Einer der ganz Großen des deutschen Fußballs nimmt am kommenden Montag seinen Abschied. In der BayArena lädt Bernd Schneider zu seinem Abschiedsspiel ein. Das von seinen Ex-Trainern Klaus Toppmöller und Hans Meyer gecoachte "All-Star-Team" trifft auf die aktuelle Bundesliga-Mannschaft von Bayer Leverkusen.

Es wird ein Stelldichein der Stars geben. Auf Schneiders Gästeliste stehen u.a. Namen wie Michael Ballack, Ze Roberto, Christian Ziege, Dietmar Hamann, Ulf Kirsten, Jens Lehmann, Dimitar Berbatov, Jens Nowotny oder Lucio. Sie alle wollen dabei sein, wenn der 81-fache Nationalspieler zum letzten Mal seine Fußballschuhe schnürt. Doch vorher nahm sich der Edeltechniker, den alle Welt nur "Schnix" ruft, Zeit für das ausführliche Exklusiv-Interview mit bundesliga.de.

bundesliga.de: Bernd Schneider, am kommenden Montag bestreiten Sie in der BayArena Ihr Abschiedsspiel. Worauf können sich die Zuschauer freuen?

Bernd Schneider: Der Spaß soll im Vordergrund stehen. Sicherlich will kein Spieler verlieren, aber in dem Fall ist das Ergebnis zweitrangig. Für mich ist es wichtig, dass ich mich noch einmal den Fans zeigen kann. Es ist ein kleines Dankeschön an die Fans, nachdem ich mich wegen meiner Verletzung im vergangenen Jahr nicht richtig von ihnen auf dem Feld verabschieden konnte. Ich bin Bayer Leverkusen dankbar, dass sie mir das Spiel ermöglichen.

bundesliga.de: Wer wird alles kommen?

Schneider: Ich habe Weggefährten meiner Karriere eingeladen. Von meinen alten Vereinen Carl-Zeiss Jena und Eintracht Frankfurt kommen Spieler und vor allem von Bayer Leverkusen, speziell aus der Saison 2001/2002 als wir ins Finale der Champions League einzogen. Bei einigen Spielern wie Emerson, Juan, Lucio oder Berbatov ist es noch offen, ob sie von ihren Vereinen frei bekommen. Torsten Frings und Clemens Fritz schauen vorbei, werden aber nicht spielen, weil sie noch das Pokalfinale vor der Brust haben. Michael Ballack wird alles versuchen, zu kommen. Und es werden auch einige meiner Trainer kommen, Mitarbeiter, Physiotherapeuten, Zeugwarte oder Busfahrer. Ich freue mich schon riesig auf das Spiel und auch auf die große Feier im Stadion danach.

bundesliga.de: Was haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten nach Ihrem Rücktritt vom Profifußball gemacht?

Schneider: Ich habe viel in den Nachwuchsbereich bei Bayer hineingeschaut und war viel unterwegs. Ich habe das ganze Drumherum mitbekommen, Spiele angeschaut. Ich bin noch bis zum letzten Spiel bei der C-Jugend dabei und habe mir auch bei Verbandslehrgängen in Duisburg ein Bild von der guten Qualität der 14- und 15-jährigen C-Jugendlichen machen können. Da gibt es schon einige vielversprechende Talente.

bundesliga.de: Wie sieht Ihre persönliche weitere Lebensplanung aus?

Schneider: Im Juni werde ich mit der Familie wieder zurück in meine thüringische Heimat ziehen und dem Fußball auf alle Fälle irgendwie erhalten bleiben. Wie genau, steht noch nicht fest. Aber ich möchte meine Erfahrungen weitergeben und werde sicher irgendwann auch einmal den Trainerschein machen.

bundesliga.de: Wenn Sie auf Ihre großartige Karriere zurückschauen. Wie sehr ärgert es Sie, dass Sie keinen Titel geholt haben, obwohl sie oft kurz davor standen?

Schneider: Das vorrangige Ziel, das jeder Fußballer anstrebt, ist, Titel zu gewinnen. Das ist mir leider nicht gelungen, obwohl ich in vielen Endspielen gestanden habe. Es ist schon etwas ärgerlich, ein WM-Finale, ein Champions-League-Finale und zwei Pokalendspiele zu verlieren und in der Meisterschaft Zweiter zu werden. Ich hätte schon gerne etwas gewonnen. Aber ich bin auch so mit dem, was ich erreicht habe, durchaus zufrieden.

bundesliga.de: Welche sportlichen Momente bleiben Ihnen vor allem in Erinnerung?

