Köln - Erfolgreich trainierte Ottmar Hitzfeld Borussia Dortmund und anschließend den FC Bayern München. Mit dem BVB wurde er 1995 und 1996 Deutscher Meister und gewann 1997 die Champions League mit der Borussia. Mit den Münchnern schrieb er die Erfolgsgeschichte weiter: fünf Meisterschaften, drei Mal den DFB-Pokal und den Champions-League-Sieg 2001 verdanken die Bayern dem 66-Jährigen.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Hitzfeld über die Weiterentwicklung von Borussia Dortmund unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel, von der Bedeutung von Douglas Costa und Arturo Vidal für den FC Bayern und vergleicht den Spielstil von Bayer 04 Leverkusen mit dem der Bayern.

"Dortmund hat sich weiterentwickelt"

bundesliga.de: Haben sie mit einem solch furiosen Start von Borussia Dortmund gerechnet?

Ottmar Hitzfeld: Ich war schon optimistisch, dass dem BVB ein guter Start gelingt, weil sie auch schon in der letzten Rückrunde gut waren. Aktuell kommt noch der Tuchel-Effekt dazu, jeder Spieler muss sich schließlich unter dem neuen Trainer auch neu beweisen. Dortmund hat aber nicht nur sechs Punkte geholt und viele Tore geschossen. Das Auftreten der Mannschaft war überzeugend. Dortmund besteht jetzt nicht mehr nur aus dem schnellen Umschalten, sie lassen den Ball auch gut zirkulieren. Alle Spieler arbeiten gut gegen den Ball mit hoher Konzentration. Man merkt der Mannschaft die Lust am Spiel an.

bundesliga.de: Unter Thomas Tuchel blühen "Sorgenkinder" der Vorsaison auf. Wie gibt man Spielern neues Selbstbewusstsein?

Hitzfeld: Ein Trainer ist immer auch Psychologe. Und das beginnt im Training bei der täglichen Ansprache. Dort vermittelt er seine Philosophie und kann die Stärken der Spieler aufzeichnen. Ein neuer Trainer beginnt aber auch immer damit, Spieler aufzubauen. Die positive Einstellung, gerade auch im Training, beginnt mit einem Trainerwechsel wieder ganz von vorne.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie den Spielstil des BVB? Hat er sich weiterentwickelt?

Hitzfeld: Die Mannschaft hat sich auf jeden Fall weiterentwickelt. Es geht nicht mehr fast ausschließlich um das schnelle Umschalten. Der BVB hat mehr Ballbesitz, mehr Geduld, mehr Spielverlagerung, eine höhere Passgenauigkeit, mehr Sicherheit.

"BVB spielt die Gegner auch müde"

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bundesliga.de: Wie verhindert man als Trainer, dass die Euphorie zu groß wird und Leichtsinn entsteht?

Hitzfeld: Das gehört zur normalen Arbeit als Trainer dazu. In der Analyse, in jeder Sitzung und bei der Ansprache zur Mannschaft. Wichtig ist: Wie man trainiert, so spielt man auch. Deshalb ist es von großer Bedeutung, die Konzentration in jedem Training hoch zu halten, auch bei Kleinigkeiten sofort zu unterbrechen, bevor Spieler übermütig werden. Kurz: Das Training dosieren, kritisieren, strenger sein. Man sieht als Trainer, ob jemand einfach nur schlampig agiert oder ob vielleicht das Risiko zu hoch ist.

bundesliga.de: Der BVB brauchte in den Partien gegen Odds und gegen Ingolstadt lange, um ins Spiel zu finden. Woran kann so etwas liegen?

Hitzfeld: Odds wurde einfach unterschätzt. Man hat das frühe Gegentor kassiert und war überrascht. Sonst ist so etwas gegen einen unterklassigen Gegner nicht zu erklären. Allerdings hatten sowohl Odds als auch Ingolstadt in der 1. Halbzeit noch genug Kraft, um dagegen zu halten. Aber der BVB spielt die Gegner auch müde. Die gegnerischen Spieler laufen oft dem Ball hinterher. Und wenn dann die Konzentration nachlässt, ist der BVB da und kann den Gegner schlagen.

bundesliga.de: Ist es denkbar, dass Thomas Tuchel die ersten 30 bis 45 Minuten nutzt, um den Gegner zu erforschen und dann zuschlagen lässt?

Hitzfeld: Das Ziel ist immer ein frühes Tor, um anschließend ruhiger spielen zu können. Aber der BVB verfügt über die Qualität, auch nach der Pause oder in der Schlussphase die Entscheidung herbeizuführen. Das ist ein großer Vorteil.

