Neun Spieltage sind absolviert, erste Tendenzen verfestigen sich. Die Tabelle besitzt langsam Aussagekraft. bundesliga.de hat fünf Thesen formuliert und dazu den Experten Thomas Berthold befragt. Der Weltmeister von 1990 bezieht Stellung:

These 1: Hamburg gehen die Stürmer aus: Um oben dranzubleiben, muss der HSV nochmal aktiv werden und einen Angreifer holen!

So sieht es Thomas Berthold:
Der HSV sollte nicht nur einen Stürmer holen, besser wären sogar zwei. Allerdings hat Trainer Bruno Labbadia nicht unrecht, wenn er sagt, dass man im Moment nur vereinslose Spieler bekommt. Bis die Spieler die nötige Fitness erreicht haben, braucht es ein paar Monate Zeit. Dann kommt auch schon die Winterpause, in der die Transferlisten wieder offen sind. Der HSV muss sich auch fragen, was für einen Spielertyp er braucht. Ihm fehlt ein großer, kopfballstarker Stürmer vom Typ Jan Koller. Vielleicht gibt es auf dem südamerikanischen Markt einen solchen Spieler, der in Labbadias System passt. Dort ist die Saison ja Ende Oktober vorbei. Aber es wird auch immer eine Preisfrage sein. Spieler, die Tore garantieren, sind entsprechend teuer.

These 2: Achte Niederlage in Folge für die Hertha: Was ist nur los bei den Berlinern? Reicht die Qualität für die Bundesliga?

So sieht es Thomas Berthold:
Eine schwere Frage. Die Mannschaft hat in der letzten Saison über dem Limit gespielt. Da hat alles gepasst, da wurden knappe Spiele, die eigentlich remis enden mussten, mit 1:0 gewonnen. Dann haben drei wichtige Spieler den Club verlassen. Im Moment muss man die Gesamtproblematik sehen: Hertha hat viele Verletzte, das Umfeld ist nicht einfach. Jetzt sind sie tief unten reingerutscht. Ich habe den Eindruck, die Mannschaft hat noch gar nicht richtig erkannt, dass sie sich in Abstiegsgefahr befindet. Die vielen Niederlagen werden dann zu einem mentalen Problem. So einfach das immer klingt: Das Salz in der Suppe sind Siege. Sie müssen unbedingt mal ein Spiel gewinnen. Ich gehe davon aus, dass die Hertha bis zur Winterpause unten drinstecken wird. Dann muss der Verein reagieren. Es ist aber immer schlecht, wenn man reagieren muss und nicht agieren kann. Dadurch steht man unter Druck. Das wird ein spannendes Thema bleiben.

These 3: Der FC Bayern bläst zur Aufholjagd und startet jetzt eine Serie, ähnlich wie im letzten Jahr!

So sieht es Thomas Berthold:
Ja, das ist ihm zuzutrauen. Die Qualität ist ja da, vor allem in der Offensive. Bei der Defensive bin ich mir nicht so sicher, ob sie die Qualität hat, die der FC Bayern für seine hohen Ziele braucht. Wenn sie die restlichen Spiele gewinnen, sind sie oben mit dabei. Ob es für die Herbstmeisterschaft reicht, wird man sehen. Die kommenden Wochen werden interessant. Ich bin gespannt, wie sie die hohe Belastung mit den vielen Spielen auch in der Champions League wegstecken. Noch ein Wort zu Thomas Müller: Der Junge macht einen sehr guten Eindruck auf mich, weil er vor dem Tor ruhig bleibt und schon sehr abgeklärt ist. Das ist auch ein Spieler für Jogi Löw. Für mich kann man einen Spieler nie zu früh nominieren, es geht nach der Leistung. Und die ruft er stetig ab.

These 4: Werder Bremen kann endlich auch defensiv- fünf Spiele ohne Gegentor. Die neue Taktik an der Weser führt zum Erfolg!

So sieht es Thomas Berthold:
Das ist ja eine alte Fußballerweisheit, dass die Defensive Meisterschaften gewinnt. Sie stehen jetzt viel kompakter. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Werder am Ende oben mit dabei ist. Sie haben aus der letzten Saison gelernt, dass man nicht auf Dauer Spiele mit 5:4 gewinnen kann. Sie haben sich Gedanken gemacht und umgestellt. Werder hat eine erfahrene Mannschaft, die seit zehn Jahren oben mitspielt und immer international vertreten ist. Sie haben den Abgang von Diego sehr gut verkraftet und mit Mesut Özil einen Spieler, der die Qualität hat, ihn zu ersetzen. Werder wird eine gute Rolle spielen.

These 5: Magath trimmt Schalke auf Erfolg - der FC Schalke 04 entwickelt sich zum Überraschungstitelkandidaten!

So sieht es Thomas Berthold:
Das glaube ich nicht. Für den Titel langt es nicht. Im Moment spielen die Jungs unbekümmert auf. Schalke hat einige Spiele wie jetzt in Stuttgart ein bisschen glücklich gewonnen. Aber jetzt stehen sie erst einmal oben. Sie haben schon eine Menge Punkte eingefahren, die ihnen niemand mehr nehmen kann. Und mit jedem Sieg wächst das Selbstvertrauen. Aber vom Spielermaterial sind sie für mich kein Titelkandidat. Ich finde gut, wie Felix Magath arbeitet. Er stellt nicht nach den großen Namen auf, sondern nach dem Leistungsprinzip. Dann muss auch ein Kevin Kuranyi mal auf die Bank und sich neu beweisen. Schalke hat auch ein bisschen Glück mit dem Spielplan gehabt. Die harten Brocken kommen erst noch. Jetzt geht es nacheinander gegen den HSV, Leverkusen und Bayern.




Mit Thomas Berthold sprach Tobias Gonscherowski