Schneider: Mein bewegendstes Erlebnis war die Einwechslung bei meinem letzten Bundesliga-Spiel im Mai des vergangenen Jahres gegen Borussia Mönchengladbach. Das war sehr emotional, da habe ich mich richtig gefreut. Ich stand da übrigens zusammen mit meinem alten Kumpel Oliver Neuville, der auch eingetauscht wurde. Da hat alles gepasst, ein schöner Moment. Das war die Belohnung für ein Dreivierteljahr harte Reha und Training, die sich in dem Moment ausgezahlt haben. Große Momente waren auch das WM-Eröffnunsgsspiel im eigenen Land, bei dem ich die Elf als Kapitän aufs Feld führen durfte. Etwas ganz Besonderes war auch die Länderspielreise in den Iran, wo wir begeistert empfangen wurden, mit dem Spiel vor 110.000 Zuschauern. Das war die größte Kulisse, vor der ich gespielt habe. Und natürlich das WM-Finale 2002, das Champions-League-Finale im gleichen Jahr, der Aufstieg mit Jena und der Klassenerhalt mit Eintracht Frankfurt.

bundesliga.de: Kommen wir zum aktuellen Bundesliga-Fußball. 16 Spieltage lang hat Ihr alter Verein Bayer Leverkusen die Tabelle angeführt. Jetzt sieht es so aus, als würde Bayer auch die Champions-League-Qualifikation verpassen. War es dennoch eine erfolgreiche Saison für die "Werkself"?

Schneider: Bayer hat ganz klar eine erfolgreiche Saison gespielt. Der Verein war zwei Jahre international nicht dabei. Vor der Saison wurde als Ziel der internationale Wettbewerb ausgegeben, da wäre jeder mit dem 4. oder 5. Platz zufrieden gewesen. Sicher hätte es auch mehr werden können, das ist auch klar. Aber die Mannschaft hatte große Verletzungssorgen. Die jungen Spieler haben ihre Sache sehr gut gemacht, wenn ich da nur Stefan Reinartz denke, der Simon Rolfes ersetzen musste. Und eine kleine Möglichkeit besteht ja auch noch, dass sie doch noch den 3. Platz erreichen. Ich habe da noch Hoffnung, auch wenn Werder Bremen in einer sehr guten Verfassung ist. Aber in dem Derby gegen den HSV kann viel passieren.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Arbeit von Bayer-Trainer Jupp Heynckes?

Schneider: Jupp Heynckes hat einen sehr guten Job gemacht. Die Mischung im Team stimmt. Er ist eine absolute Autoritäts- und Respektsperson und hat einen guten Draht zur Mannschaft gefunden. Und mit Sami Hyypiä haben sie einen ganz wichtigen Spieler als Stabilisator geholt. Hut ab, was der geleistet hat. Er hat großen Anteil am Erfolg. Ebenso wie Toni Kroos, der ähnlich spielt wie ich und mich ein kleines bisschen an mich erinnert.

bundesliga.de: Bayern München hat sich letztlich doch die Meisterschaft gesichert. Haben Sie das erwartet?

Schneider: Die Konstellation sprach ja eigentlich für Schalke. Sie waren vorne und hatten ein Heimspiel gegen die Bayern. Wie sich die Bayern da durchgesetzt haben, dann in Manchester bestanden und danach auch bei uns einen Punkt geholt haben, war schon beeindruckend. Das hat Kraft und Nerven gekostet. Sie haben es verdient, Meister zu werden. Aus der Entfernung muss ich sagen, dass Louis van Gaal gute Arbeit leistet.

bundesliga.de: Die Bayern träumen vom "Triple". Halten Sie das für möglich?

Schneider: Ich glaube, sie haben eine gute Chance aufs "Triple". Alles ist möglich. Im Finale der Champions League drücke ihnen als Deutscher natürlich die Daumen.

bundesliga.de: Am letzten Spieltag fällt auch die Entscheidung im Abstiegskampf. Wen wird es Ihrer Ansicht nach neben der Hertha noch erwischen?

Schneider: In der Abstiegsfrage gebe ich keine Prognose ab. Da habe ich überhaupt kein Bauchgefühl. Das ist völlig offen. Das Wichtigste ist, dass man sich nur auf seine Aufgabe konzentriert und alles andere ausblendet. Und das ist schon schwer genug.

bundesliga.de: Neben Simon Rolfes musste nun auch René Adler seine WM-Teilnahme leider absagen. Wie sehr wird er daran zu knabbern haben?

Schneider: Ich habe ihn kurz getroffen. Das ist ganz bitter für ihn. Er hatte sich so auf die WM gefreut und wäre ja die Nummer 1 gewesen. Aber er ist noch jung und wird sicher noch einmal an einer WM teilnehmen. Ich war bei meiner ersten WM 28 Jahre alt. Und als Torwart kann man ja ohnehin länger spielen. Er wird noch seine Chance bekommen. Aber das ist jetzt nur ein schwacher Trost.

bundesliga.de: Wie sehr hat es Sie damals getroffen, dass Sie Ihre Karriere wegen einer Verletzung beenden mussten?

Schneider: Ich hatte ein Dreivierteljahr ausgesetzt und mich mit meiner Situation befassen können. Ich hatte es auch etwas einfacher, weil sich meine Karriere schon dem Ende zugeneigt hatte. Da war es etwas einfacher, das zu verkraften. Aber ich hätte mir auch einen anderen, krönenden Abschluss gewünscht und gerne noch eine WM gespielt.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski