Der FC Bayern München befindet sich schon seit geraumer Zeit in einem Prozess. Auch und besonders vor dem wichtigen Hinspiel im Achtelfinale der Champions League gegen den AC Florenz am Mittwoch (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) in der Allianz Arena ist dies erkennbar.

Trotz 14 Pflichtspielen ohne Niederlage, neun Siegen in der Bundesliga in Folge und einer vor Selbstvertrauen strotzenden Mannschaft brechen beim Rekordmeister weder Jubelgesänge noch Lobeshymnen aus.

Ganz im Gegenteil: an der Säbener Straße herrschen Konzentration und Disziplin; Respekt und sogar ein wenig Bescheidenheit. Es herrscht die Philosophie des Louis van Gaal.

Internationale Auftritte beeindrucken van Gaal

"Florenz ist eine gute Mannschaft mit guten Spielern. Es ist ein schwerer Gegner", warnt Bayerns Cheftrainer besonnen im Vorfeld. Obwohl der AC Florenz in der italienischen Serie A derzeit nur Tabellenplatz 11 belegt, trennt van Gaal die Leistungen zwischen heimischer Liga und internationalem Parkett: "Sie haben 15 Punkte geholt und sind seit fünf Spielen in der Champions League ungeschlagen. Wenn wir 1:0 gewinnen, bin ich sehr froh."

Die eigene Leistung kehrt er dennoch nicht unter den Tisch: "Die Mannschaft ist sehr fit und wir haben keine Verletzten." Was auch für Miroslav Klose gilt, der nach überstandener Sprunggelenks-Verletzung wieder eine Alternative für die Offensive darstellt.

"Vorlegen und am besten zu Null gewinnen"

Die Bayern wissen natürlich um ihre momentan beeindruckende Verfassung, scheinen aber dennoch auf einen Ausrutscher vorbereitet. "Unser Heimspiel ist kein Vorteil und die Ergebnisse vom letzten Jahr zählen gar nichts", sagt Kapitän Mark van Bommel. Bereits in der vergangenen Champions-League-Saison trafen beide Teams in der Vorrunde aufeinander, die Münchner gewannen beide Partien. Doch Philipp Lahm weiß um die Stärken des Gegners aus der Toskana: "Es wird schwierig, denn der AC Florenz ist besser als letztes Jahr. Aber wir wollen vorlegen und am besten zu Null gewinnen."

Selbstbewusstsein, Bescheidenheit und die Fähigkeit zur Selbstkritik liegen beim FC Bayern im Jahr 2010 sehr nah beieinander, selbst die holprige Saisonstart und das Beinahe-Aus in der "Königsklasse" werden offen thematisiert, haben sogar heilsame Kraft: "Es hat Zeit gebraucht, bis wir ins Rollen gekommen sind. Das hat die Mannschaft gefestigt. Jetzt sind wir in einer ganz anderen Phase, müssen aber dennoch weniger Torchancen zulassen als in den vergangenen drei Bundesligaspielen. Es wird kein leichtes Spiel gegen Florenz, aber wir sind gut drauf."

Van Gaal hat die Bayern im Griff

Der momentane Prozess trägt eindeutig die Handschrift des holländischen Cheftrainers der Bayern. Selbstbewusstein und Spaß sind erlaubt, aber bitte im angemessenen Rahmen, Überheblichkeit kommt da gar nicht erst auf, Verbesserungsansätze gibt es bei der Mannschaft immer. Van Gaal ist zudem ein subtiler Motivator: überschwänglich zufrieden ist er selten, selbst kleinste Fehler auf dem Platz werden konstruktiv kritisiert. Er nennt den FC Bayern nicht nur eine Spitzenmannschaft, er behandelt sie auch so.

Schritt für Schritt wachsen Trainer und Spieler zusammen, der Prozess verläuft stetig, derzeit erfolgreicher denn je. Der Rekordmeister scheint bestens auf langfristigen Erfolg eingestellt, die Balance zwischen der eigenen Stärke und dem Respekt vor den Gegnern - also auch vor dem AC Florenz - ist da. "Es sind nur zwei Spiele. Da kann jeder Fehler entscheidend sein", mahnt van Gaal, der seine Mannschaft vor Überheblichkeit offensichtlich nicht warnen muss: "Wir werden Florenz nicht unterschätzen. Das kann auf diesem Niveau nicht passieren. Wir werden unser Spiel machen."

Nur nicht abheben

Die Doppelbelastung der Champions League hält van Gaal im Hinblick auf die Bundesliga für kein großes Problem: "Die Bundesliga ist ein starker Wettbewerb. Und natürlich haben Schalke und Bayer Leverkusen diese zusätzlichen Spiele nicht und können sich so die ganze Woche auf den nächsten Gegner konzentrieren. Aber ich bin froh, dass wir diese Spiele in der Champions League haben!"

Wie schnell eine Siegesserie reißen kann wissen die Bayern um Kapitän van Bommel genau, scheinen dadurch aber eher gefestigt denn verängstigt: "Meiner Meinung nach sind wir sehr stabil. Aber das kann sich in ein bis zwei Spielen ändern. Wir müssen daher konzentriert weiterarbeiten." Höhenflüge scheinen bei solchen Aussagen fast ausgeschlossen.

Stattdessen herrscht schon seit einigen Wochen beste Stimmung beim Rekordmeister. Auf die Frage nach dem sicheren Gewinn der Champions League antwortete van Bommel: "Garantien bekommt man auf Waschmaschinen, nicht im Fußball." "Da kann ich nichts mehr hinzufügen", lachte Lahm. So kann der Prozess nach Ansicht der Bayern sicherlich weitergehen.

Vom FC Bayern berichtet Barnabas Szöcs