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Merlin Polzin ist erst der dritte echte Hamburger als Coach des HSV
Merlin Polzin ist erst der dritte echte Hamburger als Coach des HSV - © HENNING KRETSCHMER
Merlin Polzin ist erst der dritte echte Hamburger als Coach des HSV - © HENNING KRETSCHMER
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Notizen eines Aufsteigers

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Schon als Jugendtrainer begann Merlin Polzin mit schriftlichen Aufzeichnungen zum Fußball, um sich zu verbessern. Jahre später führte er seinen Herzensclub Hamburger SV zurück in die Bundesliga. Seine Stichpunkte von damals dienen ihm noch heute.

Es klingt wie der Titel eines Kriminalromans: "Das dritte Zimmer". Es ist aber nur eine Sprachwendung, die Merlin Polzin und seine Freundin für den Raum neben Wohn- und Schlafzimmer in ihrer Wohnung benutzen. Das dritte Zimmer ist ihr Allzweckraum, ein Schreibtisch findet sich dort genauso wie Fitnessgeräte. Warum hier allerdings auch noch die teilweise über zehn Jahre alten Aktenordner mit Merlins Fußballaufzeichnungen stehen müssen, hat ihn seine Partnerin schon häufig gefragt. "Da schaust du doch nie mehr rein!", sagt sie.

Ein Mann, der alte Dokumente hortet, und eine Frau, die sich über die Staubfänger ärgert, das ist ein geradezu klassischer Konflikt des menschlichen Zusammenlebens. Doch ehe Männer, die jahrzehntealte Gebrauchsanweisungen und längst abgelaufene Autoversicherungen aufheben, in Merlin Polzin ihresgleichen sehen, muss gesagt werden: Er nutzt seine Ordner tatsächlich noch. "Ich bin ein großer Fan davon, die Dinge bei der Trainerarbeit aufzuschreiben und mir die Notizen immer wieder anzuschauen", sagt er. "Ich lese mir gelegentlich auch noch durch, was ich vor zwölf Jahren als Assistenztrainer der U17-Jugendmannschaft des VfL Osnabrück notiert habe."

Manchmal bringen Polzin seine damaligen Erkenntnisse auf Gedanken, die ihm in seiner heutigen Trainerarbeit helfen. Manchmal entspannt ihn das Blättern in den alten Ordnern einfach. "Wenn ich etwa lese, wie ich als 23-Jähriger moniert habe, dass bei einem Trainerkollegen die Hütchen zur Begrenzung des Übungsspiels nicht ordentlich einfarbig waren. Da muss ich schmunzeln: Was für Probleme ich damals gesehen habe."

Merlin Polzin ist auch gerne draußen unterwegs - HENNING KRETSCHMER

Ein echter Hamburger bringt den Erfolg

Die norddeutsche Öffentlichkeit faszinierte in den zurückliegenden anderthalb Jahren, wie Merlin Polzin, ein nun 35-Jähriger, in seinem ersten Job als Profi-Cheftrainer den Hamburger SV nach sieben Jahren in die Bundesliga zurückführte und dann in dieser Saison auf den Weg zum Klassenerhalt brachte. Sieben etablierte Trainerkollegen hatten sich vergeblich am Aufstieg aus der 2. Bundesliga versucht, und dann gelang das Kunststück prompt dem echten Hamburger Polzin, der als Jugendlicher den HSV als Fan angefeuert hatte.

Seit 1963 die Bundesliga gegründet wurde, hatten zuvor nur zwei gebürtige Hamburger den HSV interimsmäßig als Trainer geführt, Ralf Schehr 1997 und Holger Hieronymus 2001 für jeweils zwei Spiele. In der Begeisterung über Polzin, den Jungen von nebenan, ging bisweilen unter, dass er den Posten nicht bekommen hat, weil er HSV-Fan war. Sondern weil er ein auffällig kreativer und akribischer Trainer ist. Was weniger in alten Aktenordnern als täglich bei der Arbeit zu erkennen ist.

