Köln - Es wird wieder dramatisch. In der Relegation erreicht die Spannung noch einmal ihren Siedepunkt. Zum 19. Mal in der Geschichte der Bundesliga wird der 18. Bundesligist der kommenden Saison in einer Relegation ermittelt. Diesmal treffen der VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig im Niedersachsenduell aufeinander. 13 Mal setzte sich bislang der Bundesligist durch, fünf Mal der aus der 2. Bundesliga. bundesliga.de blickt zurück auf legendäre Begegnungen.

2015/16: E. Frankfurt vs. 1. FC Nürnberg 1:1 / 1:0

Ein spätes Gegentor am letzten Bundesliga-Spieltag bei Werder Bremen tat Eintracht Frankfurt richtig weh. Die Hessen rutschten nach der 0:1-Niederlage an der Weser doch noch auf Platz 16 und damit in die Relegation. Als wäre dies nicht schon belastend genug, kam einen Tag vor dem Hinspiel gegen den 1. FC Nürnberg die nächste Hiobsbotschaft. Bei Eintracht-Kapitäm Marco Russ war ein bösartiger Tumor diagnostiziert worden.

Doch statt sich umgehend in ärztliche Behandlung zu begeben, wollte der damals 30-Jährige sein Team unbedingt auf dem Feld unterstützen. Es war bewundernswert, wie Marco Russ mit der schwierigen Situation umging, aber vielleicht dann doch eine zu große mentale Herausforderung. Ausgerechnet dem Kapitän unterlief kurz vor dem Pausenpfiff ein Eigentor. Die Eintracht glich in der zweiten Spielhälfte noch aus und kam immerhin noch zu einem 1:1-Unentschieden.

Für Russ, der 90 Minuten durchgespielt hatte, war die Relegation damit beendet. Er unterzog sich im Krankenhaus der notwendigen Therapie. Die Frankfurter packten den Klassenerhalt dann auch ohne ihn, dank eines 1:0-Erfolgs in Nürnberg. Die Leidenszeit von Marco Russ endete 285 Tage nach seinem letzten Einsatz Ende Februar 2017. Der Kämpfer hatte seine Krankheit überwunden und sein Comeback geschafft.

2014/15: Hamburg vs. Karlsruhe 1:1 / n.V. 2:1

Für den Hamburger SV war die Relegation 2015 ein Deja-Vu-Erlebnis, auf das er lieber verzichtet hätte. Ein Jahr nach dem glücklichen Klassenerhalt über die Ausscheidungsspiele - damals gegen die SpVgg Greuther Fürth (0:0, 1:1) - mussten die Hanseaten erneut ins Duell mit dem Dritten der 2. Bundesliga. Dass die Norddeutschen es überhaupt noch in die Relegation geschafft hatten, war schon ein kleines Fußballmärchen. Denn Bruno Labbadia, der dritte HSV-Coach in dieser komplizierten Spielzeit, hatte den Bundesliga-Dino dank eines starken Schlussspurts zunächst vor dem direkten Abstieg gerettet.

Die Hamburger trafen diesmal auf den Karlsruher SC und kamen im Hinspiel nicht über ein 1:1-Unentschieden hinaus. Das Rückspiel hatte dann zumindest aus HSV-Sicht Gänsehautfaktor zehn von zehn. Die Labbadia-Elf musste unbedingt ein Tor erzielen. Selbst das KSC-Führungstor durch Reinhold Yabo in der 78. Minute änderte eigentlich nichts. Denn 0:0 oder 0:1 bedeutete in jedem Fall das Aus, die Hamburger brauchten einen Treffer. In der zweiten Minute der Nachspielzeit dann gab Schiedsrichter Manuel Gräfe einen Freistoß in der gefährliche Zone für den HSV.

Der Rest ist Geschichte. Marcelo Diaz zirkelte den Ball in den linken Winkel. Der HSV lebte noch. In der Verlängerung schoss Nicolai Müller das Siegtor, Rene Adler wehrte noch einen Elfmeter ab. Hamburg hatte 2:1 gewonnen und seinen Nimbus der "Unabsteigbaren" gewahrt. "Es ist ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es nicht geklappt hätte", jubelte Labbadia nach dem Abpfiff.

2011/12: Hertha BSC vs. Fortuna Düsseldorf 1:2 / 2:2

Fünf Jahre ist es nun schon her, dass sich letztmals ein Zweitligist in der Relegation durchsetzte. Fortuna Düsseldorf hatte eine bärenstarke Saison gespielt, auf den letzten Metern aber den direkten Aufstieg verpasst. Die Elf von Norbert Meier sah sich gegen Hertha BSC aber keinesfalls chancenlos. Die Berliner hatten sich am letzten Spieltag noch mühsam auf Platz 16 gehangelt und gingen trotzdem als leichter Favorit in die finalen Matches.

