns einig sind, dass wir ein interessantes Turnier erleben: Keine langweiligen Spiele, viele Tore, und eine große Leidenschaft der Spieler. Ich habe richtig Spaß. So kann es ruhig weitergehen.

bundesliga.de: Von welchen Mannschaften sind Sie bisher am meisten begeistert?

Micoud: Deutschland und die Niederlande. Die DFB-Elf hat im ersten Spiel Portugal gar keine Chance gelassen und ich bin mir sicher, dass mit diesem Team wieder zu rechnen ist. Die Mannschaft zeigt einen attraktiven Fußball und sie ist an einem Punkt angekommen, wo sie reif wirkt. Das Gleiche gilt für Oranje. Die Leistung beim 5:1 gegen Spanien war beeindruckend. Aber gegen diese Mannschaft spricht die mangelnde Erfahrung der Abwehrspieler.

bundesliga.de: Und welche Spieler haben dieses Turnier bislang geprägt?

Micoud: Mir ist aufgefallen, dass viele Bundesliga-Spieler auf sich aufmerksam gemacht haben. Zum Beispiel Thomas Müller mit seinen drei Toren, aber auch Arjen Robben, der in bestechender Form ist und vielleicht der große WM-Star wird, sowie die Kroaten Ivica Olic, Ivan Perisic und Mario Mandzukic (Topspieler der Bundesliga) die allesamt getroffen haben. Dazu imponiert mir Luiz Gustavo. Bei Brasilien ist er der Dreh- und Angelpunkt. Er sorgt für die Stabilität der brasilianischen Elf.

bundesliga.de: Sind Sie überrascht, dass die Bundesliga so gut repräsentiert ist?

Micoud: Nicht wirklich, denn die Bundesliga zählt mit Spanien und England zu den besten Ligen der Welt. Ich verfolge sie immer noch regelmäßig und es macht wahnsinnig viel Spaß, die Spiele zu sehen, weil viele Treffer fallen und solange der Schlusspfiff noch nicht ertönt ist, immer noch alles möglich ist.

bundesliga.de: Wie weit kann die DFB-Elf in Brasilien kommen?

Micoud: Egal ob EM oder WM, Deutschland kommt fast immer unter die letzten Vier. Und ich gehe fest davon aus, dass es dieses Mal wieder der Fall sein wird. Dieses Team verfügt über ein starkes Potenzial an Offensivspielern. Wenn es ihm gelingt, seine Abwehrprobleme in den Griff zu bekommen, dann wird es sehr weit kommen - mit großen Chancen auf den WM-Titel.

bundesliga.de: Gegen Honduras gewann Frankreich mit 3:0, jetzt gegen die Schweiz mit 5:2 - und das ohne Franck Ribery. Ist der Flügelflitzer des FC Bayern München also ersetzbar?

Micoud: Aufgrund seiner Rückenprobleme wurde in der Vorbereitung nur noch über Francks Gesundheitszustand gesprochen. Nun gewinnt Frankreich und viele sehen für ihn bereits keine Zukunft mehr in der Nationalmannschaft. Aber in meinen Augen bleibt er immer noch unheimlich wichtig für den französischen Fußball. Wenn er wieder topfit wird, dann führt kein Weg an ihm vorbei und er wird bald wieder dabei sein. In den vergangenen Jahren war er Frankreichs Nummer 1 und er gehört weiterhin zu den besten Spielern der Welt. Das sollte man nicht so schnell vergessen.

Das Gespräch führte Alexis Menuge