Gdansk - Das Schreckgespenst verscheuchen, der Statistik trotzen und unbeirrt die vorletzte Hürde auf dem Weg zum großen Ziel nehmen: Italien kann der deutschen Nationalmannschaft offensichtlich keine Angst mehr einflößen. "Wir sind hier, um den EM-Titel zu holen. Ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen werden", sagte Spielmacher Mesut Özil vor dem Klassiker zwischen Deutschland und Italien am Donnerstag im Halbfinale von Warschau (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker).

Ein Anflug von Selbstzweifel war bei Özil nicht zu erkennen. Dass die DFB-Auswahl seit 17 Jahren nicht gegen die Italiener gewonnen hat, dass sie bei großen Turnieren in sieben Vergleichen noch gar keinen Sieg gegen die "Squadra Azzurra" verbuchen konnte - es spielt offenbar keine Rolle. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Italien 2006 im WM-Halbfinale (0:2 n.V.) abrupt das deutsche Sommermärchen beendete.

Özil: "Können auch große Gegner schlagen"



"Die Vergangenheit interessiert uns nicht", sagte Özil mit breiter Brust. "Der Unterschied zu 2006 ist, dass wir mittlerweile sehr konstant geworden sind und jetzt auch große Gegner schlagen können." Und das, betonte der Mittelfeldspieler von Real Madrid, "wird auch Italien zu spüren bekommen."

Ähnlich sieht es auch Torwarttrainer Andreas Köpke. Er stand zwischen den Pfosten, als Deutschland bei der EM 1996 erst in der Gruppenphase 0:0 gegen Italien spielte und dann seinen bislang letzten Titel gewann. Er saß vor sechs Jahren in Dortmund an der Seitenlinie. "Natürlich hat man 2006 noch im Kopf. Aber das alles zählt nicht mehr", betonte der ehemalige Welttorhüter. Vielmehr wolle die aktuelle deutsche Mannschaft "diesmal eine andere Geschichte schreiben."

Die Italiener seien zwar stark, aber nicht unbezwingbar. "Wir werden für Donnerstag gewappnet sein", versprach Köpke, der gemeinsam mit Bundestrainer Joachim Löw "gemütlich" im Trainerzimmer den Elfmeterkrimi zwischen England und Italien verfolgt hatte. Dem deutschen Trainerstab macht angeblich nur eine Tatsache zu schaffen: "Bei den großen Turnieren, die sie gewonnen haben, hat es vorher immer einen Skandal gegeben", sagte Köpke schmunzelnd. Diesmal wurden die Italiener vor der EM von einem Wettskandal erschüttert.

Schweinsteiger wird wohl auflaufen



Ansonsten, sagte Köpke, habe man Respekt vor einem starken Gegner, der weitaus offensiver als in der Vergangenheit agiere. Allerdings: Die deutsche Mannschaft habe nach vier Siegen in vier Spielen das "nötige Selbstvertrauen", um auch Italien aus dem Weg zu räumen. Daran ändere auch ein solch cooler Typ wie Elfmeterschütze Andrea Pirlo nichts. "Das ist schon ein außergewöhnlicher Spieler. Sicher werden auch die Nerven eine Rolle spielen, aber die sind bei uns gut", sagte Köpke, während Löw-Assistent Hansi Flick vor dem Spielmacher warnte: "Pirlo prägt ihr Spiel, das wird für uns eine spannende Aufgabe."

Auch Löw nötigt der Gegner Respekt ab. "Die Italiener stehen hinten gut, können unheimlich organisiert sein und haben vorne brandgefährliche und schnelle Spieler", sagte der Bundestrainer. Der 52-Jährige kann in Warschau aller Wahrscheinlichkeit auch gegen den viermaligen Weltmeister auf seinen Vizekapitän Bastian Schweinsteiger zurückgreifen, der nach dem Viertelfinale gegen Griechenland (4:2) über Knöchelprobleme geklagt und zum wiederholten Male eine Trainingspause eingelegt hatte.

"Er hat noch leichte Probleme am Sprunggelenk, hat sich aber intensiv behandeln lassen. Wir gehen davon aus, dass er am Donnerstag auflaufen wird", sagte Köpke zum Gesundheitszustand des Münchners. Özil hofft im Halbfinale ebenfalls auf einen Einsatz von Schweinsteiger: "Gegen Holland hat man gesehen, wie wichtig er ist. Ich hoffe, dass er rechtzeitig fit wird."

Klinsmann beeindruckt von Italien



Dass die deutsche Mannschaft und damit auch Schweinsteiger in der Vorbereitung auf das Halbfinale gut zwei Tage mehr Regenerationszeit haben, könnte sich laut Özil zudem als Vorteil erweisen: "Es ist schon gut, dass wir ein paar Tage Pause zwischen den Spielen haben. Da kann man vernünftig regenerieren." Dies soll mit dazu beitragen, dass der DFB-Auswahl ihr erster Sieg gegen Italien seit dem 21. Juni 1995 (2:0) und der Einzug ins Endspiel am 1. Juli in Kyiw gelingt.

Der ehemalige Bundestrainer und Löw-Vorgänger Jürgen Klinsmann, dem die Italiener 2006 in Dortmund den ganz großen Triumph verwehrt hatten, warnte aber: "Italien wird sich auf einen großen Kampf mit Deutschland einstellen. Sie haben mich gegen England beeindruckt, weil sie das Spiel technisch kontrolliert haben und auch physisch stärker waren."