Nach langer Suche fand der Hamburger SV kurz vor Ende der vergangenen Saison einen Nachfolger für Huub Stevens. Dessen Landsmann Martin Jol sollte die Nachfolge beim norddeutschen Traditionsclub antreten.

Mittlerweile ist Jol in Hamburg angekommen, wie er auch im Interview mit bundesliga.de berichtet. Vor dem Eröffnungsspiel beim FC Bayern München spricht der neue HSV-Coach über das Duell gegen Jürgen Klinsmann, die Neuzugänge beim HSV und die Zeit, die er selbst beim Rekordmeister verbrachte.

bundesliga.de: Herr Jol, Sie sind ein neues Gesicht in der Bundesliga. Was können die Fußballfans von Ihnen, Ihrer Trainerarbeit und Ihrer Mannschaft erwarten?

Martin Jol: Sie werden sicher gut verstehen können, dass ich nicht vor dem ersten Bundesligaspiel Werbung in eigener Sache betreiben will. Ich habe bei meiner Vorstellung in Hamburg gesagt, dass im Fußball schon alles erfunden wurde. Es geht nur darum, sich auch möglichst viele Dinge davon zu Nutzen zu machen. Natürlich wollen wir uns mit dem HSV auch in der kommenden Saison wieder für den internationalen Wettbewerb qualifizieren. Das wollen aber einige andere auch, das wurde in den vergangenen Wochen mehr als deutlich. Ich bin wirklich sehr gespannt auf die Saison.

bundesliga.de: Ihr Debüt feiern Sie dann auch gleich gegen den amtierenden Deutschen Meister. Ein Segen oder ein Fluch?

Jol: Weder Segen, noch Fluch. Wir freuen uns einfach auf das Spiel. Darauf, dass es endlich wieder losgeht. Und das Auftakt-Spiel gegen Bayern München diente während der gesamten Vorbereitungszeit ganz sicher als besonderer Anreiz.

bundesliga.de: Von den vergangenen sechs Bundesliga-Duellen zwischen dem FC Bayern und dem HSV hat Ihr Team nur eines verloren. Was macht Sie zuversichtlich, dass Hamburg die Münchner erneut ärgern kann?

Jol: Bayern München geht wie jedes Jahr als Favorit auf die Meisterschaft in die Saison. Aufgrund der letzten Jahre haben sie aber sicher Respekt vor dem HSV. Aber ich möchte im Vorfeld des Spieles nicht darüber sprechen, wie und ob wir Bayern vielleicht ärgern können. Auf jeden Fall probieren wir, uns auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und nicht nur zu reagieren.

bundesliga.de: Nicht viele Fans wissen, dass Sie einst auch die Farben des FC Bayern getragen haben. Wenn auch nur kurzzeitig. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in München?

Jol: Über meinem Spind hing damals ein Schild, auf dem "Kaiser" stand. Mittlerweile haben die Bayern ja aber auch ein neues Trainingsgelände, in dem wahrscheinlich nicht mehr viel an Beckenbauers Zeiten erinnert. Ich war wirklich zu kurz da, als dass irgendwelche Verbindungen oder Freundschaften entstehen konnten. Neulich habe ich ein Foto von mir an Paul Breitners Seite gesehen. Wir haben uns wirklich ganz schön verändert.

bundesliga.de: Als Sie Trainer bei Tottenham in der englischen Premier League waren, ist Ihnen der Name Jürgen Klinsmann sicher des Öfteren untergekommen. Kennen Sie den neuen Bayern-Coach und was denken Sie über ihn?

Jol: Ich kenne Jürgen Klinsmann nicht persönlich, was sich ja am Freitag ändern wird. Ein Fernurteil steht mir nicht zu, aber er scheint ein Mann mit klaren Vorstellungen zu sein, der seinen Weg geht und sich nicht von Widerständen beeinflussen lässt. Ich freue mich auf die Begegnung mit ihm.

bundesliga.de: Die komplette Saisonvorbereitung liegt nun hinter Ihnen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Jol: Wir haben uns gut vorbereiten können, es fehlte an nichts. Doch die Vorbereitung ist jetzt nicht mehr wichtig, sie interessiert niemanden mehr. Wichtig war, dass wir im DFB-Pokal die Hürde Ingolstadt gemeistert haben und in die nächste Runde eingezogen sind. Jetzt ist das Spiel gegen die Bayern wichtig.

bundesliga.de: Wie haben sich die Neuzugänge bisher in die Mannschaft eingefügt?

Jol: Ich traue Pitroipa und Aogo den schnellen Durchbruch in der Bundesliga zu. Pitroipa ist ein großes Talent, unglaublich, wie er mit dem Ball am Fuß sprinten kann. Aogo ist sehr vielseitig, hat ein hervorragendes Auge und ist mit seinen Standards brandgefährlich.

bundesliga.de: Gibt es Spieler, die sich in der Vorbereitung besonders hervorgetan haben oder die Sie vielleicht gar nicht auf der Rechnung hatten?

Jol: Vielleicht Pitroipa. Unser Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer hat erzählt, dass die halbe Bundesliga und Vereine aus dem Ausland hinter ihm her waren. Zuerst habe ich ihm nicht geglaubt, aber das hat sich nach den ersten Trainingseinheiten und Spielen geändert.

bundesliga.de: Auch Sie sind ein Neuzugang. Fühlen Sie sich schon heimisch in Hamburg?

Jol: Vor zwei Wochen habe ich gemeinsam mit meiner Familie das neue Haus in Hamburg bezogen. Ich fühle mich richtig wohl. Von der Stadt habe ich allerdings noch nicht viel gesehen. Es stand ja jede Menge Arbeit an. Ich habe aber schon registrieren können, dass die ganze Stadt hinter dem HSV steht. Neulich saß ich mit Dietmar Beiersdorfer im Auto. Als wir an einer Ampel hielten, erkannte uns der Mann aus dem Nachbarauto. Er kurbelte seine Scheibe runter, ballte die Faust und brüllte: "Nur der HSV!"

bundesliga.de: Haben Sie in den vergangenen Wochen mit Ihrem Landsmann und Vorgänger Huub Stevens Kontakt gehabt, ihm Fragen gestellt oder Erfahrungen ausgetauscht?

Jol: Nein, wir hatten keinen Kontakt. Das war aber auch nicht nötig. Ich bin ja nicht während einer laufenden Saison eingestiegen, sondern hatte genügend Zeit, mir mein eigenes Bild über die Umstände zu machen.

Die Fragen stellte Sebastian Stolz