Köln - Der VfB Stuttgart ist in der Bundesliga die Mannschaft der Stunde. Mit vier Siegen in Folge verabschiedeten sich die Schwaben von den Abstiegsplätzen Richtung Mittelfeld. Im Interview mit bundesliga.de spricht VfB-Legende Hansi Müller (Europameister von 1980) über die Gründe für den Aufschwung des Traditionsvereins und die Rolle, die Trainer Jürgen Kramny dabei spielt.

bundesliga.de: Herr Müller, der VfB Stuttgart ist die beste Rückrunden-Mannschaft und hat die letzten vier Bundesliga-Spiele in Folge gewonnen. Wie überraschend kommt der sportliche Aufschwung für Sie?

Hansi Müller: Ich bin sicher nicht der Einzige, der überrascht ist. Es war nicht damit zu rechnen, dass die Mannschaft so einen Lauf hat. Die Basis dafür ist, dass der VfB mit Jürgen Kramny nun einen Trainer hat, der aufgrund seiner Vergangenheit den Verein sehr gut kennt. Er war hier Profi und wurde Meister. Er hat der Mannschaft wieder die Basics vermittelt, die wichtig sind. Außerdem ist es ihm gelungen, auch den Spaßfaktor wieder reinzubringen.

bundesliga.de: Was ist unter Jürgen Kramny besser geworden?

Müller: Die Mannschaft ist stabiler geworden, hinten brennt nicht mehr so viel an. Er macht das, was in dieser Situation absolut Sinn gemacht hat. Man muss gucken, was an Spielermaterial vorhanden ist und versuchen, darauf ein Spiel aufzubauen und eine Strategie zu entwickeln. Das Problem bei seinem Vorgänger Alexander Zorniger war, dass der zu lange probiert hat, mit der Mannschaft einen bestimmten Fußball zu spielen, mit dem sie letzendlich nicht mehr klar gekommen ist. Genau das Gegenteil ist nun der Fall. Die Mannschaft spielt das, was sie kann. In der Mannschaft stecken ja auch tolle Fußballer, die jetzt deutlich mehr als vorher ihr Potenzial abrufen.

"Es besteht noch kein Anlass zu Euphorie"

bundesliga.de: Machen Sie den Aufschwung also vor allem am Trainer fest?

Müller: Die Spieler sind irgendwann ein bisschen angefressen, wenn die Ergebnisse nicht da sind. Und wenn denn einer wie Alexander Zorniger sein Ding weiter knallhart durchzieht, trägt das nicht dazu bei, dass die Spieler "bessere Laune" bekommen. Denen stinkt das auch. Dieser Faktor ist nun weg. Die Mannschaft spielt etwas befreiter und lockerer. Mit den Erfolgserlebnissen nehmen diese Lockerheit und das Selbstvertrauen zu. Auch im Pokalspiel gegen Dortmund hatte der VfB bei allem Respekt vor der Klasse des BVB vor allem in der zweiten Halbzeit seine Möglichkeiten. Unterm Strich war Dortmund der verdiente Sieger, aber so groß war der Unterschied nicht.

bundesliga.de: Wie stabil ist das neue Gebilde? Kann so eine Niederlage im Pokal einen Rückschlag bedeuten?

Müller: Ein Rückschlag wäre es gewesen, wenn Dortmund den VfB an die Wand gespielt hätte. Aber so ist das Gegenteil der Fall. Einerseits hat die Mannschaft gegen Dortmund die Leistungen zuvor bestätigt. Zum Zweiten hat die Niederlage gezeigt, dass in Stuttgart noch kein Anlass zur Euphorie besteht. Nach wie vor muss jeder Punkt und jeder Sieg hart erarbeitet werden. Wenn ich sehe, wo Hertha BSC heute steht und weiß, dass die Berliner im letzten Jahr auch bis zum letzten Spieltag im Abstiegskampf in der Verlosung waren, dann ist es ein Grund mehr, auf der Hut zu sein, weil die Berliner am Samstag mit einer breiten Brust in Stuttgart auflaufen werden (zur Vorschau).

"Großkreutz spielt immer am Limit"

bundesliga.de: Wie bewerten Sie den Transfer von Kevin Großkreutz? Macht er den VfB stärker?

Müller: Kevin ist erst einmal ein Typ und einer, der vorangeht. Ich habe einen Freund in Hagen, der jedes Heimspiel der Borussia sieht. Der hat mir zur Verpflichtung von Großkreutz gratuliert und gesagt hat: "Jetzt habt ihr einen ehrlichen Malocher und Arbeiter, der kämpfen und noch dazu auch kicken kann. Der Typ wird eurer Mannschaft gut tun." Das hat sich bisher bestätigt. Er muss nur aufpassen, dass er nicht vom Einsatzwillen überzieht. In Frankfurt hätte er auch rot sehen können. Es wäre blöd, wenn er nach ein paar Spielen schon gesperrt wäre. Er muss sich besser im Griff haben. Er spielt immer am Limit. Und er ist natürlich auch glücklich, dass er nach längerer Zeit wieder regelmäßig spielen darf. Er hat Bock auf Fußball und will das auch zeigen. Das motiviert ihn zusätzlich.

Video: Patrick Owomoyela trifft Kevin Großkreutz

bundesliga.de: Spieler wie Christian Gentner oder Daniel Didavi präsentieren sich in guter Form, ein Daniel Ginczek kommt bald zurück. Wie ist die Qualität des Kaders insgesamt einzuschätzen? Was ist für den VfB in dieser Saison noch drin?

Müller: Grundsätzlich ist es gut, dass wieder eine Konkurrenzsituation da ist, wenn alle Spieler wieder an Bord sind. Im Moment läuft es auf einen Mittelfeldplatz hinaus. Wir haben jetzt 24 Punkte auf dem Konto und noch 14 Spiele. Mit drei Siegen und zwei, drei Unentschieden bist du aus dem Abstiegskampf raus. Je früher wir das schaffen, umso besser können wir auch die nächste Saison planen. In den letzten beiden Jahren war es so, dass wir bis zum Mai abwarten mussten, wie es weitergeht. Es würde dem VfB nach längerer Zeit gut tun, frühzeitig den Klassenerhakt zu schaffen. Wenn der VfB den Mittelfeldplatz schafft und die Weichen für die neue Saison rechtzeitig stellt, dann kann es auch wieder gelingen, sich Richtung oberes Tabellendrittel zu orientieren. Das muss der Anspruch in Stuttgart sein.

bundesliga.de: Am Samstag empfängt der VfB Stuttgart den Überraschungsdritten Hertha BSC. Mit was für einem Spiel rechnen Sie?

Müller: Im Moment muss man ein bisschen Angst haben, dass uns quasi unser "eigene Mann", der Vedad Ibisevic, ein Ei ins Netz legt. Das wäre nicht so schön. Er wird doppelt motiviert sein, weil er von Alexander Zorniger beiseite geschoben wurde. Für ihn wird es kein 08/15-Spiel, sondern ein ganz besonderes. Auf ihn muss die Innenverteidigung aufpassen. Das könnte das Zünglein an der Waage sein.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

Vorschau: VfB Stuttgart - Hertha BSC