Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbachs 2:1-Erfolg gegen Hannover 96 war ein hartes Stück Arbeit - auch weil mit dem gelb-rot gesperrten Granit Xhaka wichtige Impulse aus der Schaltzentrale im Mittelfeld fehlten. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Schweizer über die bevorstehenden Spiele gegen die TSG Hoffenheim und den FC Bayern München, über Borussias Erfolgserie unter dem neuen Trainer André Schubert sowie den internationalen Wettbewerb.

bundesliga.de: Herr Xhaka, am Samstag reist Borussia zur TSG Hoffenheim. Sollten Sie dort nach Ihrer Gelb-Rot-Sperre eine weitere Gelbe Karte bekommen, müssten Sie eine Woche später gegen den FC Bayern erneut pausieren. Klingt nach einer Zwickmühle...

Granit Xhaka: Wir haben uns darüber noch keine abschließenden Gedanken gemacht. Fest steht für mich aber, dass ich gegen Hoffenheim unbedingt spielen möchte. Natürlich kann es passieren, dass man eine gelbe Karte bekommt, und in diesem Fall wäre das besonders bitter. Dennoch werde ich meine Art zu spielen nicht ändern, denn das würde mich meiner Stärken berauben. Selbstverständlich werde ich aber alles versuchen, dass es nicht soweit kommt. Gegen die Bayern möchte jeder Spieler unbedingt dabei sein, das ist bei mir nicht anders.

bundesliga.de: Noch vor zwei Monaten wäre eine solche Aufgabe wohl nicht nur auf dem Papier unlösbar gewesen. Was rechnen Sie sich jetzt gegen die Bayern aus?

Xhaka: Wir haben in der vergangenen Saison gezeigt, wie es gehen kann. Damals haben wir zu Hause unentschieden gespielt und in München sogar gewonnen. Die Bayern wissen, dass wir ein sehr unangenehmer Gegner sind. Das möchten wir bestätigen. Wir sind keine Mannschaft, die nur hinten drin steht, selbst gegen den FC Bayern kann das nicht unser Spiel sein. Überhaupt glaube ich, dass man sich gegen die Bayern nicht 90 Minuten im eigenen Strafraum verschanzen und dann darauf hoffen kann, dass nichts anbrennt. Wir wollen mitspielen, Chancen herausarbeiten und bestenfalls die eine oder andere nutzen.

"Damit habe selbst ich nicht gerechnet"

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bundesliga.de: Die Borussia ist seit acht Spielen ungeschlagen und hat davon sieben gewonnen. Hätten Sie das nach den fünf sieglosen Partien zum Saisonstart für möglich gehalten?

Xhaka: Ich möchte zunächst betonen, dass ich weder an mir noch an der Mannschaft gezweifelt habe. Warum auch? Es konnte doch nicht sein, dass wir über die Sommerpause das Fußballspielen völlig verlernt haben. Ich denke auch nicht, dass die ersten fünf Spiele komplett schlecht waren. Das Heimspiel gegen Mainz 05 etwa hätten wir gewinnen müssen, die Chancen waren da. Und auch aus Bremen hätten wir durchaus etwas mitnehmen können. Ich bin ziemlich sicher, dass wir diese Spiele heute nicht verlieren würden. Richtig schlecht waren dagegen die Partien in Dortmund und zu Hause gegen Hamburg. Es lässt sich nicht leugnen, dass der Druck damals von Spiel zu Spiel und von Niederlage zu Niederlage größer geworden ist. Dass wir dann innerhalb von nur zwei Monaten in beeindruckender Weise zurückkommen und zwischenzeitlich sogar schon wieder auf Platz fünf stehen würden, damit habe selbst ich nicht gerechnet.

bundesliga.de: Denken Sie hin und wieder noch an Lucien Favre?

Xhaka: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass das der ganzen Mannschaft so geht. Lucien Favre hatte bei Borussia viereinhalb tolle Jahre und hat den Verein zurück in die nationale Spitze geführt. Dort gehört Borussia Mönchengladbach hin. Man kann sich jetzt endlich wieder international zeigen. Und das hat dieser großartige Traditionsclub auch verdient.

bundesliga.de: Was ist von Favres Fußball geblieben?

Xhaka: Sehr viel. André Schubert hat allerdings zwei, drei Dinge verändert. Wir stehen jetzt wesentlich höher und attackieren bei Ballverlust umgehend, statt uns erst einmal zurückzuziehen und auf Konter zu lauern.

bundesliga.de: Zudem hat Schubert Sie zum Kapitän bestimmt. Was bedeutet Ihnen diese Beförderung?

Xhaka: Ich bin ganz ehrlich: Ich glaube, dass ich mich durch die Kapitänsbinde ein wenig verändert habe und erwachsener auftrete als bisher. Das sagen zumindest meine Eltern und meine Freunde. Dieses Amt zeigt mir, wie groß das Vertrauen in mich ist. Ich habe zwar schon früher, ohne die Binde, Dinge angesprochen, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas in die falsche Richtung läuft. Jetzt aber trage ich die Verantwortung ganz offiziell. Damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen. Bei einem großen Traditionsclub wie Borussia Mönchengladbach bereits mit 23 Kapitän zu sein macht mich sehr stolz.

