München - Die Bundesliga ist spannend wie nie, neue Gesichter trumpfen auf und die renommierten Topclubs straucheln. Ein echtes Kind der Bundesliga ist Bruno Labbadia, der mit sechs verschiedenen Vereinen in Deutschlands Beletage spielte und insgesamt auf 328 Einsätze (103 Tore) kam. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de analysiert der ehemalige Nationalspieler die Lage.

bundesliga.de: Herr Labbadia, die Saison verläuft bislang kurios. Viele vermeintlich "Große" schwächeln, dafür mischen Clubs wie Frankfurt, Nürnberg und Freiburg oben mit, denen früher das Image von "grauen Mäusen" anhaftete. Was ist das Geheimnis dieser Teams?

Bruno Labbadia: Augenscheinlich ist, dass die Teams, die so überraschend oben stehen, am ehesten mit der Vorbereitung begonnen haben. Die Zeit mit dem gesamten Team war länger, deshalb haben sie einen Vorsprung gegenüber anderen. Der FC Bayern hatte beispielsweise nicht einmal 14 Tage mit der gesamten Truppe. Die Trainer haben ihren Job sehr gut gemacht: gute Vorbereitung, intelligente Verstärkungen und gute mannschaftliche Geschlossenheit sind die wichtigsten Faktoren.

bundesliga.de: Was haben diese Teams in taktischer Hinsicht anders gemacht?

Labbadia: Was bei all diesen Mannschaften ins Auge sticht, ist die mannschaftliche Geschlossenheit. Die vermeintliche Überlegenheit, die andere Teams durch bessere Einzelspieler hätten, machen sie dadurch wett. Sie machen taktisch sehr viele Dinge gut: Es ist eine hohe Bereitschaft da, nach hinten mitzuarbeiten und von Offensive auf Defensive umzuschalten, aber auch umgekehrt von Defensive auf Offensive.

bundesliga.de: Es fällt auf, dass viele dieser Clubs aus einer kompakten Defensive heraus agieren und nur auf einen echten Stürmer setzen. Ist das das taktische System der Zukunft?

Labbadia: Nein, das wäre zu einfach. Es geht darum, wie eine Mannschaft ein System ausfüllt, denn jede taktische Formation ist nur so gut, wie sie umgesetzt wird. Man muss immer sehen, welche Spielertypen man hat und wie der Kader zusammengesetzt ist. Hat man beispielsweise drei Top-Stürmer im Kader, dann muss man überlegen, ob man auch mit zwei oder drei Stürmern spielt. Es gibt bei jedem System Schwachstellen, die man dann taktisch anders auffangen muss. Am Ende zählt immer das Ergebnis - egal mit welchem System.

bundesliga.de: Kann es eine der Überraschungsmannschaften wie Frankfurt, Nürnberg oder Freiburg am Ende ins internationale Geschäft schaffen?

Labbadia: Es wird entscheidend sein, wie diese Teams in die Winterpause kommen. Dortmund und Leverkusen sind Kandidaten für Europa, Hamburg traue ich es zu - und dann werden die Bayern noch aufholen. Für eine der "kleinen" Mannschaften kann es am Ende reichen, wenn die "Großen" weiterhin schwächeln.

bundesliga.de: Es ist zu beobachten, dass die angesprochenen Teams vermehrt auf junge deutsche Spieler setzen, anstatt wie früher mittelmäßige Akteure aus dem Ausland zu holen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Labbadia: Das ist sehr erfreulich. Gerade auch, wenn man beispielsweise nach Italien schielt, da gibt es zu wenig einheimische Talente. Es ist schön, dass einerseits immer mehr Topstars in die Bundesliga kommen und andererseits ist es gut, dass diese "kleineren" Vereine mit diesem Weg Erfolg haben. Es wird diesen Clubs gut tun, weil sich herumspricht, dass sie auf junge deutsche Spieler setzen. Sie werden dadurch künftig wesentlich einfacher an Talente kommen. Nürnberg macht das sehr gut momentan. Leverkusen verfolgt diesen Weg ja schon seit langem und mit Andre Schürrle haben sie erst kürzlich wieder einen Top-Spieler bekommen. Diese Philosophie zahlt sich aus und der Liga tut das sehr, sehr gut. Davon profitiert natürlich auch die Nationalmannschaft.

bundesliga.de: Und die Bundesliga, weil nicht immer die gleichen Teams oben stehen…

Labbadia: Vereine wie Frankfurt und Freiburg wirtschaften nicht über ihre Verhältnisse. Sie gehen zwar kleinere Schritte und brauchen deshalb ein Stück länger, aber gleichzeitig sind sie gesund. In der Bundesliga stimmt einfach das Gesamtpaket. Dadurch sind wir auch international auf einem guten Weg, und die Chancen auf einen zusätzlichen Champions-League-Startplatz stehen gut. Im Umkehrschluss erhöht sich für die kleineren Clubs die Wahrscheinlichkeit, dass auch sie einmal ins internationale Geschäft rutschen.

bundesliga.de: Borussia Dortmund trumpft derzeit ebenfalls mit einer Vielzahl junger Talente auf. Wird der BVB Meister?

Labbadia: Ich habe sie am Wochenende live gesehen, das war fantastisch. Da nimmt sich keiner raus, Top-Raumaufteilung, alle arbeiten nach Ballverlust super gegen den Ball und haben ein sehr, sehr gutes Umschaltverhalten in die Offensive. Ich traue den Dortmundern zu, dass Sie bis zum Schluss um den Meistertitel mitspielen. Beim aktuellen Punktestand glaube ich auch, dass Mainz eine Chance hat, in die internationalen Ränge zu kommen.

bundesliga.de: Der FC Bayern hat bereits zwölf Punkte Rückstand. Kehren die Münchner noch einmal zurück ins Titelrennen?

Labbadia: Auf jeden Fall. Den FC Bayern habe ich mehrfach live gesehen in dieser Saison. Sie hatten mehrere Spiele, in denen sie dominiert, aber die Punkte nicht mitgenommen haben. Sie haben die Qualität, eine eingespielte Mannschaft und ein klares System. Auf Dauer wird sich das durchsetzen.

Das Gespräch führte Andreas Messmer