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Nicolai Remberg und der HSV sind im Aufwind
Nicolai Remberg und der HSV sind im Aufwind - © IMAGO/Oliver Ruhnke
Nicolai Remberg und der HSV sind im Aufwind - © IMAGO/Oliver Ruhnke
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"Sind in unserem Flow" – die Gründe für den HSV-Aufschwung

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Der Hamburger SV zählt zu den formstärksten Teams der Bundesliga. Das sind die Gründe für den Aufschwung der Rothosen.

Es war ein holpriger Start für den Hamburger SV in die Bundesliga-Saison 2025/26: Nach einem 0:0 in Gladbach verloren die Rothosen 0:2 im Stadtderby gegen St. Pauli und 0:5 bei den Bayern. Die ersten Stimmen wurden laut, ob der HSV dem Oberhaus nach sieben Jahren 2. Bundesliga wieder gewachsen sei. Doch das Team von Trainer Merlin Polzin gewöhnte sich – verstärkt mit zwei, drei später dazustoßenden Neuzugängen – schrittweise an das Niveau der Bundesliga. Nach 22 Spieltagen und Platz 9 (die beste Platzierung bislang) kann man festhalten: Die Hamburger sind ihr gewachsen!

Bei 25 Punkten sind die Hanseaten sogar nur sechs Punkte von Platz sieben entfernt – einem potenziellen Europapokal-Platz. Der HSV zählt zu den formstärksten Mannschaften, seit fünf Partien ist er ungeschlagen und gewann zuletzt zweimal in Serie. Drei Bundesliga-Siege nacheinander gelangen den Hanseaten innerhalb einer Saison letztmals vor 15 Jahren, damals war noch Armin Veh der Trainer und Stars wie Rost, Zé Roberto, van Nistelrooy, Petrić oder Trochowski standen auf dem Platz.

"Das ist schon richtig gut"

"Wir sind in unserem Flow würde ich sagen. Fünf Spiele ungeschlagen, so kann man ins Jahr starten. Das ist schon richtig gut", sagte Nicolai Remberg im ZDF-Sportstudio nach dem 3:2 über den 1. FC Union Berlin. In der Rückrunde ist Hamburg neben Dortmund als einziger Bundesligist noch ohne Niederlage. Die letzten beiden Dreier gegen Heidenheim und Union waren Bigpoints im Kampf um den Klassenerhalt, für den in der derzeitigen Verfassung vieles spricht.

Erstmals in dieser Spielzeit stehen die Rothosen satte acht Punkte vor einem direkten Abstiegsplatz, und auch Rang 16 ist mit sechs Punkten so weit entfernt wie nie zuvor. Am 23. Spieltag könnte mit einem Sieg in Mainz ein weiterer großer Schritt in Richtung Ligaverbleib gemacht werden.

Ransford-Yeboah Königsdörffer jubelt nach dem dritten Tor der Rothosen gegen Union - Selim Sudheimer

Offensive kommt zunehmend in Gang

Was sind die Gründe für den Aufschwung der Rothosen? Zuletzt ganz deutlich die Offensive. Nachdem der HSV im Angriff lange Zeit recht ruckelig unterwegs war, wurden zuletzt die Schleusen geöffnet: In den vergangenen drei Spielen schossen die Hamburger immer mindestens zwei Tore. Insgesamt waren es in diesem Zeitraum sieben Treffer (nach 17 in den ersten 18 Partien).

Die Hanseaten wirken im Spiel nach vorne wie befreit, erspielen sich mehr und bessere Chancen als bis zum 19. Spieltag und nutzen diese nun deutlich besser: Die Abschluss-Effizienz vom ersten bis zum 19. Spieltag lag bei -0,11, nun liegt sie bei 0,36. Während man in der erstgenannten Periode 13,5 Torschüsse pro Tor benötigte, sind es nun lediglich 5,9. Nur die Topteams Bayern, Dortmund und Leverkusen trafen an den vergangenen drei Spieltagen öfter.

Konter als Stilmittel

"Nach dem Gegentor haben wir gesehen, wofür unsere Mannschaft steht. Das 1:1 ist astrein herausgespielt", beschrieb Merlin Polzin die Szene, in der Spielgestalter Fábio Vieira nach einem Ballverlust der Unioner den Ball durch die Mitte trieb, Startelf-Rückkehrer Robert Glatzel quer anspielte und der das Auge für den rechts freistehenden Torschützen Ransford-Yeboah Königsdörffer behielt. Ein blitzsauberer Konter.

Genau dafür steht der HSV in dieser Saison. An den vergangenen beiden Spieltagen in Heidenheim und gegen Union gelangen je zwei Kontertore. Insgesamt netzten die Rothosen auf diese Art und Weise neunmal in dieser Spielzeit – das ist Ligaspitze, gleichauf mit dem FC Bayern. Im Schnitt erzielten sie mehr als jedes dritte Tor nach einem Konter (neun von 24). Vor allem der angesprochene Königsdörffer ist hier eine echte Waffe: Er traf bei seinen drei Toren in den letzten beiden Partien jeweils nach schnellen Gegenstößen.

Erfolgstrainer Merlin Polzin - IMAGO/Justus Stegemann

HSV überrumpelt Union

Das Trainerteam um Merlin Polzin hat die Philosophie des Aufsteigers mit Beginn der Saison angepasst: Während der HSV in der 2. Bundesliga für einen dominanten, ballbesitzorientierten Spielstil bekannt gewesen war, legt er in der Bundesliga den Fokus auf Umschaltspiel. Nur zwei Mannschaften gaben mehr Torschüsse nach Kontern ab als Hamburg (24). Und auch im Umschalten nach Ballverlust sind die Rothosen spitze: Sie ließen nur ein Gegentor nach einem Konterangriff zu - Bestwert!

"Der HSV hat seine absolute Stärke im Umschaltspiel. Das machen sie richtig gut. Das hat nicht jede Mannschaft so gut drauf. Nicht nur, weil sie umschalten. Sondern, weil die Bälle auch ankommen", lobte Ex-Trainer Steffen Baumgart, der sich mit seinen Unionern im Volksparkstadion geschlagen geben musste.

Das Trainerteam um Merlin Polzin hat die Eisernen zudem mit einer taktischen Ausrichtung überrascht: Der HSV spielte mit einer verkappten Viererkette, in der Kapitän Nicolas Capaldo als eine Art Rechtsverteidiger immer wieder mit nach vorne stieß. Im Angriff kam Königsdörffer nicht wie erwartet über den Flügel, sondern bildete mit Glatzel eine Doppelspitze. Die Schachzüge gingen auf: Capaldo schoss sein erstes Bundesliga-Tor, während sich Königsdörffer für das beste Spiel seiner Bundesliga-Karriere mit sieben Torschüssen und einem Doppelpack belohnte.

Ohne Vušković in Mainz

Am Freitagabend wollen die Rothosen ihren Lauf bei den Mainzern fortsetzen. Das Hinspiel gewannen sie mit 4:0, damals trug sich Rayan Philippe doppelt in die Torschützenliste ein. Die Mainzer mussten zuletzt beim 0:4 in Dortmund einen Dämpfer hinnehmen. Einziger Wermutstropfen aus HSV-Sicht: Jungstar und Abwehrchef Luka Vušković fehlt wegen einer Gelbsperre. Aber auch dafür werden Polzin und Co. sicher eine Lösung finden.