Es herrscht Tauwetter im so lange verschneiten Deutschland. Auch in Stuttgart schmilzt vor dem mit Spannung erwarteten Hinspiel im Achtelfinale der Champions League gegen Titelverteidiger FC Barcelona (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) die weiße Pracht dahin - und rund um den VfB wächst die Hoffnung, dass aus dem Pflänzchen des Aufschwungs unter dem neuen Trainer Christian Gross ausgerechnet gegen die weltbeste Clubmannschaft ein kräftiger Strauch wird.

Noch am Tag der Auslosung kurz vor Weihnachten hätten die Schwaben von dieser Ausgangslage kaum zu träumen gewagt. Gross hatte den VfB durch ein 3:1 gegen den FC Unirea ins Achtelfinale geführt, in der Bundesliga gab es ein 1:1 beim 1. FSV Mainz 05. Die Hoffnung, die dunklen Zeiten des Herbsts vergessen zu machen, keimte gerade so ein wenig auf.

Spätestens seit dem 5:1 am vergangenen Wochenende in Köln und der Vier-Tore-Gala von Cacau ist die Stuttgarter Mannschaft aber endgültig gefestigt. Mit dem klaren Sieg sammelte der VfB Selbstvertrauen, um die Sensation gegen Barca vielleicht doch zu schaffen. "Mit unserer Mentalität können wir andere Defizite wettmachen", sagt Torhüter Jens Lehmann und rät seinen Kollegen "nicht ehrfürchtig", vor den katalanischen Zauberkünstlern zu sein.

Und vielleicht gibt es zur Ehrfurcht ja auch gar keinen Anlass. bundesliga.de nennt jedenfalls vier Gründe, weshalb der VfB Stuttgart die Sensation gegen den FC Barcelona schaffen kann:

1. Die Bürde der Überlegenheit

Im Kalenderjahr 2009 gewann der FC Barcelona sechs Titel, steht auch in dieser Saison in der Primera Division wieder an der Spitze. Mit Lionel Messi hat die Mannschaft den Weltfußballer und Fußballer Europas in ihren Reihen, zudem weitere Superstars wie Thierry Henry, Zlatan Ibrahimovic, Xavi, Andres Iniesta oder Dani Alves. Doch gerade diese augenscheinliche Überlegenheit kann zur Bürde werden. Barca wird an anderen Maßstäben gemessen. Vor neun Tagen setzte es beim 1:2 bei Atletico Madrid die erste Saisonniederlage - die spanische Presse war nicht einmal durch ein 4:0 am vergangenen Wochenende gegen Racing Santander zu besänftigen.

Zudem neigt das Umfeld zur Überheblichkeit: In den lokalen Sportblättern "El Mundo Deportivo" und "Sport" geht es nur um den großen Traum, das Champions-League-Finale 2010 ausgerechnet im Stadion des Erzrivalen Real Madrid zu gewinnen. Stuttgart soll nur eine Durchgangsstation sein. Die Barca-Verantwortlichen versuchen gegenzusteuern. "Viele große Vereine haben sich durch eine schlecht interpretierte Favoritenrolle im Achtelfinale schon in Probleme gebracht", sagt Trainer Guardiola. Doch ob diese Botschaft bei all seinen Spielern ankommt?

2. Personalprobleme und ein Wackelkandidat

Wenn es eine Möglichkeit gibt, dem FC Barcelona weh zu tun, dann liegt diese in der Defensive der Katalanen. Zwar ist auch die gespickt mit Ausnahmekönnern wie Carles Puyol, Rafa Marquez oder Dani Alves, fällt gegenüber der starken Offensive aber etwas ab. Zudem plagen Guardiola Personalsorgen. Vor allem der Ausfall von Seydou Keita, Verteidigungsminister im defensiven Mittelfeld, und Linksverteidiger Eric Abidal schmerzen. Auch das eigentliche Herzstück der Wunder-Elf, Europameister Xavi, wird wegen Oberschenkelproblemen wohl ausfallen, zudem ist der Einsatz von Rechtsverteidiger Dani Alves noch fraglich.

Ein weiteres Problem: Torhüter Victor Valdes schwankt in der Champions League oftmals zwischen Genie und Wahnsinn. Vergangene Saison spielte er in Halbfinale und Finale groß auf, doch im Achtelfinale bei Olympique Lyon brachte er seine Farben ordentlich in Bedrängnis, weil er bei einem Juninho-Freistoß einen Blackout hatte. Auch in dieser Spielzeit verursachte er mit einem verpatzten Befreiungsschlag bei Inter Mailand fast ein Gegentor, die Stuttgarter Stürmer sollten ihn also frühzeitig unter Druck setzen.

3. Der Lauf, das unberechenbare Wesen

Bevor Christian Gross beim VfB das Ruder in die Hand nahm, war bei den Stuttgarter Profis alles schlecht: Ergebnisse, Selbstvertrauen und Körpersprache. Nun haben die Schwaben in neun Spielen unter dem neuen Coach (acht in der Bundesliga, eines in der Champions League) nur ein Mal verloren und sieben Siege eingefahren. Diese Serie ist auch in Spanien aufgefallen. "Wir spielen gegen eine deutsche Mannschaft mit deutschen Tugenden, die zudem noch einen sehr guten Lauf zurzeit hat. Christian Gross leistet gute Arbeit beim VfB", warnt und lobt Barca-Coach Guardiola.

Mit breiterer Brust als momentan wird der VfB den Katalanen kaum mehr begegnen. Alle Mann sind an Bord, auch Taktgeber Sami Khedira ist wieder fit. Zudem haben die drei Stürmer unter Christian Gross einen Aufschwung erlebt: Pavel Pogrebnyak (4 Tore unter Gross), Ciprian Marica (4) und Cacau (5) können mittlerweile den Abgang von Mario Gomez gemeinsam kompensieren. Vor allem der Vierfach-Torschütze vom Köln-Spiel, Cacau, könnte die Barca-Abwehr ärgern. Er "befindet sich in einem mentalen Hoch und er ist sehr wichtig für uns", sagt Gross.

4. Die offenen Rechnungen

Drei zentrale VfB-Akteure haben mit dem FC Barcelona noch eine Rechnung offen. Allen voran: Jens Lehmann. Der Torhüter stand 2006 mit dem FC Arsenal im Finale der Champions League gegen Barca. Lehmann flog vom Platz, Barca gewann - ein Erlebnis, für das sich der Ex-Nationaltorhüter sicher gerne revanchieren möchte.

Auch Alexander Hleb stand 2006 in der Arsenal-Elf. Hinzu kommt, dass der Weißrusse derzeit von Barca an den VfB ausgeliehen ist. Ein starker Auftritt wäre also nicht nur als Kompensation, sondern auch als Empfehlung für eine Rückholaktion wichtig für ihn.

Und auch Christian Gross kennt sich mit Barcelona aus. In der vergangenen Saison demütigte Barca den, damals von Gross trainierten, FC Basel im heimischen St. Jakob-Park mit 5:0. Doch die Vergangenheit des Trainers macht dem VfB auch Hoffnung: Im Rückspiel der Gruppenphase erreichte Gross mit Basel im Camp Nou ein 1:1.


Matthias Becker