Stuttgart - Als Stuttgarts neuer Heilsbringer am Freitagabend aus der Mercedes-Benz-Arena schlendert, reicht es nur für ein paar kurze französische Sätze, um das zu erklären, was in den 90 Minuten zuvor gegen Borussia Dortmund so alles schief lief. Dabei war Geoffroy Serey Dié einer der ganz wenigen im VfB-Dress, die bei der bitteren 2:3-Niederlage vorangingen, sich wehrte und unter Beweis stellte, dass der drohende Abstieg des VfB Stuttgart noch lange nicht beschlossene Sache ist. Dié erfüllte damit die hohen Erwartungen – denn: Der Mann von der Elfenbeinküste soll Stuttgart retten.

Einen Spieler mit Leader-Qualitäten hatte der VfB in der Winterpause gesucht - einen, der die Jungen führt. Und sie haben Dié gefunden. Der Mittelfeld-Mann mit dem markanten Irokesenschnitt zeigte gegen die Dortmunder, was in ihm steckt und stemmte sich vehement und aggressiv der Übermacht entgegen. Von Beginn an stark in den Zweikämpfen und immer bemüht, den schnellen Ball zu spielen: Es gab teilweise Szeneapplaus für den frisch gekürten Afrika-Meister – die Hoffnungen ruhen auf ihn. Er ist jetzt schon auf dem Weg zum Publikumsliebling.

Dié hat den Abstiegskampf angenommen

Den immensen Erwartungsdruck hat Dié bislang locker stand gehalten. Vom ersten Tag an war er Wortführer im Training, gab taktische Hilfestellungen und ging charismatisch und mit großem Erfahrungsschatz vorneweg. Und auch vor dem Anpfiff gegen Dortmund klatschte er jeden einzelnen Mitspieler ab, ballte die Fäuste und trieb die Kollegen an. Dass der 30-Jährige die einzige Gelbe Karte der Stuttgarter kassierte – auch das spricht Bände. Dié hat den Abstiegskampf jetzt schon angenommen.

Generell ist Dié, der vom FC Basel kam, ein Experte fürs Extreme. Als Kind wächst er in Abidjan/Elfenbeinküste auf und landet mit Anfang 20 in der Schweiz beim FC Sion. Sieht dort übermotiviert viele Rote Karten, gewinnt später aber auch das Pokalfinale. Er erleidet einen Kreuzbandriss und wird wochenlang gesperrt, weil er einen Balljungen einen Klaps gegeben haben soll. Sogar mit einem später ausgeräumten Verdacht auf Spielmanipulation muss er sichauseinandersetzen.

Tränen bei der Nationalhymne

Dié (ausgesprochen: Diä) ist ein Typ, war er nach seinem Wechsel zum FC Basel auch bei der vergangenen Weltmeisterschaft unter Beweis stellte. Dort weinte er bei der Nationalhymne. Erst hieß es, sein Vater wäre zwei Stunden vor Anpfiff verstorben, dann stellte Dié klar: Er habe über sein schweres Leben geweint. Dieses Leben geht aus sportlicher Sicht nun in Stuttgart weiter.

Happy End allerdings nicht ausgeschlossen. Denn Dié wird seine verunsicherten Mitspieler in den kommenden Wochen antreiben und alles geben, den drohenden Niedergang noch aufzuhalten. Dabei wird aber auch er weniger Fehler machen müssen. Der Mann mit der Rückennummer 26 sah bei zwei Gegentreffern nicht glücklich aus – beim ersten konnte er Marco Reus nicht stoppen, beim zweiten kam er gegen Ilkay Gündogan einen Schritt zu spät.

Es war also keine fehlerfreie Vorstellung des Ivorers bei seinem Debüt. Aber stellt Dié jetzt noch seine Fehler ab, kann er wirklich zu dem werden, was der VfB so sehnlich sucht: einen Retter.

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer