Darmstadt - Nach drei Spielen noch ungeschlagen - das ist eine Bilanz, die sich wahrlich sehen lassen kann für Aufsteiger Darmstadt 98. Großen Anteil daran hat nicht zuletzt Marcel Heller, der die Gegner dank seiner enormen Schnelligkeit immer wieder vor Probleme stellt. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Heller, dem sogar ein Song gewidmet wurde, über die sagenhafte Entwicklung des Clubs in den vergangenen zwei Jahren, über den besonderen Mannschaftsgeist der Lilien und über seinen neuen Kult-Status.

bundesliga.de: Herr Heller, Darmstadt ist eins von nur fünf Teams, die nach drei Spieltagen noch ungeschlagen sind; das ist weit mehr als man Ihrer Elf zugetraut hat und dürfte kaum nur Glück gewesen sein...

Marcel Heller: Das haben uns in der Tat wohl nur die allerwenigsten zugetraut. Wir wissen zwar, dass wir in der einen oder anderen Situation etwas Glück hatten, insgesamt aber haben wir uns diese drei Punkte redlich verdient. Natürlich wäre es noch schöner gewesen, wenn wir vielleicht eins dieser drei Spiele gewonnen und damit noch zwei Punkte mehr auf dem Konto hätten. Aber wir können auch mit drei Unentschieden sehr gut leben. Und die aktuelle Länderspielpause nutzen wir, um an den kleinen Fehlern, die wir noch machen, zu arbeiten.

bundesliga.de: Sind Sie selbst ein wenig überrascht, wie gut es läuft?

Heller: Wir selbst haben uns das schon zugetraut, weil wir wissen, was wir in den vergangenen beiden Jahren bereits geleistet haben. Natürlich gibt es Mannschaften, die weitaus besser Fußball spielen können als wir. Wenn wir aber unsere Stärken einbringen, den Kampf und die Leidenschaft, können wir auch in der Bundesliga mithalten. Werfen wir diese Stärken in die Waagschale, machen wir es zumindest vielen Gegnern schwer uns zu schlagen. Das hat man in den ersten drei Spielen gesehen.

"Wir sind eine verschworene Gemeinschaft"

bundesliga.de: Eine Mannschaft, die eigentlich nur noch viertliga-tauglich war, hat sich in nur zwei Jahren die Bundesliga-Reife erarbeitet; das scheint mehr als nur ein kleines Fußball-Wunder...

Heller: Das ist unglaublich, oder?! Vor zwei Jahren waren wir de facto viertklassig. Lediglich der Lizenzentzug für Offenbach hat damals verhindert, dass wir in die Regionalliga absteigen mussten. Was in der Folge passiert ist, das ist für mich fast so etwas wie ein neues kleines Weltwunder. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass wir sowohl in der 3. Liga als auch in der 2- Bundesliga den geringsten Etat aller Teams hatten. Und doch haben wir es durch unseren unbändigen Willen und weil es in der Mannschaft immer von vorne bis hinten gepasst hat geschafft, zweimal in Folge aufzusteigen. Unglaublich!

bundesliga.de: Ist dieser Zusammenhalt die größte Stärke von 98?

Heller: Ja. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Das Trainer-Team hat diese Mannschaft so zusammengestellt, dass es charakterlich hundertprozentig passt. Bei uns kommt jeder mit jedem hervorragend aus, und auch in der Freizeit unternehmen wir immer wieder etwas zusammen.

bundesliga.de: Ist das ungewöhnlich im Profi-Fußball?

Heller: Mir steht es nicht zu über andere Teams zu urteilen. Ich kann mir aber vorstellen, dass eine Gemeinschaft auf eine harte Prüfung gestellt wird, wenn Spieler dazu geholt werden, die vielleicht einen größeren Namen haben oder gar bereits Stars sind und deshalb für sich etwaige Privilegien einfordern. Das gibt es bei uns nicht. In den vergangenen zwei Jahren sind für die Spieler, die zu uns gekommen sind, kaum einmal Ablösesummen geflossen. Die meisten, die geholt wurden, waren bei ihren Ex-Clubs hinten dran oder aber ihre Karriere stand sogar ganz auf der Kippe. Bei uns lässt keiner den Superstar heraushängen.