"Respekt und Anstand lebt der Trainer vor"

bundesliga.de: Thomas Tuchel setzt bei seinen Spielern auf Werte wie Höflichkeit und Anstand. Wie wichtig sind solche Anforderungen an die Spieler? Haben Sie ähnliche Erwartungen in Ihrer Zeit als Trainer gehabt?

Hitzfeld: So etwas gehört zur Sozialkompetenz eines Trainers. Auch dass die Spieler deutsch sprechen können. Der Trainer spricht deutsch, und so kann er auch neben dem Platz seine Worte vermitteln. Respekt und Anstand lebt der Trainer vor. Darauf habe ich auch immer Wert gelegt. Ohne Solidarität und Loyalität untereinander kann man auch als Team nicht korrekt auftreten. Außerdem sind die Führungsspieler auch immer ein wichtiges Vorbild. Sie müssen auch für alle anderen Spieler Vorbild sein, was Respekt und Anstand angeht. Das habe ich auch immer eingefordert.

bundesliga.de: Was erwarten sie von Borussia Dortmund gegen Hertha BSC?

Hitzfeld: Nach den beiden ersten Auftritten in der Bundesliga ist der BVB Favorit, obwohl Hertha BSC für Dortmund immer ein unangenehmer Gegner war. Aber jetzt mit dem Rückenwind der ersten Spiele werden die Dortmunder drei Punkte holen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass der BVB gewinnen wird.

"Vidal und Costa sind beide Verstärkungen"

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bundesliga.de: Pep Guardiola vs. Roger Schmidt – Wo sehen Sie Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten?

Hitzfeld: Beide sind sehr engagiert, versuchen jeweils ihre Philosophie zu vermitteln. Leverkusen spielt allerdings mehr Power-Fußball, sehr aggressiv mit viel Pressing, mit mehr Tempo nach vorn, aber auch mit mehr Risiko. Pep Guardiola legt dagegen mehr Wert auf Ballbesitz. Die Bayern sind insgesamt reifer, verfügen über mehr Erfahrung und spielen nach einer anderen Philosophie. Sie legen noch mehr Wert auf Passgenauigkeit, warten auf die Lücken. Die Bayern sind wie im jedem Spiel Favorit, Leverkusen muss dagegen über sich hinauswachsen. Ich sehe bei Leverkusen jedenfalls eher Lücken in der Defensive als bei den Bayern.

bundesliga.de: Wo sehen Sie den größten Vorteil der Bayern-Spielweise? Wo sehen Sie Nachteile?

Hitzfeld: Die Bayern haben den Vorteil, dass sie defensiv nicht so offen sind, weil alle Spieler sowohl nach vorne spielen als auch nach hinten verteidigen. Sie stehen enger, machen das Spielfeld klein und kombinieren mehr. Das funktioniert natürlich nur mit Top-Spielern, aber die hat der FC Bayern zur Genüge. Es ist eben eine Weltklasse-Mannschaft.

bundesliga.de: Welchen Neuzugang sehen Sie als die größte Verstärkung beim FC Bayern?

Hitzfeld: Vidal und Costa, beide sind Verstärkungen. Vidal ist der Aggressive-Leader, er scheut keinen Zweikampf, gewinnt viele Zweikämpfe, um so gleich wieder in Ballbesitz zu kommen. Und er unterstützt die Abwehrkette. Costa ist in der Lage, sich gegen jeden Gegenspieler durchzusetzen, ist stark im 1 gegen 1, zieht immer zwei Spieler auf sich und ist sehr schnell.

"Bayern ist Fußballthema Nummer 1 in Deutschland"

bundesliga.de: Kennen Sie Situationen, wie die von Guardiola in München mit viel Kritik? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Hitzfeld: Das gehört dazu beim FC Bayern. Bayern ist das Fußballthema Nummer 1 in Deutschland. Da muss man als Trainer cool bleiben und sich auf das Wesentliche konzentrieren.

bundesliga.de: Nochmals zum direkten Duell der Bayern gegen Bayer. Kann Leverkusen die Bayern richtig ärgern und einen oder gar drei Punkte entführen?

Hitzfeld: Bayern ist Favorit. Und Leverkusen muss schon einen sehr guten Tag erwischen, um einen Punkt zu holen. Aber Bayer hat auch die Qualität, sie verfügen über gute Einzelspieler und haben inzwischen auch eine gute Bank. Dennoch heißt mein Favorit auf den Sieg ganz klar FC Bayern München.

Das Interview führte Thomas Mörs