München - Nach dem Startrekord von zuvor acht Siegen und 26:2 Toren in den ersten acht Spielen hat Bayer Leverkusen am vergangenen Sonntag das vermeintlich Unmögliche möglich gemacht und dem FC Bayern München die erste Saisonniederlage zugefügt (Video). Der Spitzenreiter und ewige Topfavorit ist gestolpert, der Durchmarsch damit erstmal gestoppt - und die Spannung im Titelrennen mit einem Schlag gestiegen.

Das sieht auch Ottmar Hitzfeld so. Der heutige Nationaltrainer der Schweiz, der mit dem Rekordmeister einst fünf Meisterschaften gewann, drei Mal den DFB-Pokal holte und große Triumphe in Champions League und Weltpokal feierte, hat für bundesliga.de die aktuelle Situation analysiert und erwartet bis auf weiteres einen Dreikampf um die Spitze (Tabelle): "Der FC Bayern, Borussia Dortmund und der FC Schalke 04: Diese drei Mannschaften werte ich - nicht nur wegen der Teilnahme an der Champions League - als die mit Abstand stärksten Mannschaften in Deutschland", sagt der 63-Jährige.

Der ewige Topfavorit

Satte 24 Punkte hat der FC Bayern München nach neun Partien auf der Habenseite. Dennoch ist der Vorsprung auf den FC Schalke 04 durch das 1:2 gegen die "Werkself" erstmal auf nur vier Zähler geschmolzen - ein Fernglas haben die Verfolger damit nicht mehr nötig. Allzu viele Ausrutscher darf sich der Rekordmeister nicht mehr erlauben, denn das Restprogramm hat es in sich.

Die sieben Duelle, in denen das Team von Trainer Jupp Heynckes in der Vorsaison als Verlierer vom Platz gegangen ist, stehen nämlich alle noch aus. Als da wären jeweils zwei direkte Aufeinandertreffen mit Titelverteidiger Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach sowie die schweren Auswärtsaufgaben gegen Bayer Leverkusen, Hannover 96 und den 1. FSV Mainz 05.

Die erste Saisonniederlage muss daher längst nicht die letzte sein, meint Hitzfeld. Im Gegenteil, die nächsten Gegner dürften nun Morgenluft wittern: "Leverkusen hat gezeigt, dass die Bayern bezwingbar sind. Das bereichert die Liga, denn für die kommenden Gegner der Münchner ist das eine große Motivation. Es wäre doch auch langweilig, wenn ein Team permanent mit sieben Punkten Vorsprung auf Schalke und zwölf Punkten auf Dortmund an der Spitze thronen würde." In den vergangenen vier Spielzeiten wurde diejenige Mannschaft, die nach neun Spieltagen auf Platz 1 stand, übrigens nie Meister.

Die schärfsten Verfolger

Bayern hat die Bundesliga lange nahezu nach Belieben dominiert. In den vergangenen Jahren hat die Konkurrenz aber mächtig aufgeholt und vor allem an Konstanz gewonnen. "Bislang gab es hinter den Bayern in der Bundesliga keine konstante Größe. In der Vergangenheit haben sich Mannschaften für die Champions League qualifiziert, die in der Vorsaison vielleicht auf Rang 10 gelandet sind. Es war ein fortwährender Konkurrenzkampf mit wechselnden Teilnehmern. Jetzt haben sich die Dortmunder aber durchgesetzt und behaupten als Deutscher Meister ihren Anspruch auf die Champions League. Ich gehe auch davon aus, dass der BVB in den kommenden Jahren in der 'Königsklasse' dabei sein wird" - Hitzfeld sieht die Schwarz-Gelben auf dem Weg zum neuen Dauerrivalen des Rekordmeisters.

Und das durchaus zu Recht, auch wenn die Mannschaft von Meistercoach Jürgen Klopp der Musik zu Saisonbeginn hinterherlief und darum neun Punkte Rückstand auf Platz 1 hat. Trotzdem sind die statistischen Werte des Titelverteidigers weiterhin herausragend, hat man etwa die zweitmeisten Tore geschossen (20), erstaunliche 13 davon durch Mittelfeldspieler erzielt und insgesamt nur zwei der elf Gegentreffer durch Stürmer zugelassen. Zudem hat der Double-Sieger schon in der Vorsaison acht Zähler aufgeholt.

