
Vom Fehlstart zur Erfolgsserie: Wie der HSV die Kritiker verstummen lässt
Drei Niederlagen, null Punkte, kein einziges Tor: Während bei anderen Vereinen nach einem derart schwachen Saisonstart erste Zweifel am Trainer aufkommen, setzte der Hamburger SV ein komplett gegenteiliges Zeichen und verlängerte den Vertrag mit Merlin Polzin. Nur einen Monat später sieht die Welt beim HSV schon wieder ganz anders aus.
Auch wenn die Vertragsverlängerung von Merlin Polzin bereits absehbar war, kam sie angesichts des desaströsen Saisonbeginns des Hamburger SV für den einen oder anderen doch überraschend. Nach zwei 0:5-Niederlagen in Folge, aus denen sich offensiv wie defensiv kaum positive Erkenntnisse ziehen ließen, äußerten erste Kritiker trotz des frühen Saisonzeitpunkts ernsthafte Zweifel an der Bundesliga-Tauglichkeit der Norddeutschen.
Nur drei Spieltage später sind von diesen Zweifeln kaum noch Spuren zu finden. Der Grund liegt auf der Hand: Drei mitreißende Siege gegen Köln, in Hoffenheim und zuletzt gegen Stuttgart sprechen für sich. Dabei scheint sich der HSV auch von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Hamburg trotzt den Rückschlägen
Diese gab es vor allem bei der TSG Hoffenheim. Als der im Sommer neu ernannte Kapitän Nicolai Remberg verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste, verlor der HSV in der Folge seine Führung. Doch die Rothosen kämpften sich zurück und drehten die Partie dank später Treffer von Terem Moffi und Miro Muheim, der für Remberg eingewechselt worden war.
Noch am selben Abend folgte für die Hanseaten die nächste Hiobsbotschaft: Rembergs Diagnose bestätigte einen Kreuzbandriss. Ausgerechnet jener Spieler, der laut Polzin genau das "verkörpert, was den neuen HSV ausmachen soll", wird den Hamburgern damit monatelang fehlen.
Doch auch dieser Rückschlag scheint die Mannschaft nicht aus dem Tritt zu bringen – im Gegenteil: Der 1:0-Sieg gegen Champions-League-Teilnehmer VfB Stuttgart war gleich in mehrfacher Hinsicht ein echtes Statement.
Plötzlich läuft's beim HSV
Zunächst bewies Muheim, dass sein Distanztreffer in Hoffenheim kein "Ausrutscher" gewesen ist: Nach einem Bilderbuchkonter legte sich der defensive Mittelfeldmann den Ball zurecht und jagte ihn aus über 25 Metern raketenartig ins rechte Eck. "Es fühlt sich für mich unglaublich an und ich habe es noch nicht so richtig realisiert. Die Gefühle kommen wohl erst, wenn ich später zu Hause bin", erklärte Muheim im Nachgang seine Gefühlslage.
Zugleich bescherte dieser aus purer Überzeugung entstandene Treffer dem HSV den dritten Sieg in Folge – eine Serie, die den Hamburgern innerhalb einer Saison zuletzt vor knapp 16 Jahren gelungen war. Vier Siege am Stück feierten die Rothosen zuletzt vor 17 Jahren, in der Saison 2009/10 unter Trainer Bruno Labbadia.
Darüber hinaus scheinen die Hanseaten den Unentschieden-Fluch aus der Vorsaison vorerst abgelegt zu haben. 2025/26 spielte kein Verein öfter remis als der HSV: Gleich elfmal teilten sich die Hamburger die Punkte, allein siebenmal in der Rückrunde. In dieser Spielzeit gelingt es ihnen dagegen offenbar, aus einer vermeintlich sicheren Punkteteilung noch einen Sieg zu machen.

Die Gründe für den Umschwung
Und als wäre all das nicht schon genug, kletterten die Rothosen dank ihres ersten Zu-Null-Siegs der Saison erstmals in dieser Spielzeit in die oberen Tabellenhälfte. Seit dem Bundesliga-Aufstieg im Sommer 2025 waren die Hamburger noch nie besser platziert.
Der HSV erspielte sich mehr Chancen, ließ weniger gute Möglichkeiten zu und legte pro Partie im Schnitt über zwei Kilometer mehr zurück als an den ersten drei Spieltagen. Woher diese enorme Leistungssteigerung rührt, weiß der zuletzt zweifache Matchwinner Muheim: "Nach dem schwierigen Start in die Saison sind wir klar und bei uns geblieben. Wir wussten, in welchen Bereichen wir besser werden müssen, und haben daran Woche für Woche geschraubt. Daran müssen wir weiterarbeiten. Jetzt kommt das nächste Spiel und auch dieses wollen wir gewinnen."
Zu Gast beim Aufsteiger
Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich am 7. Spieltag, wenn der Hamburger SV beim Aufsteiger SC Paderborn 07 gastiert. Nach den Duellen mit den beiden Europapokalteilnehmern Hoffenheim und Stuttgart wartet mit dem SCP auf Muheim und Co. zumindest auf dem Papier ein vermeintlich leichterer Gegner.
Mit einem Sieg in Paderborn würden die Hamburger erstmals seit Beginn der Saison 2017/18 wieder eine positive Bundesliga-Bilanz aufweisen, also mehr Siege als Niederlagen auf dem Konto haben.
Gelingt dem HSV dieser Coup, dürften die anfangs erwähnten Kritiker, die an der Bundesliga-Tauglichkeit der Hamburger zweifelten, fürs Erste endgültig verstummen. Oder, wie es Cheftrainer Polzin nach dem Sieg gegen Stuttgart formulierte: "Die Mannschaft hat ausgestrahlt, dass der HSV mit seiner Art in der Bundesliga bestehen kann."