Hamburg - Am Mittwoch jährt sich der Todestag von Robert Enke. Anders als bei der Trauerfeier am 15. November in der Hannoveraner AWD Arena werden die Familie und hochrangige Vertreter des DFB mit Präsident Theo Zwanziger an der Spitze dem ehemaligen Nationaltorhüter an dessen Grab in aller Stille gedenken.

Der Selbstmord des Profis von Hannover 96 im Alter von 32 Jahren hatte die ganze Republik erschüttert, eine Krankheit namens Depression wurde ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt.

In einer bewegenden Rede hatte der DFB-Präsident die Betroffenen aufgerufen, aus der Isolation herauszutreten und offen über ihre Krankheit zu reden. Nicht nur Zwanziger war überrascht, dass schätzungsweise vier Millionen Deutsche an der "Volkskrankheit Depression" leiden. Vier Millionen Menschen, die den Kampf gegen Antriebslosigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken meist allein mit sich austragen. Eine tabuisierte Krankheit hatte durch Robert Enke plötzlich ein Gesicht.

"Immer noch im Stadium der Aufklärung"

Ein Jahr ist vergangen - was ist passiert? Dieser Frage gehen die Sky-Reporter Michael Leopold, Matthias Pethes und Marc Hindelang sowie die freie Autorin Julia Richter nach. "Robert Enke - Ein Jahr danach -" lautet der Titel ihrer Dokumentation, die der Abo-TV-Sender Sky am Mittwoch, den 11. November, um 23 Uhr und fünf Mal über das folgende Wochenende in die Bundesliga-Berichterstattung eingebettet ausstrahlen wird.

Zu Wort kommen dabei unter anderen Robert Enkes Witwe Teresa, DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger, der ehemalige Mannschaftskollege Hanno Balitsch, Martin Kind, Präsident des Bundesligisten Hannover 96, Ex-Profi Andreas Biermann, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, 96-Trainer Mirko Slomka, und der Psychologe der DFB-Auswahl Professor Hans-Dieter Hermann.

"Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir uns immer noch im Stadium der Aufklärung befinden", lautet die Erkenntnis von Mit-Autor Leopold nach Gesprächen mit Psychologen, Sportlern und Betroffenen.

Ursachen unbekannt

Kein Mensch weiß, wie viele Leistungssportler unter der Krankheit leiden. Fakt ist, dass "Depression nicht gleich Leistungsdruck" ist und sich die Krankheit durch alle Schichten der Bevölkerung zieht. Die Ursachen der Krankheit sind nicht erforscht, sicher sei, dass sie viele Ursachen haben und auch genetisch bedingt sein kann.

"'Die Depression' gibt es nicht. Die Krankheit hat viele Gesichter. Das macht es so schwierig, sie gesunden Menschen zu erklären", weiß Psychologie-Professor Dr. Ulrich Hegerl um die Schwierigkeit, die Krankheit zu beschreiben.

"Teresa Enke hat mir das Leben gerettet"

"Man ist zwei Personen", beschreibt Andreas Biermann seine Gefühle. Der Ex-Profi des FC St. Pauli ist der einzige unter den über 1.250 Profis, die in den drei Profi-Ligen der Republik aktiv sind, der sich nach dem Wirbel um Enke geoutet hat.

"Wir haben die Pressekonferenz mit Frau Enke vor Trainingsbeginn mit der Mannschaft in der Kabine geschaut", so Biermann. "So wie sie ihren Mann Robert beschrieb, hatte ich sofort das Gefühl, das kann ja ich sein. Ich bin sofort zum Trainer und hab' ihn um ein Gespräch gebeten. Der Verein hat mir in der Folge sehr geholfen."

Biermann steht heute ohne Job da. Nicht einmal ein Verein der 3. Liga ist an dem zweitligaerfahrenen 30-Jährigen interessiert. "Die Pressekonferenz hat mir menschlich sehr geholfen, ja sogar das Leben gerettet", so Biermann, der zugibt, zwei Mal kurz vor dem Schritt in den Tod gestanden zu haben, den Enke gemacht hat. "Beruflich hat mir das Outing eher geschadet."

Krankheit aus der Isolation holen

Die Krankheit aus der Isolation in die Öffentlichkeit zu bringen, hat sich die Robert Enke-Stiftung auf die Fahnen geschrieben. An der Spitze steht Enkes Witwe Teresa.

"Die Sinnlosigkeit von Roberts Tod soll anderen Menschen helfen. Das ist mir ein Trost", sagt sie. "Andreas Biermanns Aussage, dass ihm meine Pressekonferenz praktisch das Leben gerettet hat, hat mich sehr natürlich gefreut. Ich hoffe, wir erreichen noch viele Betroffene."

Hilfe im Vorfeld

Neben Aufklärung hat sich die Stiftung die Früherkennung der Krankheit und Hilfe im Vorfeld auf die Fahne geschrieben. "Als erstes großes Projekt unterstützen wir das Referat der Sportpsychiatrie Aachen in seiner Forschung. Mittlerweile ist es zu einer Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln gekommen. Die muss jeder Profi-Trainer durchlaufen. Das hilft dem Trainer, Anzeichen bei einem Spieler frühzeitig zu erkennen und zu helfen", erklärt Jan Baßler.

"Wichtig ist die Akzeptanz der Depression als Krankheit bei den Nichtbetroffenen", so der Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung weiter. "Nur so hat man die Chance auf den Zugriff auf den Menschen."

Vorzeichen erkennen...

Dafür ist es wichtig, die wenigen Zeichen richtig zu deuten, denn Depressive trauen sich nur sehr selten aus ihrem Schneckenhaus. Meist versuchen sie, sich einem Verwandten oder einem Freund zu öffnen. Wenn der Angesprochene die Krankheit dann als vorübergehende Erscheinung betrachtet und mit einem "hast wohl einen schlechten Tag" abtut, kann das bewirken, dass sich der Kranke gänzlich zurückzieht.

"Krebs und AIDS sind mittlerweile in der Gesellschaft akzeptiert. Ich hoffe, dass das auch irgendwann für die Depression gilt", so Ex-Profi Jürgen Gelsdorf, der als Trainer der U 17 von Bayer Leverkusen einen Spieler im Team hatte, der unter Depression litt. Dem Jungen konnte psychologisch und medizinisch geholfen werden.

...Verständnis schaffen

"Er hat wieder Freude am Fußball und ist im Team akzeptiert, auch wenn er häufiger mal krank ist. Eben so, wie wenn andere mal eine Grippe oder eine Verletzung haben", beschreibt Gelsdorf den Umgang im Umfeld des Nachwuchsspielers mit der Krankheit.

"Verständnis beim Verein, beim Arbeitgeber wäre schon ein Erfolg. Mehr darf man im Moment nicht erwarten", erklärt Teresa Enke um die schwierige Aufgabe, die vor ihr liegt. Die mutige Witwe von Robert Enke weiß, dass ein Jahr nach dem Selbstmord ihres Mannes noch ein langer Weg vor ihr liegt, bis die Depression als "ganz normale Krankheit" anerkannt wird.

Jürgen Blöhs