Otto Rehhagel sollte der Garant des Klassenerhalts werden, mit 73 Jahren war er auf die Bundesliga-Bühne zurückgekehrt, um Hertha zu retten. Es ging schief. Erst in der Bundesliga mit nur elf Punkten aus zwölf Spielen, dann auch in der Relegation. Die Fortuna gewann - wenn auch durch ein Eigentor von Adrian Ramos - verdient im Olympiastadion mit 2:1 und war auch im dramatischen Rückspiel in Düsseldorf über weite Strecken die bessere Mannschaft. Zweimal ging F95 in Führung (durch Maximilian Beister und Ranisav Jovanovic), Raffaels Ausgleich zum 2:2 in der 85. Minute kam zu spät.

2010/11: M'gladbach vs. VfL Bochum 1:0 / 1:1

Der Klassenerhalt von Borussia Mönchengladbach im Jahr 2011 ist bis heute eine der größten Trainerleistungen der jüngeren Bundesliga-Historie. Am 23. Spieltag übernahm Lucien Favre die Elf vom Niederrhein mit sieben Punkten Rückstand zum Relegationsplatz abgeschlagen auf Platz 18 liegend. Im Rekordtempo machte der Schweizer den Laden wieder flott, holte in zwölf Spielen vier Punkte mehr als sein Vorgänger und hievte die Fohlen auf Platz 16. Es ging gegen den VfL Bochum, dem 65 Punkte nicht zum direkten Aufstieg reichten.

Das Hinspiel entwickelte sich zu einem chancenarmen Geduldsspiel. Selbst die angezeigte Nachspielzeit von zwei Minuten war bereits abgelaufen, ehe Igor de Camargo einen Abpraller aus kurzen Distanz in den Winkel des Bochumer Tores schlenzte. 1:0 für Gladbach. Auch das Rückspiel verlief sehr ausgeglichen, bis zur 72. Minute wähnte sich der VfL nach einem Eigentor von Harvard Nordtveit auf der Siegerstraße, ehe Marco Reus zuschlug und mit seinem 1:1 den Klassenerhalt der Borussia perfekt machte. "Wir haben das ganze Jahr über viel auf die Fresse bekommen. Deswegen ist dieses Ende für uns umso schöner”, freute sich Borussia-Sportdirektor Max Eberl.

1985/86: Fortuna Köln vs. B. Dortmund 2:0 / 1:3 / 0:8

Vieleicht die Mutter aller Relegationen, die den Dortmunder Stürmer Uwe Wegmann zur Legende machte. Der tapfere Zweitligist Fortuna Köln stand ganz kurz vor der großen Überraschung. Drei Jahre nach einem furiosen 5:0-Erfolg über Borussia Dortmund im Pokalhalbfinale hatten die Kölner Südstädter den großen Traditionsverein erneut düpiert. Vor 44.000 Zuschauern im Müngersdorfer Stadion hatte der Außenseiter einen 2:0-Sieg vorgelegt.

Im Rückspiel konnte die Borussia von Glück reden, dass es damals noch nicht den Europapokalmodus inklusive Auswärtstorregelung gab. Denn danach hätten die Dortmunder ihre Hoffnungen schon früh begraben können. Schon nach knapp einer Viertelstunde lag die Fortuna im Westfalenstadion 1:0 vorn, der BVB kam erst nach dem Seitenwechsel auf Touren und ging durch Treffer von Michael Zorc und Marcel Raducanu nach 70 Minuten in Führung. Als sich die Fotografen bereits um die Kölner Bank versammelt hatten, um die Siegerfotos zu schießen, biss die "Kobra", so der Spitzname Wegmanns, noch zu.

"Ich trete mit dem linken Fuß mehr schlecht als recht gegen den Ball, und das Ding kullert hinter die Linie", erinnert sich der BVB-Held, der bei den Fans noch unten durch war, weil er zuvor seinen Wechsel ausgerechnet zum FC Schalke 04 bekannt gegeben hatte. "Es war ein astreines Abstaubertor, aber das waren mir eh die liebsten." So gewann der BVB 3:1 und erzwang ein Entscheidungsspiel. Das geriet zur Formsache, Dortmund siegte auf neutralem Platz in Düsseldorf mit 8:0.

Tobias Gonscherowski