München - Wolff-Christoph Fuss gehört zu den bekanntesten deutschen Fußballkommentatoren. Seit fast 15 Jahren kommentiert er Bundesliga-Spiele ebenso wie internationale Partien der Champions League oder Europa League. Nach Stationen bei Premiere, LIGA total! oder SAT1 arbeitet der 37-Jährige seit August 2012 wieder bei Sky Deutschland. Im Interview mit bundesliga.de spricht der beliebte Fußballfachmann über die Vormachtstellung der Bayern, die Systemalternativen von Bayern-Coach Pep Guardiola und mögliche Überraschungsteams.

bundesliga.de: Herr Fuss, im vergangenen Jahr holten der FC Bayern die Meisterschaft mit 25 Punkten Vorsprung auf Borussia Dortmund. Erwarten Sie wieder einen so klaren Ausgang?

Wolff-Christoph Fuss: Die 25 Punkte hin oder her. Ich glaube nicht, dass die Bayern ernsthaft in Bedrängnis kommen. Selbst sämtliche Zahlenwerte und der Kader belegen das, auch wenn die Bayern sagen, dass Anfang Juli die Uhren wieder auf Null gestellt werden und sie sich für die Vorsaison nichts kaufen können. Es gibt auch die Beispiele der letzten Jahre, als die Bayern auch den besten und teuersten Kader hatten und dann trotzdem von Borussia Dortmund an die Wand gelegt wurden. Aber ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, weil Pep Guardiola genau der richtige Impuls ist, der den Bayern gefehlt hat. Wenn er in der Lage ist, das soziale Gefüge annähernd so zu moderieren, wie es Jupp Heynckes letztes Jahr getan hat, dann dürfte es national keine Probleme geben. Selbst von Borussia Dortmund nicht, von der ich auch eine sehr gute Saison erwarte.

bundesliga.de: Pep Guardiola wird überall als Bereicherung der Bundesliga angesehen. In der Vorbereitung hat er sehr viel herumexperimentiert. Zu viel? Kann es Probleme geben, wenn am Anfang die Ergebnisse nicht stimmen?

Fuss: Das ist tatsächlich so. Er ist gut beraten, die ersten Spiele zu gewinnen oder zumindest nicht zu verlieren. Ansonsten entsteht tatsächlich Unruhe im Kader. Ich bin gespannt, wie der eine oder andere Spieler reagiert, wenn er sich auf der Bank wiederfindet und dann für Unruhe sorgt. Das ist mutmaßlich das größte Problem, das die Münchner haben. Alle Verantwortlichen gehen davon aus und wünschen sich, dass sich jeder einzelne professionell verhält. Insofern wissen sie schon, welche Probleme kommen könnten.

bundesliga.de: Es war ja auch überraschend, dass Pep Guardiola beim ersten Pokalspiel noch vor dem Bundesliga-Start auf seinen Kapitän Philipp Lahm verzichtete.

Fuss: Das wird wirklich spannend, wenn es irgendeinen der Heroes aus der Vorsaison erwischt, der dann nicht zum ersten Stamm gehört und es sich über Wochen herauskristallisiert, dass der nur immer ab der 60. Minute kommt und nach jedem Spiel von allen Verantwortlichen stark geredet werden muss. Wenn es dazu käme, könnte es ungesund werden.

bundesliga.de: Sie glauben an einen Durchmarsch der Bayern, den allerhöchstens Borussia Dortmund verhindern könnte. Sonst ist kein Team dazu in der Lage?

Fuss: Ein richtiges Überraschungsteam, das in den Kampf um die Meisterschaft eingreifen wird, werden wir wohl nicht erleben. So eine Nummer wie Wolfsburg 2009 oder Stuttgart 2007 halte ich für weitestgehend ausgeschlossen. Wenn es überhaupt einen Verein gibt, der ein Wort mitreden kann, dann ist es Borussia Dortmund. Man sollte sich vielleicht aber auch ein Stück weit davon verabschieden, dass die Bundesliga nur aus dem Titelrennen besteht. Es gibt so viele Faktoren, die mit hineinspielen. Wer wird Dritter, wer wird Vierter, wer steigt ab, wer kommt in die Europa League. Das zu tippen, halte ich für relativ unmöglich. Das ist der vielleicht eklatanteste Unterschied zu vielen anderen Ligen in Europa. Das ist nicht vorhersehbar, da kann wirklich jeder jeden schlagen. Das macht den Reiz der Bundesliga aus.

bundesliga.de: Der FC Bayern hat seinen Torjäger Mario Gomez abgegeben. Kommt der klassische Mittelstürmer aus der Mode?

Fuss: Das ist schwer zu sagen. In München ging es schlicht und ergreifend darum, neue Reizpunkte zu setzen. Es wird Tage geben, an denen sie ohne klassischen Mittelstürmer spielen werden. An anderen werden sie auf ihn zurückgreifen. Wenn das Ding nach hinten losgeht, findet man argumentativ schlüssige Gründe, warum es nicht funktioniert hat. Auf Bayern bezogen glaube ich, dass die individuelle Klasse und die individuelle Torgefahr so hoch ist, dass die Bayern tatsächlich eine Mannschaft sind, die auf einen klassischen Mittelstürmer verzichten kann. Das können die meisten anderen Teams nicht. Die sind auf eine offensive Tormaschine unbedingt angewiesen. Wenn man keinen Torjäger hat, der einem 15 Tore garantiert, hat man ein großes Problem, wenn man vorne mitspielen will. Die Bayern hatten in der letzten Saison vier Spieler mit einer zweistelligen Trefferquote. Bei den meisten anderen Vereinen gab es wenn überhaupt nur einen. Aber um auf die Frage zurückzukommen. Ich glaube nicht, dass der klassische Mittelstürmer aus der Mode kommen wird, kann mir aber vorstellen, dass die Bayern dann und wann auf ihn verzichten.

bundesliga.de: Sehen Sie in Guardiolas Umstellung der Mannschaft, nur mit einem Sechser zu spielen und Martinez in die Innenverteidigung zu stellen, eine Variante oder ist es mehr?

