Charkiw - Die Stunde der Entscheidung naht, und zugleich wächst die Angst vor dem historischen EM-Aus. "Countdown zum D-Day", titelt die niederländische Zeitung "Algemeen Dagblad" in großen Buchstaben auf ihrer Internetseite - und listet im Minutentakt Neuigkeiten aus dem Oranje-Lager auf: John Heitinga hat Rafael van der Vaart mit einem Zahnstocher gepiekst! Ibrahim Afellay musste zum Zahnarzt! Pierre van Hooijdonk fordert den Rücktritt von Bert van Marwijk! Es liest sich banal und erweckt doch den Eindruck, als ob es bei den Niederländern irgendwie nicht rund läuft.

In der Tat ist die Anspannung vor dem Duell mit dem Erzrivalen Deutschland am Mittwoch riesig (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker). Noch nie ist die Niederlande bei einem großen Turnier schon nach zwei Gruppenspielen K.o. gegangen, nun droht das vorzeitige Aus ausgerechnet gegen den ungeliebten Nachbarn.

Van der Vaart stichelt



Zeit für Durchhalteparolen. "Die Abwehr der Deutschen ist okay, mehr aber auch nicht. Fußballerisch haben wir mehr zu bieten", sagt der Ex-Hamburger van der Vaart und legt nach: "Wenn ich die richtig guten Spieler der Deutschen nennen muss, komme ich nur auf drei: Özil, Götze und Schweinsteiger."

Den Gegner schwach reden und sich selbst stark, nach diesem Motto verfährt auch die niederländische Presse. "In Schönheit sterben? Wir sind noch nicht tot", schreibt Kolumnist Hugo Borst im "Dagblad" und übt vernichtende Kritik am DFB-Team: "Meine Bewunderung für 'Die Mannschaft' hat seit dem Portugal-Spiel nachgelassen. Ich musste an Jupp Derwall und den unbeholfenen Dieter Eilts denken. Das war peinlicher, unschöner, effektiver Fußball."

Die Fans sind nicht ganz so hoffnungsfroh, im Oranje-Camp im ukrainischen Charkiw ist die Erwartungshaltung nach dem 0:1 gegen Dänemark im Rekordtempo abgekühlt. Zu groß ist die Angst, dass die "goldene Generation" um Arjen Robben, Robin van Persie und van der Vaart ihre vielleicht letzte große Chance auf einen Titel leichtsinnig verspielt. Ex-Nationalspieler van Hooijdonk fordert für diesen Fall sogar den Rücktritt von Trainer Bert van Marwijk. "Wenn wir kein Europameister werden, sollten sich Bert und der Verband trennen", sagte der 46-malige Oranje-Spieler.

Robben: "Das wird ein besonderes Spiel für mich, ganz klar"



Daran denken will niemand. Erst recht nicht Robben, der in Charkow auf zahlreiche Vereinskollegen von Bayern München trifft. "Das wird ein besonderes Spiel für mich, ganz klar", sagt der 28-Jährige im "Telegraaf" und warnt: "Was auch immer passiert, die Deutschen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Nicht durch Geschrei und nicht durch große Schlagzeilen."

Ruhe könnte ohnehin der Vize-Weltmeister gebrauchen. Denn während daheim die Anspannung steigt, sind in der Mannschaft Nebenkriegsschauplätze aufgebrochen. Allen voran die Ersatzspieler murren öffentlich. So klagte Mittelfeldmann van der Vaart in der Fachzeitschrift "Voetbal International" über seine Rolle als Reservist: "Der Bondscoach hatte seine Mannschaft schon lange im Kopf. Er hat Spieler, auf die er setzt, und da gehöre ich nicht dazu", sagt van der Vaart. Zuversicht vor dem "D-Day" klingt anders.

Und so muss im Notfall vielleicht doch eine Radklemme her, um die Deutschen zu stoppen. Das unhandliche Monstrum hat ein Oranje-Fan kürzlich mit Erfolg am deutschen Mannschaftsbus angebracht - zumindest lässt das ein Video vermuten, das seit Sonntag im Internet die Runde macht. 500.000 Fans haben die angebliche Heldentat schon gesehen, die sich bei genauem Hinsehen als Fälschung erweist: Der echte Bus des DFB-Teams hat ein anderes Design.