Jon Goulding kommt aus England und ist Fußball-Fan. So weit, so gut. Doch manches unterscheidet Goulding von vielen seiner Landsleute. Denn Goulding ist seit er im Jahre 2002 sein erstes Bundesliga-Spiel besucht hat glühender Verehrer des deutschen Fußballs im Allgemeinen und des 1. FC Nürnberg im Besonderen.

Er ist außerdem Gründer von "1FCNUK", einem in Großbritannien beheimateten Fan-Club des 1. FC Nürnberg. Sein jüngst veröffentlichtes Buch "For Better or for Wurst" erzählt die Geschichte seiner Reisen nach Deutschland und das Glück und Leid eines "Club"-Anhängers. bundesliga.de hat mit Goulding gesprochen.

bundesliga.de: Jon, von der Mitte Englands bis nach Nürnberg ist es verdammt weit für ein Fußball-Spiel. Wie oft schaffen Sie es nach Deutschland zu kommen und den "Club" live zu sehen?

Jon Goulding: Tatsächlich kommen wir aus dem nordwestlichen Binnenland, aus North Staffordshire. Mit dem Auto sind das rund 1.000 Kilometer nach Nürnberg, also ein bisschen viel, um die Strecke in einem Stück zu schaffen. Ich bin einmal rüber gefahren und habe im Verlauf einiger Wochen drei Spiele gesehen, aber normalerweise fliegen wir. Die treuesten Fans von "1FCNUK" besuchen zwischen sechs und zehn Spiele pro Saison, viele der anderen Mitglieder machen zumindest ein bis zwei Mal im Jahr die Pilgerfahrt nach Deutschland. Seit der Finanzkrise ist es etwas schwerer geworden, Flüge in die verschiedenen deutschen Städte zu bekommen, da verschiedene Routen gestrichen wurden, aber am meisten erschwert werden die Reisen durch die Terminierung der Spiele. Wenn die exakten Terminierungen verkündet werden, sind die Schnäppchen-Flüge alle weg und die anderen sind zu teuer. In diesem Fall müssen wir uns die Spiele im TV ansehen.

bundesliga.de: Wie werden Sie von den Menschen in Nürnberg aufgenommen?

Goulding: Wir waren von Anfang an erstaunt, dass man uns mit offenen Armen empfangen hat. Wir wurden sofort akzeptiert, aber ich denke, dass die Nürnberger zunächst nicht geglaubt haben, dass unsere Begeisterung für den "Club" anhalten würde. Jetzt wissen sie, dass wir ernsthafte Anhänger sind, und wir werden auch von den Fan-Kollegen des "Club" respektiert. Da wir auch Auswärtsspiele von Nürnberg besuchen, interessieren sich auch viele Fans anderer Vereine für uns.

bundesliga.de: Sie machen das nun seit sieben Jahren, haben Sie inzwischen auch in England einige Menschen zum "Club" und "1FCNUK" bekehrt oder sind das hauptsächlich im Exil lebende Franken?

Goulding: Die meisten Mitglieder sind Briten, obwohl auch einige Amerikaner und Deutsche dabei sind. Manche unserer Mitglieder sind englischsprachig, leben aber in Franken. Es ist einfach toll, dass sich so viele Menschen für den 1. FC Nürnberg interessieren - inzwischen sind es bereits über 100. Natürlich gibt es auch einige Mitglieder, für die Gesellschaftsreisen nach Deutschland wichtiger als der Sport sind, aber für viele von uns hat Fußball die höchste Priorität, obwohl wir natürlich auch darauf achten, dass das Drumherum der Reisen stimmt.

bundesliga.de: Wann hat die Idee für ein Buch bei Ihnen Gestalt angenommen?

Goulding: Ich war im Februar 2007, einige Tage, nachdem der 1. FCN Bayern München auf eindrucksvolle Weise mit 3:0 aus dem DFB-Pokal geworfen hat, auf einer Reise in die USA. Ich las während des Fluges viele Berichte über die Geschichte des "Clubs" und fing an, einige Ideen darüber niederzuschreiben, wie "1FCNUK" gegründet wurde. Zu einer Zeit, da dieser schlafende Riese von einem Verein gerade anfing, sich zu regen. Hans Meyer hatte wahre Wunderdinge mit der Mannschaft vollbracht und schon vier Monate vor dem DFB-Pokalfinale war da dieses unbeschreibliche Gefühl, dass es für den 1. FC Nürnberg eine besondere Saison werden würde. Bei all der Euphorie, die damals um den Verein und um "1FCNUK" herrschte, gab es einige aufregende Dinge, über die es sich zu schreiben lohnte. Als es in der Folgesaison bergab ging, verwandelte sich dieses Gefühl in Verzweiflung. Aber es macht nun einmal wahre Anhängerschaft aus, dass man gemeinsam durch Höhen und Tiefen geht und diese Dinge mussten einfach aufgeschrieben werden. Nachdem ich angefangen hatte, schrieb sich das Buch durch unsere Reisen nach Deutschland und die Leistungen des Teams quasi von alleine.

