Mönchengladbach - Als Granit Xhaka vor gut einem Jahr bei Borussia Mönchengladbach aufschlug, schien er es von den drei Neuzugängen vergleichsweise am leichtesten zu haben.

Während Alvaro Dominguez und Luuk de Jong in die riesigen Fußstapfen von Dante und Marco Reus treten mussten, sollte der Schweizer "nur" die Nachfolge von Roman Neustädter antreten. Dass aber auch der Schweizer Probleme hatte, ein adäquater Ersatz für den nach Schalke abgewanderten Mittelfeldspieler zu werden, stellte sich schon früh im Laufe der vergangenen Hinrunde heraus.

"Das war Gändehaut pur"



Xhaka fand als Sechser die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht, und auch als ihn Trainer Lucien Favre weiter vorne einsetzte, wirkte der damals 19-Jährige nicht wie das große Talent, das sich die Fohlen versprochen hatten. Die Folge: Nach acht Spieltagen schickte Favre seinen Schützling auf die Bank und ließ ihn dort bis zum 30. Spieltag schmoren.

Doch Xhaka ließ nicht nur auf dem Platz das richtige Gleichgewicht missen, sondern sorgte auch daneben für eine Disbalance. Seinen mäßigen Leistungen standen (zu) forsche Sprüche gegenüber, wodurch er sich rund um den Borussia-Park wenig Freunde machte. Das große Selbstvertrauen, mit dem er vom Champions-League-Teilnehmer FC Basel angereist war, erwies sich für den Nationalspieler eher als Ballast denn als Hilfe.

Ein knappes Jahr später hat sich das Blatt gewendet: Beim 4:1-Sieg gegen Werder Bremen wurde Xhaka bei seiner Auswechslung vom Borussen-Anhang gefeiert - und er genoss den Augenblick. "Das war Gänsehaut pur", freute sich Xhaka, der nach 60 Minuten von Favre wegen Gelb-Rot-Gefahr vom Platz geholt wurde. Zuvor hatte er den Führungstreffer mit einem herrlichen 40-Meter-Pass auf Juan Arango vorbereitet.

Kongeniales Duo mit Christoph Kramer



Wie der geläuterte Xhaka das richtige Gleichgewicht fand, verriet er unlängst vor der versammelten Schweizer Presse. "Ich weiss, dass ich den gleichen Fehler wie letzte Saison nicht mehr mache. Weniger reden und mehr Leistung auf dem Platz zeigen" - das sei das Motto für die laufende Spielzeit. Und wie es scheint, hat der 20-Jährige seine Lektion gelernt.

Bereits an den ersten drei Spieltagen setzte er das fort, was er am Ende der vergangenen Saison angedeutet hatte. Während er sich aber im Frühjahr noch darauf konzentrierte, die Defensivarbeit zu stärken, traut sich Xhaka nun wieder mehr nach vorne zu. Dank seiner Spielverlagerungen ist Gladbachs Offensive, die sich ansonsten mit kurzen Flachpässen zum gegnerischen Strafraum kombiniert, flexibler aufgestellt.

Zusammen mit dem umtriebigen Christoph Kramer ist Xhaka mittlerweile der Chef im Gladbacher Mittelfeld. Im Schnitt war er bislang 78 Mal pro Partie am Ball, während es in der vergangenen Saison nur 66 Ballkontakte waren. Das zeigt, dass Xhaka vermehrt von seinen Mitspielern gesucht wird. Auch in Sachen Zweikampfhärte hat der Schweizer deutlich zugelegt: Er gewann in den ersten vier Saisonspielen 57 Prozent seiner Duelle, 2012/13 waren es noch 47 Prozent.

Lob von Hitzfeld: "Granit hat einen weiteren Schritt gemacht"



Neben seiner Zurückhaltung abseits des Platzes war vor allem Favres Detailarbeit das große Erfolgsgeheimnis, mit dem Xhaka der Durchbruch gelang. "Ich dachte zuerst, was ist das für ein Mist", erinnert sich der Youngster an Zusatzschichten in Sachen Ballan- und Mitnahme. "Mittlerweile habe ich verstanden, dass ich das machen muss und es für meine Zukunft einfach brauche. Deshalb werde ich weiter zusätzlich hart arbeiten."

Die Umstellung von der eher beschaulichen Schweiz in die deutsche Eliteliga ist mittlerweile geglückt. "Die Bundesliga ist schon noch mal was anderes. Wenn du hier den Ball annimmst, sind sofort zwei, drei Gegenspieler da", sagt Xhaka, der in der vergangenen Saison mit leichtsinnigen Ballverlusten seinem Trainer einige graue Haare mehr bescherte.

Dass der geborene Kosovare auf dem richtigen Weg ist, hat auch sein Nationaltrainer festgestellt. "Granit hat einen weiteren Schritt gemacht. Er hat das Vertrauen von Favre mit guten Leistungen zurückbezahlt. Ich freue mich, dass er die Chance wahrgenommen hat", sagt Ottmar Hitzfeld. Trotz des mageren 4:4 gegen Island am Freitag, als die Schweiz einen 4:1-Vorsprung verspielte, bekam Xhaka die besten Noten.

Johannes Fischer