Der Hamburger Coach pflegt einen guten Draht zu seinen Spielern - IMAGO/Maik Hölter/TEAM2sportphoto

Die Spaziergänger vom HSV

Merlin Polzin nimmt die Abkürzung, einmal quer durch das leere Volksparkstadion, um von seiner Trainerkabine zur Loge auf der Westtribüne zu kommen, wo wir uns zum Gespräch treffen. Schon von Weitem ist er an seiner Statur und den beim Gang baumelnden Armen zu erkennen. Der Anblick, wie er da als einsamer Punkt durchs große, leere Stadion marschiert, weckt sofort Assoziationen mit einer seiner vielen kleinen, ungewöhnlichen Maßnahmen. Praktisch alle Profimannschaften machen nämlich am Vormittag vor einem Spiel einen Spaziergang durch die Natur, um Körper und Geist aufzufrischen.

Die Elf des Hamburger SV spazierte in dieser Saison vor den Heimspielen durch das noch menschenleere Volksparkstadion. An der Pressetribüne ging es los, hinüber auf die Stehränge der Fankurve, mal hinunter auf den Rasen, mal hinauf zu den Logen. Im besten Fall, hoffte Merlin Polzin, weckte es beim einen oder anderen Spieler die Vorfreude, hier in wenigen Stunden zu spielen, oder steigerte gar das Selbstvertrauen, weil unterschwellig die Verbindung zu der Arena wuchs, das Gefühl: Dies ist unser Stadion.

Mit Merlin Polzin läuft es beim HSV - IMAGO/Axel Kohring

Polzin lässt mitentscheiden

Solche kleinen kreativen Aktionen gehören bei Polzin und Co-Trainer Loic Favé, mit dem sich Polzin als Duo versteht, zum Alltag. Polzin verlieh ein, zwei Fußballern seines Teams halb spaßhaft den Titel "Head of Training", also quasi: Trainingsleiter. Völlig ernsthaft sollten sie dafür sorgen, die Kollegen im Training stets zügig von einer Übung zur nächsten mitzuziehen, damit die Trinkpause kurz und die Arbeitsintensität hoch blieb.

Merlin Polzin gab nach einem großen Sieg den Spielern nicht zwei Tage frei, sondern überließ es ihnen zu entscheiden, ob sie zwei Tage freimachen wollten. Er verlegte in einer sportlich prekären Situation die Teamsitzung ins Freie, ins Stadion, um durch den ungewöhnlichen Ort die Dringlichkeit der Lage zu untermalen. Solche Einfälle sind keine Zaubertricks, die allein Siege herauskitzeln. Wie bei allen Trainern bilden auch bei Merlin Polzin die klassischen Personal- und Taktikentscheidungen, die Menschenführung und das Vermitteln von Spielideen das Fundament seiner Arbeit. Aber die vielen originellen Details sorgen im besten Fall dafür, dass Spieler und Mitarbeitende angesteckt werden von der Arbeitsfreude und dem beflügelnden Gefühl, zu einer besonderen Gemeinschaft zu gehören.

Merlin Polzin bezieht bewusst immer wieder Spieler und Mitarbeitende in Entscheidungen ein, die qua Position nicht unbedingt in ihren Aufgabenbereich fallen. Die Idee vom Spaziergang im Stadion zum Beispiel kam dem Teambetreuer, der die Reisen und Tagesabläufe der Mannschaft organisiert.

Der Trainerberuf als Berufung

Siebzehn Jahre hat Merlin Polzin zunächst als Nachwuchscoach, dann als Assistenztrainer im Profifußball gelernt. Vier verschiedene Cheftrainer beim HSV vertrauten ihm als Co-Trainer, das spricht für seine Expertise. Wenn er nun, erstmals als Bundesliga-Trainer, vor Ideen sprüht, wirkt das nicht aufgesetzt oder angelernt, sondern wie die Kreativität eines Mannes, der im Trainerberuf seine Berufung gefunden hat. Er spürte dieses innere Feuer erstmals mit siebzehn, als er bei seinem Heimatverein im Hamburger Stadtteil Bramfeld fünf- und sechsjährige Kinder trainierte. "Da habe ich meine größte Leidenschaft entdeckt: mit jungen Menschen zu arbeiten", eine Gruppe zu formen, die gern und erfolgreich zusammenarbeitet.

Dies ist ein Auszug aus dem Porträt über Merlin Polzin in Ausgabe 2|2026 von BUNDESLIGA – Das Magazin der DFL. Im vollständigen Text blickt Polzin auch zurück auf seine Zeit als jugendlicher HSV-Fan und warum es ihm damals eine Identität gegeben hat, mit Freunden zu Auswärtsspielen zu fahren. Hier geht es zum ePaper.

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