Hamburg - "Europapokal, Europapokal..." - noch lange nach dem Schlusspfiff feierten die zahlreich angereisten Fans der Frankfurter Eintracht das 3:1 ihrer Helden beim FC St. Pauli.

Damit stehen die Hessen nach zehn Spieltagen auf einem Europapokalplatz. Ein Gefühl, dass die Anhänger seit Jahren herbeisehnen. Der letzte große Erfolg der Vereinsgeschichte liegt immerhin schon 22 Jahre zurück. 1988 gewannen die Frankfurter das DFB-Pokalfinale 1:0 gegen den VfL Bochum.

Seither musste die "launische Diva" drei Mal den harten Weg in die 2. Bundesliga und zurück gehen. 16 Jahre ist es her, dass die Eintracht sich am Ende einer Bundesliga-Saison in der oberen Hälfte der Tabelle wiederfand.

Von 17 auf 5

Trotzdem ging die Mannschaft von Michael Skibbe optimistisch in die Saison. Mit dem Ziel "50 Punkte plus" legte sie selbst die Hürde sehr hoch und musste Hohn und Spott über sich ergehen lassen, als nach fünf Spieltagen gerade mal drei Punkte auf der Habenseite standen. "Die Realität ist manchmal grausam", jammerte Heribert Bruchhagen nach dem misslungenen Start.

Fünf Spieltage später sieht die Wirklichkeit nicht nur für den Vorstandsvorsitzenden sehr viel rosiger aus. Mit vier Siegen und einem Remis katapultierte sich der Club von Abstiegsrang 17 auf Europa-League-Platz 5 vor.

"Wir waren grottenschlecht"

"Zu Saisonbeginn lief es bei uns nicht rund, die Abstimmung untereinander stimmte nicht", beschrieb Marco Russ bei bundesliga.de nach dem Sieg am Samstag den schwachen Saisonstart: "Jetzt sind wir super drauf." Auch wenn die Eintracht beim FC St. Pauli nicht an die Leistung der vergangenen Spiele mit dem Höhepunkt des 5:2 im DFB-Pokal über den Hamburger SV anknüpfen konnte.

"Wir waren in der ersten Halbzeit grottenschlecht. St. Pauli war die klar bessere Mannschaft, die Führung war verdient", gibt Russ zu. Nach dem schweren Pokalspiel sei die Mannschaft gerade "vom Kopf her nicht frisch" gewesen, "aber auch solche Spiele muss man mal gewinnen".

"Bewundernswerte Effizienz" und Gekas

Der Höhenflug der "Adler" hat viele Väter. "Hier läuft einer für den anderen, und wir verstehen uns blendend", erklärt Russ den Grund für die Erfolgsserie: "Jetzt sind wir auch bei '50 plus' wieder voll im Soll." "Die Effizienz ist bewunderswert", schwärmte St. Paulis Sportdirektor Helmut Schulte: "Aus vier Chancen machen die drei Tore."

Tore, für die Theofanis Gekas garantiert. Gegen St. Pauli erzielte der Grieche seine Treffer Nummer acht und neun. Kurz vor der Pause verwandelte er einen selbst herausgeholten Strafstoß zum 1:1 und in der 70. Minute traf er zum vorentscheidenden 2:1.

Kein Zweifel: Der 30-Jährige ist nach einer Durststrecke wieder auf dem Leistungsniveau, auf dem er 2007 war, als er im Dress des VfL Bochum mit 20 Treffern Torschützenkönig wurde. Seine neun Tore bedeuten zwei Drittel der Eintracht-Treffer in der bisherigen Saison. Damit liegt Gekas im Kampf um die begehrte Kanone vorn.

Nikolov bester Keeper der Liga

Die Defensive ist ein weiterer Garant für den Erfolg: Vorne trifft Gekas, und hinten ließen Oka Nikolov - mit 80 Prozent gehaltener Bälle der aktuell beste Torhüter der Liga - und seine Vorderleute in zehn Spielen nur zehn Gegentreffer zu. Weniger hat nur Spitzenreiter Borussia Dortmund kassiert.

Und wenn die Mannschaft mal "vom Kopf her nicht frisch" ist, dann hilft Glücksgöttin Fortuna - so wie beim FC St.Pauli. "Der Sieg war glücklich", gibt Russ zu: "Solche Geschenke nimmt man natürlich gerne an. Der Elfmeter hat uns ins Spiel zurückgebracht."

Und: "Glück können wir auch in den kommenden Spielen gebrauchen. Mit Wolfsburg, Bremen, Hoffenheim kommen vier Europapokal-Kandidaten auf uns zu." Danach folgt das Derby gegen das Überraschungsteam aus Mainz.

DFB-Pokal als zweite Option

Sollte Fortuna sich in den "Wochen der Wahrheit" gegen die "launische Diva" vom Main wenden, sieht Russ eine weitere Möglichkeit, ins internationale Geschäft vorzustoßen. "Wenn man sieht, was für Mannschaften schon raus sind, ist das Pokalfinale nicht unmöglich. Wir wollen so weit wie möglich kommen. Warum nicht nach Berlin?"

Dafür bekam die Eintracht erneut die Hilfe von Fortuna - und zwar in Form von Losglück. Der Gegner im Pokal-Achtelfinale ist Zweitligist Alemannia Aachen, von der Papierform her eine machbare Aufgabe. Der Traum der Fans vom Europapokal geht weiter...

Jürgen Blöhs