bundesliga.de: Wie schlägt sich die Bundesliga Ihrer Meinung nach im direkten Vergleich mit der Premier League, von der die meisten sagen, sie sei der Maßstab schlechthin in Europa?

Goulding: Die Premier League bietet Hochgeschwindigkeitsfußball und ist äußerst konkurrenzfähig. Es gibt so viele hochklassige Spieler, aber die meisten Menschen reden nur über die Topteams und die Spitzenspiele, wenn sie über die Premier League urteilen. An der Spitze ist die Qualität natürlich sehr hoch. Jedoch gibt es viele Teams, die schwer zu kämpfen haben, um auf höchstem Niveau zu überleben. In dieser Hinsicht ist die Premier League der Bundesliga sehr ähnlich. In beiden Ligen ist es das Hauptmerkmal der Topclubs, das sie über eine riesige Menge an Geld verfügen. Aber in der Premier League sind es unglaubliche Mengen an Geld, viel mehr als in der Bundesliga und das zieht unweigerlich mehr Qualität an. Es bedeutet aber auch, dass einige höchst durchschnittliche Spieler unfassbar viel Geld bekommen.

bundesliga.de: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Premier League und der Bundesliga?

Goulding: Glücklicherweise ist die Bundesliga vom Reichtum nicht so verdorben wie die Premier League, und es gibt jede Woche faszinierende Spiele und viele Überraschungen. Die Topteams in Deutschland liegen am Ende der Saison immer sehr dicht beieinander, der Ausgang der Meisterschaft ist daher immer noch viel weniger vorhersehbar als in England, was bis zum Ende der Spielzeiten für Spannung sorgt. Je weiter die Saison in England fortschreitet und die gleichen zwei oder drei Teams das bekannte Szenario durchspielen, desto stärker muss das Interesse durch Medienrummel aufrechterhalten werden.

bundesliga.de: Wie sieht es in sportlicher Hinsicht aus?

Goulding: Die besseren Bundesliga-Teams würden in der Premier League überleben, weil sie einige fantastische Spieler haben. Ich würde jedoch sagen, dass die übrigen Teams auf Dauer nur in der Championship, also der 2. englischen Liga, konkurrenzfähig wären.

bundesliga.de: Sie schreiben in ihrem Buch von der großartigen und familienfreundlichen Atmosphäre in Deutschland. Haben Sie in diesem Zusammenhang einen Unterschied zwischen England und Deutschland festgestellt?

Goulding: In Deutschland sind die Fans allgemein etwas aktiver in ihrer Unterstützung. Die Fahnen und Banner bringen Leben in die Stadien und die Choreographie und die Kapos, also die Vorsänger, von manchen Vereinen erzeugen eine fantastische Stimmung. Eine große Hilfe dabei sind sicher die Stehränge in den meisten Bundesliga Stadien. In England gibt es auch sehr leidenschaftliche Fans, aber wenn sie dauernd aufgefordert werden, sich hinzusetzen, damit sie nicht hinausgeworfen werden, kann das schon etwas von der Leidenschaft abtöten. Die Infrastruktur der deutschen Stadien ist ebenfalls generell besser als in England, obwohl der Standard in den vergangenen Jahren in manchen Stadien deutlich erhöht geworden ist.

bundesliga.de: Wie steht es um das Thema Gewalt?

Goulding: Unglücklicherweise ist es für englische Fußballfans immer noch schwer, das Etikett "Hooligan" abzulegen, das von den Vorkommnissen in den 70er und 80er Jahren herrührt. In Deutschland sind die Fans vor und nach dem Spiel generell weniger aggressiv als in England. Es scheint wichtiger zu sein, etwas zusammen zu trinken und sich freundschaftlich zu necken als den Rivalen tiefempfundenen Hass entgegen zu bringen.