Köln - Der beste deutsche Fußballer aller Zeiten hat eine Ära mitgeprägt, die in Deutschland fast ein wenig in Vergessenheit geraten ist: Die goldenen Zeiten des Fußballs in Nordamerika. Ohne diese Erfahrung, sagt ein ehemaliger Weggefährte, wäre dem "Kaiser" später eine der größten Leistungen seines Lebens nie gelungen.

Ende der 70er Jahre war die die North American Soccer League (NASL) die wohl schillerndste Liga der Welt, die nicht nur namhafte Altstars wie Pelé oder Beckenbauer (beide New York Cosmos) anlockte. Karl-Heinz Granitza, einst Torjäger bei Hertha BSC Berlin, wurde nach seinem Wechsel zu den Chicago Sting zu einem der Top-Stars der NASL - und in Nordamerika mindestens so bekannt wie Beckenbauer.

Im Interview mit bundesliga.de erinnert sich Granitza an gemeinsame Zeiten in der NASL und schließt sich zugleich den tausenden Gratulanten Franz Beckenbauers zum 65. Geburtstag am 11. September an: "Franz, ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Gute und noch viel Zeit und Glück mit deiner jungen Familie."

bundesliga.de: Herr Granitza, gratulieren Sie Franz Beckenbauer auf dem gemeinsamen Bild aus alten Soccer-Zeiten auch schon zum Geburtstag?

Karl-Heinz Granitza: Nein, der Franz gratuliert mir! Das war 1983 und ich hatte als erster Spieler in Amerika 100 Tore und 100 Assists geschafft. Das hat bis heute, glaube ich, keiner nachgemacht, vielleicht Landon Donovan. Ich war vom Typ ein spielerischer Mittelstürmer, der immer das Auge für den Mitspieler hatte.

bundesliga.de: Wie oft sind Sie auf dem Platz auf Franz Beckenbauer getroffen?

Granitza: Bestimmt sechs oder sieben Mal. Ich kann mich noch sehr gut an sein Abschiedsspiel 1980 in New York erinnern: Cosmos gegen eine NASL-Auswahl. Ich spielte für die Auswahl und habe das 3:2-Siegtor geschossen. Nach dem Spiel gab es einen Empfang im Restaurant im 110. Stock der Twin Towers. Mir läuft heute immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke.

bundesliga.de: Welche Rolle hat Franz Beckenbauer für den Fußball in den USA gespielt?

Granitza: Der Franz ist 1977 als absoluter Weltstar gekommen, der alles gewonnen hat. Und es lebten ja so viele Deutsche und Deutschstämmige in den USA, die ihn alle spielen sehen wollten. Bei Cosmos kamen damals meist 70.000 Zuschauer zu den Heimspielen ins Giants Stadium. So viel hatten die Bayern, Barcelona oder Real Madrid zu der Zeit nicht. Und auswärts waren die Stadien auch voll, ob in Chicago, Minnesota oder Portland. Der Soccer war damals mit den Warner Brothers als Vermarkter weltweit das Maß der Dinge, was Zuschauer und Marketing anging.

bundesliga.de: Hat Franz Beckenbauer dem Soccer auch seinen Stempel aufgedrückt?

Granitza: Der Franz war mit seiner unnachahmlichen Art auch in Amerika Weltklasse. Ich behaupte, dass Cosmos damals besser war als mein alter Club Hertha BSC, mit dem ich 1978 Dritter in der Bundesliga geworden bin. Der ganz große Star bei Cosmos war aber der Italiener Giorgio Chinaglia, der bis heute bester Torschütze in Amerika ist. Er hat die ganze Liga auch wegen seiner guten Kontakte zu den Warner Brothers, den einflussreichen Besitzern von Cosmos, indirekt geführt. Eine Operettenliga, wie die NASL damals in Deutschland bezeichnet wurde, hat für mich nicht existiert. Man darf nicht vergessen, welche guten Spieler aus England, Holland, Deutschland und Südamerika alles gekommen sind.

bundesliga.de: Welchen Einfluss hat die Zeit in Nordamerika auf Franz Beckenbauer gehabt?

Granitza: Ich glaube, dass ihn die Zeit dort persönlich am meisten geprägt hat. In Amerika ist Franz Beckenbauer vom Weltstar zum Weltmann geworden. New York war und ist die Stadt, die am weltoffensten ist und jedem neue Inspiration geben kann. Der Franz ist lockerer geworden, hat eine ganz neue Lebensqualität gewonnen und ist mit einem weltweit noch höheren Stellenwert zurück nach Deutschland gekommen. Ich glaube auch nicht, dass es der Franz ohne diese Lebenserfahrung geschafft hätte, die WM 2006 nach Deutschland zu holen. Gerd Müller, den ich kürzlich beim Spiel der Bayern-Amateure in Babelsberg im Hotel besucht habe, hat mir auch noch mal gesagt, dass er die schönsten Lebenserinnerungen an seine Zeit in Amerika hat.

bundesliga.de: Was hat den Fußball in Nordamerika damals von dem in Deutschland unterschieden?

Granitza: In der NASL-Clubs haben Spieler aus allen Teilen der Welt zusammen gespielt. So etwas prägt. Man lernt andere Menschen und Mentalitäten zu respektieren und zu schätzen. In Amerika spielte auch das soziale Engagement eine viel größere Rolle. Wir haben Krankenhäuser besucht und uns für soziale Einrichtungen engagiert, um den Fans auch etwas zurückzugeben.

bundesliga.de: Können Sie sich noch an eine gute Anekdote mit Franz Beckenbauer in den USA erinnern?

Granitza: Aber natürlich. Wir spielten mit Chicago bei Cosmos, und der Franz lupfte die Bälle in seiner legeren Art immer aus der Abwehr über das Mittelfeld hinweg in die Spitze. Im Mittelfeld von Cosmos bot sich der Jugoslawe Bogicevic, der damals einer der besten Mittelfeldspieler Europas war, immer wieder an, bekam aber keinen Ball. Nach dem zehnten Mal schrie Bogicevic den Franz plötzlich an, dass er ihm den Ball doch verdammt noch mal in die Füße spielen soll. Das war für mich fast ein Schockerlebnis: Außer Pelé hätte es sich doch keiner wagen dürfen, Franz Beckenbauer anzubrüllen. Den nächsten Ball hat ihm der Franz dann aber in den Fuß gespielt."

Das Gespräch führte Stefan Kusche

Karl-Heinz "Ellis" Granitza erzielte in 225 Spielen für Chicago Sting 141 Tore und bereitete 101 vor. Hinter Giorgio Chinaglia und dem Engländer Alan Willey ist er bis heute der drittbeste Torschütze.1982 wurde Granitza in Chicago zum Sportler des Jahres gewählt, 1983 zum meistgeachteten Athleten - vor der Basketball-Legende Michael Jordan. 2003 wurde Granitza als einziger Deutscher neben Franz Beckenbauer in die National Soccer Hall of Fame aufgenommen. Für Hertha BSC Berlin schoss Granitza 34 Tore in 73 Bundesliga-Spielen. Der 58-Jährige lebt heute in Babelsberg und verfolgt den Fußball auch online auf seiner Webseite www.karlheinzgranitza.com.