Hannover - Dirk Dufner ist in diesen Tagen ein schwer beschäftigter Mann. Der Sportdirektor von Hannover 96 bastelt am Kader für die kommende Spielzeit, die nicht so dramatisch verlaufen soll wie die gerade abgelaufene. "Wir wollen diesmal nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben", sagt der 47-Jährige im Interview mit bundesliga.de.

bundesliga.de: Herr Dufner, die Bundesliga-Saison ist seit knapp vier Wochen beendet. Gerade für Hannover 96 war es ein nervenaufreibendes Finish. Konnten Sie das Happy End richtig genießen und zwischenzeitlich auch einmal abschalten?

Dirk Dufner: Dafür war leider keine Zeit. Uns fehlte im Kampf um den Klassenerhalt die Planungssicherheit. Deshalb ließen sich auch einige vorbereitete Transfers nicht realisieren, weil nicht klar war, ob wir in der Bundesliga bleiben, und wer unser Trainer sein wird. So konnten wir schlecht mit Spielern verhandeln, die auf dem Markt waren. Aber dass ich nach einer Saison keinen Urlaub im Sommer mache, ist nichts Neues. Ich gehe davon aus, dass ich den im September nachholen kann.

"Es war wie verhext"

bundesliga.de: Was hat die Analyse der zurückliegenden Spielzeit ergeben? Welche Fehler gilt es künftig zu vermeiden?

Dufner: Wenn man in eine solche Situation kommt wie wir, dann hat das immer auch Gründe. Bestimmt gab es auch Dinge, die wir hätten vermeiden können. Unser Manko war, dass wir in vielen Spielen gar nicht schlecht gespielt, aber die Tore nicht gemacht haben. In der Offensive waren wir nicht breit genug aufgestellt und haben uns schwer getan. Artur Sobiech ist auf Grund von Verletzung lange Zeit ausgefallen. Joselu hat nach einer guten Hinrunde leider sein Niveau verloren. Aus dem Mittelfeld hätten wir uns insgesamt mehr Torgefahr erwartet. Wenn du aber 16 Spiele nicht gewinnst, gibt es dafür keine einfache Erklärung. Es war manchmal wie verhext. Und Trainer Tayfun Korkut hat mir leid getan. Er hat hochengagiert und gut gearbeitet, das Feedback aus der Mannschaft war positiv. Manchmal kann man Situationen aber nicht abschließend erklären.

"Die richtigen Knöpfe gedrückt"

bundesliga.de: Hannover 96 vertraut nun weiterhin auf den Korkut-Nachfolger Michael Frontzeck, der eigentlich als Retter für fünf Spiele geholt wurde. Warum haben Sie mit ihm verlängert, welche Qualitäten des Trainers haben Sie vor allem überzeugt?

Dufner: Michael Frontzeck hat es in der Zeit sehr gut gemacht und ist ruhig und souverän aufgetreten. Er hat direkt einen guten Zugang zur Mannschaft gefunden. Nach der guten Arbeit von Tayfun Korkut hat er ja auch keine desolate Mannschaft vorgefunden, sondern ein fittes und homogenes Team. Michael Frontzeck hat unter dem Druck, unter dem der gesamte Club stand, die richtigen Knöpfe gedrückt und die Mannschaft so in die Spur gebracht, dass sie wieder punktet und Spiele gewinnt. Wir waren mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Und auch die Reaktionen aus der Mannschaft waren extrem positiv. Deswegen war für uns klar, dass wir mit dem Trainer gerne weitermachen würden und haben mit ihm entsprechend einen neuen 2 Jahres Vertrag abgeschlossen.

bundesliga.de: Sie selbst standen – sie haben es angesprochen - in der vergangenen Saison in der Kritik. Wie sind Sie damit umgegangen, welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Dufner: Ich mache das schon sehr lange und weiß, dass die Medien immer Schuldige brauchen. Manchmal wird dann der Wind sehr stark und heftig. So war es hier im Laufe der Rückrunde. Es ist für mich selbstverständlich, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe in den vergangen Jahren gelernt, dass es in der Medienlandschaft nicht einfacher wird. Es wird jedes Jahr extremer. Auch die Entwicklung, dass Sportdirektoren genauso schnell für den kurzfristigen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich gemacht werden wie Trainer, stimmt mich bedenklich. Die Zweiteilung Sportdirektor und Trainer sieht ja vor, dass der eine langfristig und kontinuierlich arbeiten soll und der andere für den kurzfristigen Erfolg sorgen muss. Wenn das vermischt wird, hat man bald gar keine Kontinuität im Verein.

"Brauchen noch einen Ersatz für Joselu"

© gettyimages / Alexander Koerner

bundesliga.de: Blicken wir voraus auf die kommende Spielzeit. Wie weit sind die Kaderplanungen für die neue Saison vorangeschritten? Auf welchen Positionen hat Hannover 96 noch Bedarf?

Dufner: Wir hatten viele auslaufende Verträge und entsprechende Abgänge. Das uns Lars Stindl verlassen würde wussten wir frühzeitig. Es geht mehr darum, welche Spieler wir verpflichten. Wir haben mit Oliver Sorg, den ich noch aus gemeinsamen Zeiten in Freiburg kenne, einen sehr guten rechten Verteidiger bekommen, der auch als linker Verteidiger oder im Mittelfeld spielen kann. Wir haben mit Philipp Tschauner einen zweiten Torwart geholt. Auf der Torwartposition haben wir überhaupt keine Sorgen. Mit Charlison Benshop haben wir einen Spieler für die Offensive aus der 2. Bundesliga verpflichtet, der in Düsseldorf seine Torjägerqualität unter Beweis gestellt hat. Wir wollen uns noch auf den beiden Außenbahnen verstärken und wir brauchen noch einen Ersatz für Joselu. Stand jetzt suchen wir noch Minimum drei Spieler. Eventuell haben wir auch noch in der Abwehr Bedarf. Aber das hat keine hohe Priorität.

"Die Mannschaft war über ihrem Zenit"

bundesliga.de: Wie ist der Stand bei den Verhandlungen mit Marcel Halstenberg?

Dufner: Bei ihm hat uns der FC St. Pauli mitgeteilt, dass er ihn nicht abgeben wird. Das respektieren wir natürlich. Er wäre ein interessanter Spieler für uns gewesen, zumal er seine Wurzeln bei 96 hat.

bundesliga.de: In den letzten vier Jahren hat sich 96 tabellarisch stets verschlechtert. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es nun wieder bergauf geht? Mit welchen Zielen gehen Sie in die neue Saison?

Dufner: Als ich vor über zwei Jahren nach Hannover kam, hatte jeder das Gefühl, dass wir eine Europa-League taugliche Mannschaft hatten. Aber diese Mannschaft war über ihrem Zenit. Es waren viele ältere Spieler dabei, hinzu kam die Problematik, dass uns in einer Saison der gesamte Sturm verlassen hat. Wenn man sich unsere Mannschaft jetzt genauer anschaut, sieht man das wieder sehr viele junge und entwicklungsfähige Spieler dabei sind. Wir müssen uns die Zeit nehmen, eine Mannschaft aufzubauen. Das muss unser Ansatz sein. Die Plätze oben in der Tabelle sind in der Regel verteilt. Bei Hannover 96 muss man darauf achten, dass man mit dem Abstiegskampf nichts zu tun hat und eine Mannschaft hat, die, wenn es gut läuft und der eine oder andere Spitzenklub schwächelt, eine Chance hat, oben reinzurutschen.

 

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski