München - 31 Gegentore hat Hannover 96 in 17 Spielen kassiert - das macht über 1,8 pro Partie. Klingt eher nach der Bilanz eines Absteigers, als eines Europa-League-Teilnehmers. Bei 96, das vor dem Rückrundenstart nur auf Tabellenplatz 11 steht, brannte in der Defensive viel zu oft der Baum.

Zwar agierten auch die Abwehrreihe und Torwart Ron-Robert Zieler nicht immer fehlerfrei, doch schon vor der Viererkette lief es nicht rund, nachdem sich Rückkehrer Leon Andreasen erneut schwer verletzte. Manuel Schmiedebach konnte ihn nicht gleichwertig ersetzten, Experimente mit den ohnehin verletzten Christian Schulz und Lars Stindl scheiterten. Nun hat 96 gleich zwei neue Kandidaten für die Sechs verpflichtet.

Andre Hoffmann vom Zweitligisten MSV Duisburg und Franca, der zuletzt in der brasilianischen zweiten Liga kickte, sollen es richten. Vom Spielerprofil ähneln sich die beiden, sind eher "Zerstörer" und könnten gut zu Sergio da Silva Pinto passen. Der Portugiese, der im 96-Mittelfeld für die Spieleröffnung zuständig ist, war in der Hinrunde gesetzt. Wer erhält den Zuschlag?

Andre Hoffmann: Traumjahr mit Schock-Moment

Die zumindest sprachlich naheliegendste Lösung für den Part von Andreasen wäre der 19-jährige Andre... Hoffmann. Aufhorchen ließ dieser im vergangenen Jahr, als er bereits zum zweiten Mal mit der Fritz-Walter-Medaille für den zweitbesten Spieler seines Jahrgangs ausgezeichnet wurde. Bereits in der U17 hatte er dies schon geschafft, nun tritt er bei den Unter-19-Jährigen in die Fußstapfen von Nationaltorwart Manuel Neuer, der einst ebenfalls mit Silber ausgezeichnet worden war. "Dass ein junger Spieler mit 19 Jahren so viele Fähigkeiten mit sich bringt, ist selten. Andre ist fußballerisch und auch menschlich schon sehr weit", sagt sein Duisburger Trainer Kosta Runjaic. Die Bundesliga-Clubs rissen sich schon früh um ihn - doch Hoffmann blockte stets ab. Erst jetzt habe er sich "reif genug" gefühlt für den Schritt. In Hannover soll es jetzt schon im Winter klappen, nachdem 2012 für Hoffmann nicht nur glatt gelaufen war. Nach einem Horror-Crash mit einem Mitspieler beim Spiel gegen Dynamo Dresden bestand Verdacht auf Querschnittslähmung. Hoffmann kam mit dem Schrecken und einer schweren Gehirnerschütterung davon.

Nun verlässt der in Essen geborene Hoffmann zum ersten Mal das Ruhrgebiet. In Hannover wohnt er zunächst im Hotel. "Zwei Schlafzimmer sind mir wichtig, damit meine Familie zu Besuch kommen kann", sagt er. Mehr als die Hälfte seines Lebens spielte er beim MSV: Zehneinhalb Jahre, seit der E-Jugend. Vom Balljungen entwickelte er sich zur unersetzlichen Stammkraft und zum Führungsspieler. Trotz seiner Jugend dirigierte er die MSV-Abwehr lautstark, als Kassenwart ließ er auch erfahrene Recken wie Goran Sukalo zum Zahlen antanzen. Die Kasse ließ er also klingeln - auf dem Spielfeld tat er dies eher seltener. Ein Tor in 37 Zweitliga-Spielen zeigt, dass Hoffmanns Qualitäten definitiv in der Defensive liegen. Der gelernte Innenverteidiger besticht mit sauberer Zweikampfführung, guter Grundschnelligkeit und weiß seine 1,88 Meter Körpergröße beim Kopfball einzusetzen. Nach dem "härtesten Trainingslager", das er je erlebt habe, durfte Hannovers neue Nummer 15 in den Testspielen bereits mitmischen, gibt sich aber bescheiden: "Ich stelle keine Ansprüche."

Franca: Power-Abräumer mit haarigem Namensvetter

Noch einen Tick körperlicher als das von Hoffmann ist das Spiel der neuesten Verpflichtung der Niedersachsen: 1,90 Meter und 88 Kilogramm geballte Kraft mit dem klangvollen Namen Welington Wildy Muniz dos Santos. Ja, Welington Wildy Muniz dos Santos, und nicht Francaldo Sena de Souza. Denn die Bundesliga hatte bereits einen "Franca", der von 2002 bis 2005 in Leverkusen stürmte. In punkto Torgefahr - und Haarpracht - kommt der 21-Jährige zwar nicht an den ehemaligen Bayer-Knipser heran, doch ab und an traf Hannovers Franca in Brasilien durchaus den Kasten: Im abgelaufenen Kalenderjahr beispielsweise in 21 Spielen drei Mal. Franca, der auch als Rechtsverteidiger auflaufen kann, besticht eher durch kompromisslose Zweikämpfe. In zehn Saisonspielen sammelte er bereits vier Gelbe Karten. Mit der Härte der Bundesliga dürfte er also problemlos zurechtkommen.

Doch Hannovers neuer Brasilianer kann nicht nur kloppen. 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke und sein Team beobachteten ihn nach "einem Hinweis" intensiv und waren von seiner Schnelligkeit und seinem Passspiel angetan. Dann ging alles ganz schnell. Franca, der bei Hannover die Nummer 16 erhält, ist bereits in Deutschland gelandet und trainierte bereits am Dienstag erstmals mit der Mannschaft. Doch Schmadtke bremste zunächst die Erwartungen: "Er wird etwas Zeit brauchen." Franca kommt nach einer anstrengenden Saison gerade aus einem vierwöchigen Urlaub. Mit dem Zweitligisten Criciuma EC, an den er von seinem Club Coritiba FC ausgeliehen war, stieg Franca nach einer starken Saison auf. Beide, Hoffmann und Franca, scheinen also für die erste Liga bereit.

Christoph Gschoßmann