Hingegen stuft Hitzfeld den FC Schalke 04 derzeit noch als die "dritte Kraft im Bunde" ein, die allerdings speziell in der Breite an Qualität zugelegt habe: "Sie haben den Kader kontinuierlich ausgebaut und verbessert. Diese Substanz von der Bank fehlte in den letzten Jahren." Der Blick auf die Tabelle untermauert diesen Befund, denn Rang 2 mit sechs Siegen, zwei Remis und nur einer Niederlage aus den ersten neun Spielen ist die zweitbeste Bilanz der Vereinsgeschichte.

Die Gründe dafür sind zahlreich, so sind die Gelsenkirchener nicht nur die zweikampfstärkste (53,5 Prozent gewonnene Duelle), sondern auch die fairste Mannschaft der Liga (109 Fouls) - unnötige Gefahr durch Standardsituationen für den Gegner wird also von vornherein vermieden. Davon abgesehen bestechen die "Königsblauen" mit blitzsauberen Kontern (sechs Tore) und glänzen sowohl im Torabschluss - im Durchschnitt ist jeder siebte Schuss ein Treffer - als auch im Passspiel (nur 17 Prozent Fehlpässe) mit großer Präzision. Außerdem haben sich schon elf verschiedene Akteure in die Torschützenliste eingetragen - das ist ligaweit der Topwert und demonstriert die Unberechenbarkeit der "Knappen".

Die potenziellen Überraschungsmeister

Eigentlich müsste man Eintracht Frankfurt von der Tabellenkonstellation her noch vor Dortmund als Bayern-Verfolger herausheben. Allerdings gilt die Konzentration des Aufsteigers erst einmal der 40-Punkte-Marke für den Klassenerhalt. Für Hitzfeld stehen die Hessen aktuell dennoch völlig verdient auf Platz 3: "Die Eintracht ist völlig zu Recht oben mit dabei, denn sie spielen einen sehr attraktiven Fußball. Ein Verdienst von Trainer Armin Veh und dem Management, die gute Transfers getätigt haben. Ob es am Ende für Europa reicht, wird man sehen."

Dafür, dass es eventuell sogar zum ganz großen Coup kommen und Alex Meier und Co. die Meisterschale holen könnten, spricht gerade die enorme Heimstärke der "Adlerträger", die in der Commerzbank-Arena 13 von 15 möglichen Punkten eingefahren und dabei schon gegen drei Europacup-Teams gespielt haben (Ergebnisse).

Im vorderen Drittel bleibt aber auch sonst alles sehr eng. "Hinter den drei Topteams ist alles möglich, denn dort ist die Leistungsdichte eng beieinander. Von Platz 4 bis 14 - innerhalb von wenigen Spieltagen kann sich dort viel im Ranking ändern. Für die derzeitigen Teilnehmer an der Europa League ist es schwierig, der Belastung standzuhalten. Stuttgart, Hannover, Leverkusen oder auch Mönchengladbach haben in der Breite nicht die Qualität wie Bayern, Dortmund oder Schalke. Das macht sich dann schnell bemerkbar und damit muss man umgehen können. Denn durch den Wechsel mit den Spielen am Donnerstag in der Europa League und am Sonntag in der Bundesliga wird der normale Alltag mit den Partien am Samstag gestört. Das ist nicht einfach zu verkraften."

Hier liegt vielleicht auch die große Chance für international gar nicht aktive Teams wie eben die SGE oder den Hamburger SV, die sich unter der Woche "ausruhen" und intensiv vorbereiten dürfen, um das Feld dann womöglich im Frühjahr von hinten her aufzurollen - das Vorbild des VfL Wolfsburg aus der Saison 2008/09 lässt grüßen. Favoritensieg, Dreikampf oder Überraschungsmeister - es bleibt auf alle Fälle spannend!


Von Stefan Missy und Michael Reis