"Mo ist ein sehr guter Junge"

bundesliga.de: Gegen Hannover 96 hat Tony Jantschke, nach Martin Stranzl bisher der etatmäßige Vize-Kapitän, die Mannschaft wieder angeführt. Wie wird es gegen Hoffenheim sein?

Xhaka: Der Trainer hat mit Tony und mir gesprochen und gesagt, dass er mich gerne weiterhin als Kapitän sehen würde. Er hat Tony gefragt, ob das für ihn in Ordnung sei. Das war für mich ganz wichtig, dass zwischen Tony und mir nichts steht, sondern dass unser Verhältnis so gut bleibt wie es bisher war. Wäre Tony nicht einverstanden gewesen, hätte ich ihm die Binde selbstverständlich zurückgegeben.

bundesliga.de: Ihre großartige Entwicklung wird auch bei vielen Top-Clubs registriert. Können Sie das ausschalten?

Xhaka: Natürlich bekomme ich das Interesse an meiner Person mit. Und ich bin stolz darauf, was ich in den vergangenen Jahren geschafft habe. Man darf nicht vergessen, dass mein Start in Mönchengladbach nicht ganz reibungslos verlief, so dass ich mich erst einmal hochkämpfen musste. Trotz dieser Gerüchte konzentriere ich mich ausschließlich auf Borussia. Was links und rechts davon passiert, interessiert mich im Augenblick überhaupt nicht. Darum kümmern sich ohnehin mein Vater und mein Berater, die beinahe jeden Tag miteinander im Gespräch sind.

bundesliga.de: Mahmoud Dahoud steht derzeit auch sehr im Fokus. Ist mit ihm für die Schaltzentrale im Mittelfeld die ideale Ergänzung zu Ihnen gefunden worden?

Xhaka: "Mo" ist ein sehr guter Junge mit hoher Qualität. Er musste lange warten, hat aber Geduld gezeigt und nun seine Chance bekommen. Und er hat sie genutzt. Ich denke, dass wir sehr gut harmonieren. Nicht zuletzt, weil "Mo" zuhört, wenn man ihm einen Rat gibt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es mit 18, 19 war. Da ist es sehr hilfreich, wenn man neben sich einen etwas erfahreneren Spieler hat, der mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn es einmal eng wird.

"Wir können gegen große Mannschaften mithalten"

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bundesliga.de: Sie gehen in jeder Hinsicht voran und haben in den vergangenen Wochen trotz eines Bänderrisses gespielt. Das ehrt Sie, aber ist das auch vernünftig?

Xhaka: Tatsächlich war das eine schwierige Entscheidung, denn die Gefahr, dass es schlimmer werden könnte, bestand natürlich. Deshalb habe ich mich intensiv mit meiner Familie und mit Borussias Ärzten und Physiotherapeuten beraten. Letztlich wollte ich der Mannschaft aber helfen, habe zunächst mit Schmerzmitteln gespielt und mich dann sehr hart tapen lassen, so dass die Gefahr etwas geringer war, dass etwas passiert. Während der 90 Minuten selbst habe ich überhaupt nicht daran gedacht. Das wäre nicht mein Spiel und würde mich hemmen. Dann wäre es besser gewesen, gar nicht erst aufzulaufen.

bundesliga.de: Vor der Begegnung in Hoffenheim steht die Partie gegen den FC Sevilla an. Was hat die Champions League-Teilnahme Ihnen ganz persönlich gebracht?

Xhaka: Ich hatte zuvor mit Basel schon ein wenig Champions League-Erfahrung sammeln können. Trotzdem habe ich den Partien gegen Top-Teams wie Juventus Turin, Manchester City oder den FC Sevilla noch einmal dazu gelernt. Unsere Gruppe war die stärkste, und man muss eingestehen, dass für uns nur die Außenseiterrolle geblieben ist. Umso stolzer können wir darauf sein, was wir zu Hause gegen Manchester City und in den beiden Spielen gegen Juventus Turin gezeigt haben. Man hat gesehen, dass wir gegen diese großen Mannschaften mithalten können. Daraus haben wir enormes Selbstbewusstsein ziehen können. Ich glaube, dass es in der Bundesliga nicht so gut laufen würde, hätten wir gegen Juventus und Manchester City jedes Mal drei, vier Tore bekommen. Stattdessen konnten wir die Euphorie aus diesen Spielen mit in die Meisterschaft nehmen und haben unsererseits in Frankfurt fünf und in Berlin vier Mal getroffen.

bundesliga.de: Trotz der guten Leistungen in der Champions League kann Borussia höchstens noch die Europa League erreichen. Ist das ein adäquates Trostpflaster?

Xhaka: Wir wissen, dass wir immer noch lernen müssen. Das haben wir etwa gegen Manchester City gesehen, als wir die klar bessere Mannschaft waren, unsere Chancen aber nicht nutzen konnten, während City zwei Mal eiskalt zugeschlagen hat. Es ist natürlich schade, dass wir nicht in der Champions League überwintern. Aber auch die Europa League wäre eine tolle Geschichte für uns, das Tüpfelchen auf dem i, und die Belohnung dafür, was wir in der Champions League geleistet haben. Ich möchte im kommenden Frühjahr auf jeden Fall weiter international dabei sein und werde gegen Sevilla und im abschließenden Spiel bei Manchester City alles dafür geben.

Das Gespräch führte Andreas Kötter