München - Bei den verschiedenen Wettanbietern wird die Ausgangslage nach dem 1:0-Auswärtssieg des FC Bayern bei Inter Mailand eindeutig bewertet: Die Münchner gehen als klare Favoriten ins Rennen, die "Nerazzurri" besitzen lediglich Außenseiterchancen. Das ist auch der Tenor in den hiesigen Medien.

"Das 6:0 über den HSV hat für neues Selbstbewusstsein gesorgt, Trainer Louis van Gaal kann personell aus dem Vollen schöpfen und nicht zuletzt geht der deutsche Rekordmeister mit dem 1:0 aus dem Hinspiel ins Rennen", schreibt beispielsweise der "kicker" - und bewertet die Voraussetzungen für den Einzug ins Viertelfinale als "günstig".

Doch wie sehen die italienischen Sportjournalisten die Chancen der Mailänder? Gelten die "Nerazzurri" auch bei ihnen als klare Außenseiter - und wie schätzen sie die taktische Ausrichtung von Cheftrainer Leonardo ein? bundesliga.de hat sich nach der offiziellen Pressekonferenz der Uefa bei den Kollegen aus Rom, Mailand oder Turin umgehört.


Paolo Cappelleri (Nachrichtenagentur Ansa):

"Nach dem Hinspiel gehen die Bayern als Favoriten in die Partie. Inter spielte zuletzt nicht konstant und hat am Samstag gegen Brescia eine hervorragende Gelegenheit verpasst, näher an die Tabellenspitze der Serie A zu rücken. Zurzeit sind sie ein bisschen unberechenbar und launisch. Das waren die Bayern bei ihrer Niederlagenserie in der Bundesliga zwar auch - dennoch glaube ich, dass wir sie im Rückspiel gegen Inter von ihrer besten Seite sehen werden. Ich habe auch das Gefühl, dass ihre Köpfe nach der Entscheidung über van Gaals Zukunft jetzt freier sind. Taktisch gesehen wird's vermutlich wie im Hinspiel laufen. Für Inter wird's darauf ankommen, die wenigen Chancen, die sie sich erspielen, zu nutzen. Genau wie im vergangenen Jahr, als sie am Ende Champions-League-Sieger wurden. Am Ende werden sich aber die Bayern fürs Viertelfinale qualifizieren."



Riccardo Trevisani (Sky Italia):

"Bayern ist Favorit, weil sie das Hinspiel in San Siro gewonnen haben. Da sie nicht einen Rückstand aufholen müssen, können sie das Spiel auch aus einer verstärkten Defensive angehen. Für Inter ist es aber nicht unmöglich, die Allianz Arena als Sieger zu verlassen - unter Mourinho hat die Mannschaft gelernt, auch solche Spiele zu gewinnen. Ich würde die Chancen aber als eher gering einschätzen - etwa 30 Prozent. Meiner Meinung nach wird Inter diesmal mit zwei Spitzen agieren - Eto'o und Pandev. Weil Thiago Motta etwas angeschlagen ist, vertraut Leonardo diesmal auf die Raute im Mittelfeld, wobei Sneijder hinter den Spitzen spielen wird. Da Milito verletzt und Pazzini nicht spielberechtigt ist, ist das der einzige Weg, Druck auf die Bayern auszuüben. Der Schlüssel wird sein, einen Weg zu finden, um Robben und Ribery zu stoppen. Das hat Inter aber schon im Hinspiel nicht geschafft - deswegen bin ich skeptisch, dass es diesmal besser gelingen wird."


Roberto Scarpini (Sky Italia):

"Da Inter mit einem 0:1-Rückstand in das Spiel geht, ist es logisch, dass die Bayern in der Allianz Arena die Favoritenrolle innehaben. Aber der Fußball ist deswegen so schön, weil er unberechenbar ist und oft der Außenseiter gewinnt - darin besteht auch die Hoffnung von Inter. Außerdem hat sich im Hinspiel die Tradition bestätigt, dass die Bayern in Mailand nie verlieren. Inter will jetzt dafür sorgen, dass auch die andere Serie bestehen bleibt - dass nämlich die "Nerazzurri" noch nie in München als Verlierer vom Platz gegangen sind. Im Hinspiel hatte Inter bereits zahlreiche Torchancen - und keiner hätte sich von den Bayern beschweren können, wenn man 1:3 verloren hätte. Am Ende zählt aber nur das Ergebnis - und deswegen sind die Bayern jetzt mit 1:0 vorne. Außerdem glaube ich, dass die geklärte Zukunft van Gaals den Münchnern einen Kick gegeben hat. Manchmal genügt nur eine Kleinigkeit, um den Funken auszulösen - wie man beim 6:0-Sieg gegen den HSV gesehen hat. Also: Bayern ist Favorit - aber die Inters Hoffnung stirbt zuletzt."


Valerio Clari (Gazzetta dello Sport):

"Inter muss ich mit einer neuen Situation arrangieren: In der vergangenen Saison mussten sie in der K.o.-Runde nie einen Rückstand drehen. Zudem wird's deshalb schwer, weil die Bayern zwei Anreize haben: Sie können mit einem Champions-League-Sieg die schwache Saison retten, und sie wollen sich für die letztjährige Finalpleite revanchieren. Was für Inter spricht, ist die anfällige Abwehr der Münchner. Mit van Buyten und Luiz Gustavo hat van Gaal ein weiteres Mal seine Innenverteidigung ungestellt. Das hat gegen Hamburg zwar funktioniert - aber der Inter-Sturm mit Eto'o an der Spitze ist etwas anderes. Die Inter-Abwehr erscheint stabiler, und ich glaube, dass Lucio auf die Zähne beißen wird. Auch im Vergleich der beiden Torhüter müsste eigentlich Julio Cesar deutlich stärker sein als Kraft. Müsste - denn im Hinspiel war es genau anders herum. Die Inter-Fans glauben jedenfalls ans Weiterkommen - warum sollten es die Spieler als Titelverteidiger nicht tun?"

Zusammengestellt von Johannes Fischer