Warschau - Robert Lewandowski ging traurig vom Feld, die polnischen Fans rollten ernüchtert ihre Fähnchen ein - nur Przemyslaw Tyton lächelte ein wenig schelmisch. Der Ersatztorhüter des insgesamt enttäuschenden EM-Gastgebers hatte Sekunden nach seiner Einwechslung zumindest einen Fehlstart verhindert: Mit seiner bravourösen Elfmeter-Parade in der 71. Minute rettete er im Eröffnungsspiel ein 1:1 (1:0) gegen Griechenland. Aber das war wohl allen 38 Millionen Polen viel zu wenig.

Dem Dortmunder Double-Gewinner Lewandowski, der den Führungstreffer und damit das erste Tor der EM 2012 erzielt hatte (17.), schien es eine lästige Pflicht zu sein, sich bei den Fans zu bedanken. Ein historischer Abend sollte es werden, der erste Sieg Polens bei einer EM. Aber Dimitrios Salpingidis glich (50.) in Unterzahl für den "Partyschreck" Griechenland aus, Georgios Karagounis scheiterte an Tyton - und das war es. Am Ende blieb Ernüchterung.

"Das Unentschieden ist verdient



"Das Unentschieden ist verdient. Wir wollten mehr und sind enttäuscht. Es war unsere eigene Schuld", sagte Lewandowski, Polens Fußballer des Jahres und 22-maliger Torschütze für die Borussia in dieser Saison. Den Pokal für den "Man of the Match" nahm er mit säuerlicher Miene entgegen.

In der Tat war der Coup der Griechen, Europameister von 2004, der Lohn für die Moral und Angriffslust des Teams von Trainer Fernando Santos, das nach einem Platzverweis für Sokratis von Werder Bremen (44., Gelb-Rot) vorübergehend in Unterzahl spielen musste. Ab der 68. Minute waren dann auch die Polen dezimiert: Stammtorwart Wojciech Szczesny sah für sein elfmeterreifes Foul an Salpingidis die Rote Karte und wird im zweiten Gruppenspiel gegen Russland (12. Juni) auf jeden Fall fehlen.

Tyton mit Blitzstart



Tyton, der zumindest beim niederländischen Erstligisten PSV Eindhoven normalerweise erste Wahl ist, kam rein - und tauchte nach links unten ab: Erleichterung bei 56.070 Zuschauern im Nationalstadion von Warschau, kein Tor. "Es war ein Traum für mich, als ich ins Spiel gekommen bin. Gott sei Dank habe ich den Elfmeter gehalten", sagte der 25-Jährige. Zugleich versicherte er den polnischen Anhängern: "Wir lassen den Kopf nicht hängen." In der Nachspielzeit hätte Kostas Katsouranis den Ball fast noch ins eigene Tor gedroschen - und so unfreiwillig die Polen-Party gerettet.

Dazu kam es aber nicht, und irgendwie wäre es auch ungerecht gewesen, denn Polen hatte sich selbst das Leben schwer gemacht. Gegen widerspenstige Hellenen vergaben die EM-Gastgeber zahlreiche hochkarätige Chancen, sie verschenkten den Sieg, der das Land in einen vorübergehenden Ausnahmezustand versetzt hätte. "Einige Spieler waren vom Druck wie paralysiert. Aber wir sind nicht verloren. Jetzt müssen wir eben beide Spiele gewinnen", sagte Nationaltrainer Franciszek Smuda.

Polen beginnt wie die Feuerwehr



Nach der stimmungsvollen Eröffnungsfeier hatten die Polen, die mit fünf Bundesliga-Legionären in der Startelf antraten, zunächst ein hohes Tempo vorgelegt, sie bereiteten der teils hilflos wirkenden griechischen Abwehr große Probleme. Die Außenseiter konnten häufig nur hinterherhecheln. Erst nach der Pause wehrten sich die Griechen - und das zunächst in Unterzahl, nachdem Sokratis einen recht umstrittenen Platzverweis erhalten hatte. Der Schubser des bereits verwarnten Bremers gegen Rafal Murawski wirkte harmlos.

Das Tor von Salpingidis, der eine Verwirrung in der gegnerischen Abwehr nutzte, war die Konsequenz für schlampige Polen. Szczesny sah nicht gut aus - wie beim 1:0 Griechenlands Schlussmann Kostas Chalkias, der in seinem Strafraum umherirrte. Der 38-Jährige ist einer von insgesamt drei griechischen Spielern, die schon beim sensationellen EM-Triumph unter Rehhagel dabei gewesen waren.

Nach dem Führungstreffer feierten die begeisterten polnischen Fans Lewandowski lautstark mit Sprechchören. Durch das 1:0 beflügelt, spielte Polen den Gegner phasenweise an die Wand. Durch ihr aggressives Spiel zwangen sie die Griechen, die erstmals seit Juli 1994 ein Turnierspiel ohne Otto Rehhagel auf der Trainerbank bestritten, immer wieder zu Fehlern und Ballverlusten. Damien Perquis vergab eine Riesenchance zum 2:0, kurz danach erfolgte der Platzverweis, doch schon zu diesem Zeitpunkt hatten die Polen das Spiel bereits nach und nach aus der Hand gegeben. Nach der Pause wäre es beinahe völlig gekippt.


Polen: Szczesny - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Murawski, Polanski - Blaszczykowski, Obraniak, Rybus (70. Tyton) - Lewandowski. - Trainer: Smuda

Griechenland: Chalkias - Torossidis, Sokratis, Avraam Papadopoulos (37. Kyriakos Papadopoulos), Holebas - Katsouranis - Maniatis, Karagounis - Ninis (46. Salpingidis), Gekas (68. Fortounis), Samaras. - Trainer: Santos

Schiedsrichter: Carlos Velasco Carballo
Tore: 1:0 Lewandowski (17.), 1:1 Salpingidis (51.)
Zuschauer: 56.070 (ausverkauft)
Rote Karten: Szczesny nach einer Notbremse (68.)
Gelb-Rote Karten: Sokratis wegen wiederholten Foulspiels (44.)
Gelbe Karten: Holebas, Karagounis
Besondere Vorkommnis: Tyton hält Foulelfmeter von Karagounis (71. )
Erweiterte Statistik:
Torschüsse: 16:8
Ecken: 4:3
Ballbesitz: 53:47 Prozent