"Bin auf "Heller ist schneller" ein bisschen stolz"

bundesliga.de: Nicht nur weil Sie Darmstadts erstes Bundesliga-Tor seit 33 Jahren erzielt haben, sind Sie nun aber in aller Munde, und eine Band hat Ihnen sogar einen Song, "Heller ist schneller", gewidmet; fühlen Sie sich damit ein wenig überfordert?

Heller: Nein. Ich bin darauf sogar ein bisschen stolz. Und ich weiß, wie ich mit diesem Rummel umgehen muss. Schließlich bin ich schon ein paar Jahre dabei und weiß, wie schnell es wieder in die andere Richtung gehen kann. Ich versuche von Tag zu Tag meine Leistung abzurufen und der Mannschaft im Spiel zu helfen. Für uns alle zählt nur der Erfolg der Mannschaft. Wenn es für den Einzelnen dann auch noch besonders gut läuft, umso schöner.

bundesliga.de: Trifft "Heller ist Schneller" Ihren musikalischen Geschmack?

Heller: Ich habe mich mit den Jungs der Band schon unterhalten. Ganz mein Geschmack ist das normalerweise nicht, ich bin eigentlich eher im Hiphop- und R&B-Bereich unterwegs. "Heller ist schneller" ist dagegen eher rockiger, aber dennoch wirklich sehr cool. Und auf den Musikstil kommt es hier ohnehin nicht an. Es ist einfach eine ganz tolle Sache, dass mir jemand einen Song widmet, nur weil ich beim Fußball etwas schneller laufe als andere.

"B04, FCB, BVB - eigentlich sind wir chancenlos"

bundesliga.de: Aktuell sind Sie einer der schnellsten Spieler der Bundesliga; gibt es überhaupt eine Möglichkeit Sie ohne Foul zu stoppen?

Heller: Natürlich (lacht). Man konnte bereits gegen Hoffenheim sehen, dass es sehr schwierig werden kann, wenn sich ein Gegner gut auf uns einstellt. Für mich ist es gut, wenn ich den Ball in den Fuß gespielt bekomme und ein wenig Platz habe, um Geschwindigkeit aufnehmen und mit Tempo auf den Gegenspieler zulaufen zu können. Stellt man aber die Räume zu, ist es natürlich schwieriger, in diese Räume zu starten und den Gegenspieler so zu überraschen. Damit, dass man sich auf unsere Stärken einstellen wird, müssen wir klar kommen. Und ich muss versuchen meine Schnelligkeit auf anderem Weg einzubringen, um so Lücken zu reißen.

bundesliga.de: Denken Sie bisweilen wehmütig darüber nach, was angesichts Ihres Talents - Sie haben u. a. elf Mal für die U21-Nationalmannschaft gespielt - aus Ihnen hätte werden können, wenn Sie etwas mehr Glück und weniger Verletzungen gehabt und einige Entscheidung anders getroffen hätten?

Heller: Ich kann nicht leugnen, dass man hin und wieder mal darüber nachgedacht hat, warum es früher nicht so geklappt hat, was schief gelaufen ist und was heute anders sein könnte, wenn ich z. B. nicht ein Jahr lang mit einer schweren Rückenverletzung ausgefallen wäre. Damit klar zu kommen war nicht immer einfach. Trotzdem habe ich nie aufgegeben und weiter an mich geglaubt, und dieser Wille zahlt sich jetzt aus. Jetzt möchte ich dieses tolle Gefühl, in der Bundesliga spielen zu dürfen, so lange wie möglich genießen.

bundesliga.de: Mit Leverkusen, den Bayern, und Dortmund folgen jetzt ganz dicke Brocken...

Heller: Betrachtet man diese Paarungen auf dem Papier, sind wir eigentlich chancenlos. Diese Spiele sollte jeder von uns einfach nur als Geschenk ansehen. Das heißt aber nicht, dass wir uns willenlos ergeben werden. Wir wollen versuchen, es auch diesen Gegnern mit unseren eigenen Stärken so schwer wie möglich zu machen und vielleicht auch selbst den einen oder anderen Angriff zu fahren. Vielleicht gelingt uns in einem dieser drei Spiele ja erneut eine Überraschung!

Das Gespräch führte Andreas Kötter