Fuss: Ich denke, dass das eine Variante ist, wenn man so viel Offensivpotenzial hat. Die Bayern müssen das Spiel eh von vorneweg angehen. Das größte Problem von Bayern München wird sein, kompakte Defensivreihen zu knacken. Da kann ich es nachvollziehen, dass ein Sechser ausreicht, der dann idealerweise so spielstark und abschlussstark ist wie ein Schweinsteiger oder Thiago. Das funktioniert hervorragend. Dann braucht man einen extrem spielstarken Innenverteidiger, der in der Lage ist, 50-Meter-Bälle in den Fuß zu spielen. Insofern ist es von der Logik her absolut nachzuvollziehen.

bundesliga.de: Die Bayern eröffnen die Saison mit einem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (Fr., ab 20 Uhr im Live-Ticker). In den letzten beiden Jahren konnten sie gegen den Gegner daheim nicht gewinnen. Es hätte einfachere Aufgaben für die Bayern zum Auftakt geben können.

Fuss: Das stimmt, weil die Borussia eine Mannschaft ist, die extrem gut organisiert ist, defensiv sehr gut steht. Das wird für die Bayern eine Hausnummer. Sie werden schon den ersten kleinen Hinweis bekommen, wie die Liga in dieser Saison ablaufen wird. Die Gladbacher werden eher nichts anbieten, aber sie sind aber auch von ihrer Offensivkraft so ausgelegt, dass sie über drei, vier Stationen umschalten und zum Torabschluss kommen können. Das wird für die Bayern ein Muster, wie es in diesem Jahr laufen wird.

bundesliga.de: Das zweite Topspiel des 1. Spieltags bestreitet der FC Schalke 04 gegen den Hamburger SV (So., ab 17 Uhr im Live-Ticker). Während es auf Schalke in der Sommerpause einigermaßen ruhig blieb, war in Hamburg einiges los. Wie schätzen Sie den HSV ein?

Fuss: Hamburg ist für mich eine klassische Wundertüte. Ich finde nicht, dass sie sich im Vergleich zur Vorsaison enorm verstärkt haben. Sie haben immer mal an den oberen Plätzen gerochen, was der Tatsache geschuldet war, dass die Liga im Mittelteil ein bisschen verrückt gespielt hat. Obwohl sie nach meinem Geschmack keine gute Saison gespielt haben, waren sie knapp am internationalen Wettbewerb. Sie haben jetzt eine Umwälzung auf der Sportdirektor-Position. Aber ansonsten hat sich im Kader nicht viel getan. Dass der HSV eine Mannschaft ist, die den unbedingten Anspruch haben muss, zumindest unter die ersten Sechs zu fahren, ist auch klar. Trotzdem ist das Ding, wenn man sich an den letzten Saisonstart erinnert, vollkommen in die Hose gegangen. Das könnte ein Krisenherd werden. Schalke ist von der Qualität so aufgestellt, dass es für die Top 4 reichen sollte.

bundesliga.de: Schalke hat den Mainzer Stürmer Adam Szalai verpflichtet. Kann er zusammen mit Klaas-Jan Huntelaar spielen? Passt das?

Fuss: Das würde ich situativ entscheiden. Ich glaube, in die Richtung geht auch Jens Keller. Szalai kann mit Huntelaar spielen. Das halte ich für relativ unproblematisch. Mit Julian Draxler dahinter hat Schalke neben Götze das größte Talent im deutschen Fußball. Warum nicht? Aber auch Schalke wird sich extrem angucken, gegen wen es geht. Für Schalke ist es keine Selbstverständlichkeit, Mannschaften wie Augsburg, Freiburg, Frankfurt oder Hannover zu schlagen, obwohl man sie von der individuellen Klasse schlagen müsste.

bundesliga.de: Wer könnte in dieser Saison eine Überraschungsmannschaft werden?

Fuss: Ich glaube, Hoffenheim hat auf den Pfad der Weisheit zurückgefunden, so ähnlich wie Gladbach vor zwei Jahren. Hoffenheim kann ein Player im Kampf um Platz 6 werden. Am Ende der vergangenen Saison hatte man das Gefühl, dass die mit ihrer Konzeption "Zurück zu den Wurzeln" wieder aufs Gleis gestellt wurden und wieder rund laufen. Die Relegation haben sie locker gewuppt. Auch so eine Mannschaft wie der VfL Wolfsburg ist traditionell ein Club, der sehr gut bezahlt. Die Frage ist, ob es die Spieler zurückzahlen. Das sind zwei Mannschaften, die um Platz 6 mitspielen könnten. Wenn wir nach unten gucken, muss man mal sehen, was in Bremen passiert. Ich bin sehr gespannt auf die beiden Aufsteiger Braunschweig und Hertha und auch auf den HSV.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

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